Prof. Dr. Philipp Austermann
Karten sind ein bewährtes Mittel, um geographische, wirtschaftliche oder geschichtliche Zusammenhänge verständlich und einprägsam darzustellen und zu erklären. Der Ökonom und Autor Hans Christian Müller und der renommierte Grafiker Peter Palm führen in ihrem neuen Buch in acht Kapiteln mithilfe von 150 gezeichneten Stadtplänen und erläuternden Texten durch die Berliner Geschichte.
Jedes Kapitel beginnt mit einer Übersicht über die wichtigsten Daten und Ereignisse. Das bunte Panorama verschiedener Themen kann in einer Rezension nur ansatzweise wiedergegeben werden. Drei Aspekte treten hervor: Berlin ist seit seiner Gründung stetig (und ab 1990 wieder zusammen-)gewachsen, Berlin spielte vor allem seit 1871 eine bedeutende politische Rolle, und Berlin war (und ist) eine in vielen Bereichen typische und wegen der jahrzehntelangen Teilung zugleich eine sehr besondere Großstadt.
Das Zusammenwachsen vieler kleiner Gemeinden und schließlich auch der beiden Stadthälften seit 1990 wird an mehreren Stellen aufgegriffen. Eine schöne Karte belegt, warum noch heute manche Bezirke und Ortsteile ein „-dorf“ im Namen führen. Durch das Groß-Berlin-Gesetz von 1920 wurden fast 100 selbstständige Orte mit der Stadt Berlin fusioniert (was mit drei Plänen eindrucksvoll beschrieben wird): Berlins Fläche war nun 13-mal größer und seine Einwohnerzahl doppelt so hoch. Sie stieg bis 1942 auf 4,5 Millionen an – und sank dann im Zuge des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Teilung, um danach wieder auf 3,9 Millionen zu steigen.
Dass bis zum Jahr 1920 auf dem heutigen Stadtgebiet so viele eigenständige Orte existierten, hat noch heute Folgen für die Post und das Navigieren in der Stadt: Die Straßennamen wurden nicht vereinheitlicht. Es gibt – wie eine Karte verrät – allein elf Waldstraßen, neun Charlottenstraßen und sieben Berliner Straßen.
Berliner Geschichte ist in der Regel deutsche Geschichte. Das zeigen etwa die Karten und Texte, welche die Aufstände in Berlin (1848, 1919 und 1953), die Botschaftssitze (und deren Veränderung), die Umbenennung von Straßen, das frühere Regierungsviertel und die größenwahnsinnigen NS-Pläne für „Germania“, die Orte nationalsozialistischer Verfolgung, die Kriegsschäden und die deutsche Teilung (versinnbildlicht durch die mörderische Mauer) darstellen.
Auch für deutsche Kunst und Wissenschaft, vor allem bis 1933, war Berlin ein wichtiger Ort. Man kann das an zwei Stadtplänen erkennen, welche die Wohnorte und Treffpunkte berühmter Künstler und die Arbeitsstätten anerkannter Wissenschaftler zeigen. 1930 wirkten unglaubliche zehn aktuelle beziehungsweise künftige Nobelpreisträger in Berlin. Die Flucht von Künstlern und Wissenschaftlern setzte 1933 ein. Der Verlust ist bis heute spürbar. Das Buch ist eine Fundgrube, auch für Berlin-Kenner. Es lädt dazu ein, die oftmals gescholtene Hauptstadt als geschichtlich und kulturell faszinierenden Ort zu entdecken: lesend und reisend.
Hans Christian Müller/Peter Palm, Berliner Geschichte in Karten. BeBra Verlag, Berlin 2026, 128 Seiten, € 26,–.





