Die ehemalige Benediktinerabtei Westminster Abbey in London ist schon seit Jahrhunderten die Krönungskirche der englischen und britischen Könige - und ihre Grablege. Bis 1760 wurden in dieser Kirche und auf dem Abteigelände fast alle Herrscher des Landes sowie weitere hochrangige Persönlichkeiten beigesetzt. Einige dieser Grabstätten wurden erst bei Umbauten und Erweiterungen der Kirche wiederentdeckt.
Ein Steinsarkophag mit Inschrift und Kreuz
Dies geschah auch im Jahr 1869, als Arbeiter bei Umbauarbeiten an der Nordseite der Westminster Abbey auf einen Kalksteinsarkophag mit einem Toten darin stießen. Dieser schien aus römischer Zeit zu stammen, denn der Sarkophag trug eine Inschrift, die Valerius Amandinus gewidmet war – einem wohlhabenden Mann, der in der Zeit zwischen 300 und 400 in London lebte. Dazu passte allerdings nicht, dass der Sargdeckel mit einem lateinischen Kreuz aus dem 10. oder 11. Jahrhundert verziert war. Das warf Fragen auf: Wurde der Sarkophag nur nachträglich mit diesem Kreuz verziert oder stammt auch der Tote aus dieser späteren Zeit?
Fast 150 Jahre lange blieb die Identität dieses Toten ein Rätsel – bis jetzt. Denn ein Team des Archäologieunternehmens Pre-Construct Archaeology unter Leitung von Warwick Rodwell, dem beratenden Archäologen der Westminster Abbey hat sich den Sarkophag und seinen Inhalt nun noch einmal genauer angesehen. Im Rahmen der Untersuchungen wurde der Sarkophag erneut geöffnet und Forschende datierten die Gebeine des Toten erstmals mit modernen Methoden und analysierten eine Knochenprobe. Auch der restliche Inhalt des Steinsarkophags wurde genauer untersucht.

Der Schädel des Toten. Die Pfeile markieren Bruchstellen, die beim ersten Fund der Gebeine entstanden und die 1869 repariert wurden. — © Pre-Construct Archaeology Ltd./ CC-by-nd 4.0
Ein Toter aus dem Mittelalter – war es ein Abt?
Die Analysen lieferten erstmals nähere Hinweise auf den Toten und das Alter des Grabes. Die Radiokarbondatierung der Knochenprobe ergab, dass die Gebeine aus der Zeit zwischen 987 und 1052 n. Chr. stammen. Der Inschrift zufolge muss der Steinsarkophag zwar schon in römischer Zeit gefertigt worden sein, sein Inhalt war jedoch neueren Datums. „Dies bestätigt, dass der Sarkophag wiederverwendet wurde und die damit verbundene Umarbeitung seines Deckels in der späten angelsächsischen Zeit stattfand“, berichtet Rodwell. Der Tote muss demnach aus dem Mittelalter stammen. Über den Verstorbenen verrieten die Analysen der Gebeine außerdem, dass es sich um einen rund 1,75 Meter großen Mann handelte, der zum Zeitpunkt seines Todes 35 bis 49 Jahre alt war.
Aber wer war dieser Tote? „Wir haben zwei ernstzunehmende Kandidaten für die Person, die in dem Sarkophag bestattet wurde“, erklärt Rodwell. Seinen Recherchen zufolge könnten die Gebeine von einem hochrangigen Mönch der einstigen Benediktinerabtei von Westminster stammen. Der nach Ansicht von Rodwell wahrscheinlichste Kandidat ist Aelfwig, ein um das Jahr 1020 herum gestorbener Abt der Westminster Abbey. Ein weiterer möglicher Kandidat ist Aelfwigs Nachfolger Wulnoth, der 1049 starb. „Wir kennen das Geburtsdatum von keinem der beiden. Beide würden jedoch gleichermaßen gut passen, wenn wir davon ausgehen, dass der Abt bei seiner Ernennung Anfang zwanzig und bei seinem Tod knapp fünfzig Jahre alt war“, sagt Rodwell. „Die Tatsache, dass Aelfwig bereits Mönch in Westminster war, könnte für ihn sprechen.“
Holzsarg im Steinsarkophag
Ein Indiz für den hohen Rang des Toten lieferte auch ein Fund im Inneren des Sarkophags: Archäologen entdeckten dort weißliche Kalkrückstände, die eine rechteckige Struktur nachzeichneten. „Obwohl keine physischen Spuren dieser Struktur erhalten geblieben sind, kann es sich nur um einen hölzernen Sarg gehandelt haben, der im Laufe der sieben Jahrhunderte vollständig verrottet ist“, erklärt Rodwell. Der Tote muss demnach mitsamt seines Holzsargs in den steinernen Sarkophag gelegt worden sein. Auch diese Ehrung durch einen prächtigen Sarkophag spreche dafür, dass es sich bei dem Verstorbenen um einen Abt gehandelt habe, so der Archäologe.
Damit ist das Geheimnis des Toten aus der Westminster Abbey zumindest ein Stück weit gelüftet. Denn es scheint nun klar, dass die rätselhaften Gebeine nicht aus der spätrömischen Zeit, sondern aus dem Mittelalter stammen. Der Tote war zudem höchstwahrscheinlich einer der damaligen Äbte der Westminster Abbey.
Quelle: Taylor & Francis Group; Fachartikel: Journal of the British Archaeological Association, doi: 10.1080/00681288.2026.2675788





