„Du Neandertaler!“ Jeder weiß, was mit dieser Beleidigung gemeint ist: Noch immer haben unsere archaischen Cousins ein schlechtes Image. Sie gelten als rückständig, grobschlächtig und dumm. So scheint es nicht verwunderlich, dass unsere cleveren Vorfahren sie schnell aus Europa verdrängen konnten. Doch dieses Bild entspricht schon lange nicht mehr dem Stand der Forschung. Es wird immer deutlicher, dass die Neandertaler dem modernen Menschen durchaus ähnlicher waren als lange vermutet.
Unser archaischer Cousin verdient Respekt
Es ist beispielsweise belegt, dass sie geschickte Werkzeugmacher waren, ihre Toten bestatteten, sich mit Perlen aus Muschelschalen schmückten, sowie möglicherweise Höhlenkunst schufen. Wie kulturell entwickelt sie tatsächlich waren, lässt sich allerdings anhand von Funden nur begrenzt feststellen, denn die meisten Gegenstände waren wohl aus vergänglichen Materialien hergestellt, die nur selten Spuren hinterlassen haben. Anthropologen sprechen in diesem Zusammenhang von der „fehlenden Mehrheit“.
Doch in manchen Fällen sind wenigstens Spuren solcher vergänglicher Elemente erhalten geblieben. So hatten Funde von Pflanzenfaser-Resten auch vor der aktuellen Studie schon vermuten lassen, dass die Neandertaler Techniken zur Schnurherstellung beherrschten. Doch für die Entstehung dieser einzelnen gedrehten Faserstränge schienen auch andere Erklärungen möglich. Ein zweifelsfreier Nachweis von Zwirn-Techniken fehlte deshalb bisher.
Dreilagig und verdrillt
Den haben die Forscher um Bruce Hardy vom Kenyon College in Gambier nun geliefert. Der Fund stammt vom Ausgrabungsort Abri du Maras im Südosten Frankreichs. Die Wissenschaftler entdeckten das sechs Millimeter lange und etwa 0,5 Millimeter breite Stück aus Pflanzenfasern auf der Oberfläche einer sechs Zentimeter großen Steinklinge, die aus der Zeit der Neandertaler stammt: Den Datierungen zufolge sind die Funde 41.000 bis 52.000 alt.
Die mikroskopischen Untersuchungen des Materials enthüllen die Zwirntechnologie der Neandertaler nun auf buchstäblich dreifache Weise. Denn das Fragment besteht den Analyseergebnissen zufolge aus drei einzelnen Fasersträngen, die jeweils im Uhrzeigersinn gedreht worden waren. Anschließend hatte man sie dann gemeinsam gegen den Uhrzeigersinn miteinander verdrillt, um einen stabilen Zwirn herzustellen, erklären die Wissenschaftler. „Das Seil-Fragment aus Abri du Maras ist damit nun der bisher älteste direkte Nachweis einer Fasertechnologie“, schreiben die Wissenschaftler.
Waren Seil und Schnur Teil der Neandertaler-Kultur?
Wie sie erklären, lässt der Fund des Fragments auf der Oberfläche der Steinklinge vermuten, dass die Schnur einst als Griff um dieses Werkzeug gewickelt war. Es ist aber auch möglich, dass das Stückchen Teil eines Netzes oder einer Tasche war, die das Werkzeug enthielt, schreiben Hardy und seine Kollegen. Ihnen zufolge ist anzunehmen, dass auch die Neandertaler schon Seile und Schnüre für viele unterschiedliche Zwecke verwendeten.





