Dr. Sebastian Rojek
Siegfried Kracauer (1889–1966) war eigentlich ausgebildeter Architekt, wandte sich aber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dem Journalismus zu. Er bewegte sich im Umfeld der Frankfurter Schule, schrieb im Feuilleton der linksliberalen „Frankfurter Zeitung“ und publizierte fleißig Artikel um Artikel sowie soziologische Studien. Bis heute bekannt sind auch seine Analysen über den expressionistischen Film. Ganz in der Tradition des von ihm bewunderten Soziologen Georg Simmel versuchte Kracauer, aus kleineren Entwicklungen und kulturellen Phänomenen auf größere politische und gesellschaftliche Umbrüche zu schließen.
Der Kulturwissenschaftler Jens Wietschorke führt nun in seinem Buch in chronologischer Folge durch die Weimarer Republik, wobei ihm die Texte Kracauers als eine Art Reiseführer dienen. So erhält man in lockerem Stil faszinierende Einblicke in die so widersprüchliche wie vielfältige Kultur Deutschlands in jener Epoche. Dabei ist allerdings nicht immer erkennbar, wann Wietschorke lediglich Kracauer paraphrasiert und wann er selbst einordnet oder urteilt. In jedem Fall macht das leicht lesbare Buch Lust darauf, wieder einmal in die umfangreiche Kracauer-Werkausgabe einzutauchen.
Jens Wietschorke, Chronist der wilden Jahre. Mit Siegfried Kracauer durch die Weimarer Republik. Reclam Verlag, Ditzingen 2026, 362 Seiten, € 28,–.





