Der kleine Ort Helfta ist heute ein Ortsteil der Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt und auf den ersten Blick nicht besonders spektakulär. Doch im 10. Jahrhundert lag dort eine Königspfalz von Kaiser Otto dem Großen und seinem Sohn, Otto II. Aus historischen Aufzeichnungen geht hervor, dass sich die ottonischen Herrscher mehrfach in der Burganlage von Helfta aufhielten. Wo genau diese Königspfalz jedoch lag, blieb lange unklar.
Erst im Jahr 2009 stießen Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt auf die ersten Überreste der lange verschollenen Pfalz: Auf der Anhöhe „Kleine Klaus“ entdeckten sie einen ausgedehnten Siedlungs- und Befestigungskomplex aus dem Mittelalter. Mittelpunkt dieser Anlage bildeten die im Jahr 969 durch Otto den Großen gegründete Radegundiskirche und ein aus derselben Zeit stammender Palast mitsamt königlicher Residenz und Versammlungshalle. Ebenfalls zur Königspfalz gehörten mächtige Befestigungen der Hauptburg und ihrer Vorburgen, aber auch Grubenhäuser und Werkstätten der einfachen Bevölkerung.
Ein drittes repräsentatives Gebäude in der Königspfalz
Jetzt gibt es neue spektakuläre Funde in der Königspfalz von Helfta: Im Sommer 2026 haben Archäologen des Landesamts unter Leitung von Felix Biermann neben Kirche und Palast noch ein weiteres repräsentatives Steingebäude in der Anlage entdeckt. Das neun mal fünf Meter große Gebäude weist eine gut erhaltene Zugangstreppe auf und ist unterkellert. Wie der Palast stammt auch dieser Fund aus dem 10. Jahrhundert und damit aus der Zeit der Ottonen. Es ergänzt die Gruppe der repräsentativen Bauwerke, die damals das Zentrum der Helftaer Pfalz bildeten: „Das aus Stein errichtete und weithin sichtbare Ensemble aus Kirche, Palast und dem neu entdeckten Bauwerk stellte eine beeindruckende Demonstration von Anspruch und Macht des Königs dar“, erklärt das Landesamt.
Wozu dieses dritte herrschaftliche Gebäude der Königspfalz diente, ist noch unklar. Die Archäologen vermuten aber, dass es sich um ein Gästehaus für das adelige Gefolge des Herrschers handeln könnte. Denkbar wäre auch, dass es sich um die Residenz des Burggrafen handelte, der die Königspfalz in Abwesenheit des Königs verwaltete. Ein weiterer neuer Fund ist eine ebenfalls aus ottonischer Zeit stammende mit Steinen befestigte Terrasse an der Ostseite des Palastes. Sie bildete ein erhöhtes Podest in dem von Palast und Kirche begrenzten Hof der Pfalz. Möglicherweise diente sie als Bühne für Versammlungen unter freiem Himmel. Die neu freigelegten Bauten ergänzen das facettenreiche Bild der Königspfalz, zusammen ist das Ensemble ein Zeugnis der architektonischen Herrschaftsrepräsentation Kaiser Ottos des Großen und seines Sohnes.
Zeugnisse für den Lebensstandard der adeligen Bewohner und Besucher der Königspfalz haben Biermann und sein Team ebenfalls entdeckt. Innerhalb des reichen Fundmaterials stechen etliche Silbermünzen aus dem 10. bis 15. Jahrhundert sowie ottonische Schmuckstücke wie Ohrringe und emaillierte Gewandspangen hervor. Auch eine ungewöhnliche halbmondförmige Fibel, das kreisaugenverzierte Fragment eines Geweihkästchens aus der Zeit um 1000 und Keramik mit typischen slawischen Wellenverzierungen waren unter den neuen Funden.

In der Königspfalz gefundenes Fragment eines verzierten Kästchens aus Geweih, herstellt im 10. Jahrhundert. — © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/ Andreas Kieseler
Grubenhäuser und Werkstätten der einfachen Leute
Doch nicht alle Bauten der Königspfalz waren repräsentative Machtdemonstrationen. Um den Herrscher und die Adeligen in seinem Gefolge versorgen und bewirten zu können, waren unzählige Bedienstete und Handwerker nötig. Weitere Überreste ihrer Wohnhäuser und Werkstätten haben die Archäologen jetzt in der südöstlichen Vorburg der Pfalz freigelegt. Dazu gehören mehrere rechteckige Grubenhäuser, in denen die Menschen lebten, die die wirtschaftliche Basis des Pfalzortes bildeten. Typischerweise waren diese Häuser drei mal fünf Meter groß und hatten einen rund einen halben Meter tief in den Boden eingelassenen Fußboden. Darüber boten Wände aus Flechtwerk und Lehm und ein Dach aus Holz oder Reet Schutz vor der Witterung. Eine zentrale Feuerstelle diente als Heizung und Kochstelle zugleich.
Fundstücke wie Tongewichte, Gusstiegel und ein Kalkbrennofen zeigen, welchen Tätigkeiten diese einfachen Bewohner der Pfalz nachgingen: Sie fertigten Kleidung und andere Textilien an, produzierten Kalk für Putz und Mörtel und stellten Objekte aus Buntmetallen her, wie die Archäologen berichten. Diese Funde geben Einblick in die ökonomischen und sozialen Strukturen der mittelalterlichen Pfalz und ihrer Siedlung. Die königliche Lebenssphäre und jene des einfachen Volkes waren damals nicht nur durch die Befestigungsanlagen der Hauptburg voneinander getrennt, sondern auch durch den Lebensstandard der unterschiedlichen Schichten.
Die Archäologen setzen ihre Ausgrabungen auf dem Gelände und im unmittelbaren Umfeld der ottonischen Königspfalz Helfta noch bis zum 24. Oktober 2026 fort. Sie werden durch insgesamt rund 20 Freiwillige unterstützt, die ehrenamtlich an der Ausgrabung teilnehmen.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte





