Prof. Dr. Holger Sonnabend
Herculaneum steht in der allgemeinen Wahrnehmung immer etwas im Schatten von Pompeji. Die Stadt, wie der berühmtere Nachbar 79 n. Chr. durch den Ausbruch des Vesuvs zerstört und zugleich konserviert, war kleiner, weniger betriebsam, und aufgrund moderner Überbauung ist auch nur etwa ein Viertel des einstigen Areals erhalten. So fehlen fast komplett die öffentlichen Gebäude und Areale. Und doch hat Herculaneum viel zu bieten, wie das neue Buch von Umberto Pappalardo zeigt. Der Autor, Direktor des Centro Internazionale per gli Studi Pompeiani, ist ein durch viele Publikationen ausgewiesener Experte für Geschichte und Archäologie der antiken Städte und Stätten rings um den Vesuv.
Das klar gegliederte Buch liefert zunächst einen kurzen Abriss der Geschichte der Stadt. Es folgen ein Überblick über die Ausgrabungen seit 1738, Angaben zu Lage und Stadtbild und zur Sozialgeschichte. Kernstück ist das Kapitel „Ein Tag in der antiken Stadt“, in dem der Autor seine Leser durch die Viertel der Stadt begleitet und sie dabei kompetent über alle relevanten Aspekte des alltäglichen Lebens aufklärt.
Ein eigener Abschnitt ist der Villa dei Papiri mit ihren einzigartigen Papyrusfunden gewidmet. Dazu kommen Kapitel über den mythischen Stadtheros Herkules und den prominentesten Bürger Marcus Nonius Balbus. Beigefügt ist ein von Rosaria Ciardiello verfasster Beitrag über die Rezeption Herculaneums im Deutschland des 18. Jahrhunderts.
Besonders spannend sind die Ausführungen über die Grabungen am Hafen, die aufgrund modernster naturwissenschaftlicher Methoden ein neues Bild von den menschlichen Tragödien ergeben haben, die sich am 24. Oktober 79 n. Chr. in Herculaneum abspielten. Pappalardo übernimmt dabei die inzwischen allgemein akzeptierte Neudatierung des Vesuvausbruchs statt des traditionellen Datums 24. August.
Die urbanen und sozialen Strukturen unterschieden sich deutlich von den Verhältnissen in Pompeji. Herculaneum war, wie der Autor sagt, „ruhiger und vornehmer“. Handwerk und Industrie spielten nur eine sekundäre Rolle. Wer arbeitete, lebte von Fischfang oder agrarischen Produkten. Die überdurchschnittlich vielen wohlhabenden Bürger wohnten in repräsentativen, mit Mosaiken und Wandmalereien ausgestatteten Stadtvillen mit Meerblick. Die dicke Tuffschicht, die Herculaneum bedeckte, sorgte auch für eine bemerkenswert hohe Zahl von konservierten Objekten aus Holz.
Der Autor liefert in dem reich illustrierten, modern gestalteten Band eine informative, gut lesbare Bilanz der jüngsten Forschungen zu Herculaneum. Eingestreute Quellenzitate verleihen der Darstellung ein hohes Maß an Anschaulichkeit. Es darf natürlich auch nicht das berühmte Latrinen-Graffito aus der Casa della Gemma fehlen, wo der Leibarzt des Kaisers Titus, kurz vor dem Ausbruch des Vesuvs, auf ein für ihn offenbar nicht selbstverständliches Erfolgserlebnis hinweist (bei der Lektüre also nicht Seite 80 überblättern).
Inhaltlich ist nur wenig zu kritisieren, so die arg knapp geratene Passage über die Sozialgeschichte oder die Inkonsequenz bei den Angaben über die Einwohnerzahl (mal etwa 5000, mal – sicherlich zu hoch gegriffen – 10 000). Der Einladung des Autors, mit ihm eine Zeitreise nach Herculaneum zu unternehmen, sollte man unbedingt Folge leisten.
Umberto Pappalardo, Herculaneum. Eine Zeitreise in die Vesuvstadt. Verlag wbg Philipp von Zabern/Herder, Freiburg im Breisgau 2026, 112 Seiten, € 26,–.





