Das Titelblatt von Engelbert Kaempfers „Amoenitates Exoticae“. Das 1712 erschienene Werk begründete seinen Ruhm als Forschungsreisender. · Foto: INTERFOTO / Science & Society / Science Museum Library
Engelbert Kaempfer war einer der bedeutendsten deutschen Forschungsreisenden des 17. Jahrhunderts. Mit seinen Schriften erweiterte er das Wissen über Länder wie Russland, Persien, Siam und vor allem über das damals weitgehend isolierte Japan.
“Nichts von meiner eigenen Einbildungskraft Ausgedachtes habe ich in das Werk aufgenommen, nichts, was nach Fingernägeln schmecken [!] oder nach der Öllampe riechen könnte; auch koche ich nicht von anderen gekochten Kohl wieder auf“, schrieb der Mann, der zehn Jahre lang die halbe Welt erforscht hatte. „Als Reisender hatte ich nämlich kein anderes Ziel, als mir jeweils die Kenntnis von Dingen zu verschaffen, die von uns vorher nirgendwo oder nicht genug erkannt worden waren“, heißt es weiter im Vorwort zum ersten Faszikel seines 1712 in barockem Neulatein erschienenen Werks „Amoenitates Exoticae“, auf Deutsch „Exotische Köstlichkeiten“.
Der Autor ist der damals 61-jährige deutsche Arzt und frühere Forschungsreisende Engelbert Kaempfer. Er starb nur vier Jahre später nahe seinem Geburtsort Lemgo in der westfälischen Grafschaft Lippe. Bei seinem Tod war er nur wenigen Zeitgenossen als Spezialist für bestimmte Forschungsgebiete ein Begriff. Erst mit den postum publizierten Schriften, besonders seinen bahnbrechenden Arbeiten über Japan, wurde er weltweit bekannt.
Kaempfers erste Stationen sind Stockholm und Moskau
Die abenteuerlichsten Jahre seines Lebens begannen 1683 in Stockholm, als Kaempfer zum Sekretär der schwedischen Gesandtschaft am persischen Hof nach Isfahan ernannt wurde. Bis dahin hatte der am 16. September 1651 als Sohn eines protestantischen Pfarrers Geborene einen stationsreichen Bildungsweg absolviert, der ihn von der Lateinschule in Lemgo über Gymnasien in Hameln, Lüneburg, Lübeck und Danzig sowie die Universitäten Königsberg, Krakau, Warschau und Uppsala bis in die schwedische Hauptstadt geführt hatte.
Dabei hatte Kaempfer eine vielfältige Ausbildung genossen, Jus, Medizin und Naturwissenschaften studiert, getrieben von unbändiger Neugier und großem Wissensdrang. Sein sehnlichster Wunsch, ferne Länder und Völker zu erforschen, sollte mit der Teilnahme an der schwedischen Gesandtschaft Wirklichkeit werden. Dass ihn diese Reise über Russland und Persien schließlich bis nach Indien, Siam und Japan bringen sollte, konnte er zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnen.
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Kaempfer war einer der besten Japan-Kenner seiner Zeit. Diese Darstellung stammt aus einem Album mit 50 Bildern, das er während seines Aufenthalts in Japan erwarb. · Foto: akg-images / British Library
Die Abreise der Gesandtschaft von Stockholm erfolgte am 20. März. Die erste Etappe der Reise führte über die Insel Åland, Helsingfors, Wiborg und Narwa nach Moskau. Als Kaempfer nach Russland kam, befand sich das Land in einer außergewöhnlichen Übergangsphase. Zar Fjodor III. war 1682 mit nur 21 Jahren kinderlos gestorben. Zu seinen Nachfolgern wurden sein geistesschwacher Bruder Iwan und dessen Halbbruder Peter gewählt. Tatsächlich regierte aber für die noch minderjährigen Zaren Iwans Schwester Sophia mithilfe des einflussreichen Grafen Wassili Golizyn und der Strelizen, der Palastgarde. Diese innenpolitische Situation erschwerte die Verhandlungen der schwedischen Delegation über Stapelrechte und Durchfahrtszölle.
Für Kaempfer war der Höhepunkt des zweimonatigen Aufenthalts in Moskau die Audienz bei den beiden Zaren. Danach notierte er in seinem Tagebuch: „Der Elteste saße ohne sondere bewegung mit niedergeschlagenen Augen und dieselben mit herunter gezogener mützen mehrentheils bedeckt. Der jungste mit auffgerichteten freyen Gesichte, ließe seine wundere schonheit dürch angenehme Geberden mit dem Purpur des Geblüts der ihm bey anrede stets unter die Augen lieff, bey allen Umb und Vorstehenden dermaßen verhafften das wan sie eine gemeine Jungffer und nicht keiserliche persohn vor sich hetten gehabt, sie sich alle verliebt bekannt hatten.“ Kaempfer war beeindruckt von dem einnehmenden Wesen des erst elfjährigen Peter, den er für 16 hielt.
Nur sechs Jahre später sollte dieser die Regentschaft Sophias beenden, sie in ein Kloster und Golizyn in die Verbannung schicken. Iwan blieb zwar formal bis zu seinem Tod 1696 der zweite Zar, politisch spielte er aber keine Rolle. Damit begann 1689 die Alleinherrschaft Peters des Großen.
Auf eine beschwerliche Reise durch das russische Zarenreich folgt die Erkundung Persiens
Moskau war im 17. Jahrhundert eine der schmutzigsten, verwahrlosesten und gefahrvollsten Hauptstädte Europas. Es bestand hauptsächlich aus Holzbauten, was immer wieder zu verheerenden Bränden führte. Auch während Kaempfers Aufenthalt brannten Tausende Häuser nieder. Noch auf der Weiterreise nach Astrachan sah er in der Nacht „nach Westen eine große feuersbrunst“ und erfuhr am Morgen, „daß Markt und die Krahmbuden in Musco abgebrandt“ waren.
Dieser kolorierte Kupferstich zeigt die russische Hauptstadt Moskau um das Jahr 1650. Die Stadt an der Moskwa zählte im 17. Jahrhundert etwa 200 000 Einwohner. · Foto: akg-images
Kaempfer war nicht der erste Deutsche, der über Moskau nach Persien reiste. Sein berühmtester Vorgänger war Adam Olearius, dessen 1647 erstmals und 1656 in erweiterter Fassung erschienene „Newe Beschreibung der Muscowitischen und Persischen Reyse“ er offenbar mit sich führte. Gemäß seinen hohen Ansprüchen „kochte“ Kaempfer aber nicht den von Olearius „gekochten Kohl wieder auf“, sondern korrigierte und erweiterte dessen Beschreibungen. Leider kam er nicht mehr dazu, seine Russlandnotizen in einen wissenschaftlichen Text umzuwandeln. So sind nur die Tagebücher dieser Etappe seiner Reise in seinem oft nicht leicht zu lesenden barocken Deutsch erhalten geblieben.
In Astrachan bestieg die schwedische Delegation zwei Lastschiffe, die sie in die persische Nordprovinz Schirwan, das heutige Aserbaidschan, brachten. Nach einer stürmischen Überfahrt musste sie dort mehrere Wochen auf die Genehmigung zur Weiterreise in die persische Hauptstadt Isfahan warten. Kaempfer nutzte die Zeit, um den von Olearius nur von Weitem beschriebenen, bizarr geformten Berg Barmach (Beschbarmak) selbst zu besteigen, einen heimlichen Abstecher nach Baku zu unternehmen und die nahe gelegenen Ölfelder zu besuchen. Kaempfer war fasziniert von den aus der Erde lodernden Flammen und lieferte später als erster Europäer einen ausführlichen Bericht über die Erdölgewinnung.
Am 29. März 1684 traf die schwedische Gesandtschaft in Isfahan ein. Ihr Ziel war einerseits, die Handelsbeziehungen mit dem persischen Safawidenreich zu verbessern, und andererseits, den Schah zur Unterstützung der europäischen Mächte im Kampf gegen die Osmanen zu bewegen. 1683 waren diese weit in den Westen vorgedrungen und konnten erst vor Wien gestoppt werden.
Beide Vorhaben der Gesandtschaft blieben jedoch erfolglos, was Kaempfer allerdings wenig berührt haben dürfte. Er widmete sich, wie überall, wo er hinkam, der Erforschung des Landes, seiner Natur, Kultur und Religion, aber auch der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse.
14 Jahre lang regierten die Halbbrüder Iwan V. und Peter I. offiziell gemeinsam. Zu ihrer Krönung wurde sogar ein spezieller Doppelthron für die jungen Monarchen angefertigt. · Foto: akg-images
Der Gelehrte erhält Einblicke in die Welt am persischen Hof
1598 hatte Schah Abbas I. Isfahan zur Hauptstadt Persiens gemacht und zahlreiche Prachtbauten und Gartenanlagen errichten lassen, die immer noch das Stadtbild prägten. Doch unter seinen Nachfolgern war das Reich der seit 1501 herrschenden Dynastie der Safawiden im Niedergang begriffen. Kaempfer machte dafür auch die Prinzenerziehung verantwortlich. Der zukünftige Schah wurde nämlich nicht auf die Regierungsarbeit vorbereitet, sondern blieb bis zu seiner Krönung im Harem verborgen, umgeben nur von Frauen und Eunuchen.
„Was soll man dazu sagen“, heißt es in den „Amoenitates“, „dass dem noch nicht mannbaren Jüngling Gattinnen beigesellt werden? Durch den dauernden Verkehr mit ihnen erlöschen leicht die Geistesfunken, und der freie Verstand wird durch die Lockung der noch neuartigen Liebe der Tatkraft und des ständigen Verlangens nach großen Leistungen beraubt und sklavisch der Hingebung an den Körper überlassen“. Schah Suleiman I., der von 1666 bis 1694 regierte, war tatsächlich ein schwacher Herrscher, die Macht lag de facto bei den Palasteunuchen und seiner Mutter.
Dank eines seit Jahrzehnten in Isfahan lebenden alten Kapuziners, Raphaël du Mans, erhielt Kaempfer tiefe Einblicke in die tatsächlichen Machtverhältnisse des Reichs, dem er später den ersten Faszikel der „Amoenitates“ widmete. Er beschreibt darin neben den Schloss- und Parkanlagen der persischen Hauptstadt auch das Aussehen und die Charaktereigenschaften des Schahs, den er in mehreren Audienzen selbst erlebte.
Die zeitgenössischen Leser dürften besonders die Ausführungen zum geheimnisumwitterten Harem und seinen strengen Wächtern, den Eunuchen, interessiert haben. „Es ist nicht verwunderlich“, schreibt Kaempfer über diese, dass sie „zu Hassern wohlgestalteter Körper, der Unzucht und sinnlicher Begierden geworden sind, da sie der Werkzeuge der Ausschweifung so völlig beraubt sind, dass sie mit keiner Spur von Empfindung den Geschlechtstrieb zu billigen vermögen“.
Der große Platz von Isfahan nach einer Darstellung Kaempfers. Die Stadt war unter der Safawiden-Dynastie das politische und kulturelle Zentrum Persiens. · Foto: mauritius images / VTR / Alamy / Alamy Stock Photos
Nach einem fast achtmonatigen Aufenthalt in Isfahan kehrte Kaempfer nicht mit der schwedischen Gesandtschaft nach Stockholm zurück, sondern trat als Arzt in die Dienste der niederländischen Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOC) ein, einer weltumspannenden Handelsorganisation. Vorerst aber reiste er mit einer Karawane in den Süden Persiens und besuchte unter anderem die sagenhafte Ruinenstadt Persepolis, die er ausführlich beschrieb und zeichnete, und er kopierte dort eine Inschrift, deren Zeichen er „Keilschrift“ nannte. Diese Bezeichnung geht also auf Kaempfer zurück.
Über Indien, Ceylon und Indonesien geht es weiter nach Siam
Am 29. Dezember 1685 traf Kaempfer in der holländischen Faktorei in Bandar Abbas an der Straße von Hormus ein und hoffte, rasch nach Indien weiterreisen zu können. Doch diese Hoffnung zerschlug sich sehr bald. Kaempfer war letztlich gezwungen, zweieinhalb Jahre in dem ungesunden Klima der Stadt auszuharren, und wurde zeitweise sehr krank. In einem Brief an seinen Bruder Joachim heißt es: „Ein bloß Messer verrostet in einer Nacht; plötzlich wirds so extrem feucht, daß alles was die Luft berührt, im Wasser genetzt zu seyn scheint; ein wenig darauf wirds so trucken, dass einem die Haut zusammen krumpfft“.
Dennoch nutzte er die Zeit für landeskundliche und naturwissenschaftliche Studien. Eine Frucht seines Aufenthalts in dieser Gegend ist unter anderem seine ausführliche Abhandlung über die Dattelpalme, der er einen ganzen Faszikel seiner „Amoenitates“ widmete.
Am 30. Juni 1688 erfolgte die lang ersehnte Weiterreise nach Indien. Dort arbeitete Kaempfer als Arzt an der Malabar- und Koromandelküste und auf Ceylon. Erst im Herbst 1689 ging es weiter ins südostasiatische Zentrum der VOC, nach Batavia, dem heutigen Jakarta, wo er vergeblich auf eine Anstellung im Krankenhaus der Handelsniederlassung hoffte. Stattdessen wurde er nach Japan geschickt, wo er die holländische Belegschaft der dortigen Faktorei medizinisch betreuen sollte. Auf der Reise nach Nagasaki gab es noch einen fünfwöchigen Zwischenstopp in Siam, dem heutigen Thailand.
Szene aus dem königlichen Gartenpavillon des Schahs Suleiman I. aus der Dynastie der Safawiden (zeitgenössische Darstellung des Malers Ali-Quli Jabbadar). · Foto: Bridgeman Images / Pictures from History
Ayutthaya, von 1351 bis 1767 die Hauptstadt des siamesischen Königreichs, war nach Isfahan zweifellos die imposanteste Stadt, die Kaempfer bis dahin auf seiner Reise kennengelernt hatte. Heute ist die Ruinenstadt, etwa 70 Kilometer nördlich von Bangkok, nur noch eine Touristenattraktion, zu Kaempfers Zeit aber war Ayutthaya eine quirlige, multiethnische Metropole und mit zirka einer Million Einwohnern eine der größten Städte der Welt, die Handelsbeziehungen zu allen Regionen Asiens und zu Europa unterhielt.
Als Kaempfer nach Siam kam, hieß dessen König Phetracha, der nur zwei Jahre zuvor durch eine Revolte den Thron erobert hatte. Die Hauptperson der damaligen dramatischen Ereignisse war ein gebürtiger Grieche namens Konstantin Phaulkon gewesen, der zum wichtigsten Berater und Kanzler des früheren Königs Narai aufgestiegen war. Einige Jahre war Phaulkon sehr erfolgreich gewesen in seinem Bemühen um eine Annäherung Siams an Frankreich als Gegengewicht zu England. Doch als es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen siamesischen Truppen und der Englischen Ostindischen Kompanie kam und auch Frankreich Soldaten schickte, griff der siamesische Adel ein. 1688 wurde der schwer kranke König Narai festgesetzt, Phaulkon festgenommen und enthauptet. Als Narai kurze Zeit später starb, nutzte Phetracha als Führer der Opposition die Gunst der Stunde und riss die Macht an sich.
Obwohl er nur kurze Zeit in Ayutthaya weilte, beschrieb Kaempfer ausführlich die politische Situation des Landes sowie die Bauten und die Vegetation der Stadt. Besonders interessierte er sich auch für die verschiedenen Religionen und deren Gotteshäuser. Aufgrund fehlender Informationen von Einheimischen bleiben seine Ausführungen darüber aber recht oberflächlich. So nennt er die Siamesen „von Natur ein frommes einfaltiges Volck“. Er beschreibt eine Buddha-Statue als „krausköpfigen Mohren“ und greift damit eine damals in Europa verbreitete Annahme auf, dass Buddha „eine Africanische Gebuhrt“ sei.
Auf ungewöhnlichen Wegen durch das abgeschottete Japan
Im Juli 1690 verließ Kaempfer auf einem holländischen Dreimaster Siam in Richtung Japan und geriet dabei südlich von Shanghai in einen gewaltigen Sturm. Erst drei Wochen nach der Abfahrt von Siam traf das Schiff am 24. September 1690 in Nagasaki ein.
Kaempfer zeichnete auch den „Kanzlertempel“ in Ayutthaya. Zu sehen sind ein Überblick über den Tempelkomplex sowie dort aufgestellte Statuen und religiöse Symbole. · Foto: INTERFOTO / Science & Society / Science Museum Library
Als die Niederländer in Japan eintrafen, wurden sie sogleich auf der künstlichen, fächerförmigen Insel Dejima in der Bucht von Nagasaki kaserniert, die Kaempfer als „Gefängnis der Holländer“ bezeichnete. Hier befand sich seit 1641 die Faktorei der VOC. Seit der Ausweisung aller portugiesischen Händler, denen die Unterstützung der christlichen Missionare und damit Verschwörung gegen das Kaiserreich vorgeworfen worden war, waren die Niederländer die einzigen Europäer, denen der Handel mit Japan erlaubt war. Kaempfer rechtfertigte später die Abschließung Japans mit dem Schutz der eigenen Kultur vor zerstörerischen fremden Einflüssen.
Seit 1603 wurde das Land ununterbrochen von Shogunen der Tokugawa-Dynastie regiert. Der „Opperhoofd“ der VOC war verpflichtet, jährlich zum Sitz des Shoguns nach Edo, dem heutigen Tokio, zu reisen, um diesem zu huldigen und damit eine Verlängerung der Handelserlaubnis zu erhalten. Kaempfer konnte als Arzt der Delegation zweimal, 1691 und 1692, an dieser Reise teilnehmen. Es waren die einzigen Möglichkeiten für Ausländer, das Innere des Inselreichs kennenzulernen. Die Reisen führten von Nagasaki in den Norden bis Shimonoseki. Von dort ging es mit Schiffen durch die Inlandsee weiter bis Osaka. Die letzte Etappe führte auf der berühmten Tokaido-Straße von Kyoto nach Edo.
Die Entdeckung des Ginkgo und ein denkwürdiger Auftritt beim Shogun
In seinen Reisetagebüchern beschrieb und zeichnete Kaempfer ausführlich alles, was er sah, buddhistische Tempel und shintoistische Schreine, die Schlösser der Landesfürsten, der Daimyos, ebenso wie einfache Herbergen. Vor allem aber widmete er sich heimlich der streng verbotenen Vermessung des Landes. Sein größtes Interesse galt aber der japanischen Pflanzenwelt. Ein ganzer Faszikel der „Amoenitates“ sollte sich später damit beschäftigen und Kaempfers Ruhm als Botaniker begründen. Unsterblichkeit erlangte er durch die erstmalige Beschreibung des Ginkgo, dessen falsche Schreibung – statt Ginkyo – von Linné übernommen wurde.
Berühmt wurde auch sein Auftritt vor dem Shogun in Edo, wo er vor dem hinter Jalousien verborgenen Herrscher tanzen und singen musste, was er als „ein wahres Possenspiel“ bezeichnete. Er schildert auch genau die Prozedur, die der „Hollanda Capitain“ über sich ergehen lassen musste, der „auf Händen und Füßen herbeikroch, das Haupt, auf den Knien liegend, bis zum Boden neigte, und sich ganz stilschweigend eben so und wie ein Krebs wiederum kriechend zurükzog“.
Um 1690 angefertigte Gravur der Pflanze Alcea, die in Japan zur Papierherstellung verwendet wurde (Abbildung aus Kaempfers „Geschichte Japans“). · Foto: Bridgeman Images / SSPL/UIG
Es ist dieses Werk, das Kaempfers Ruhm als bester Kenner Japans im 18. Jahrhundert begründete. Er selbst konnte das Buch, dem er den Titel „Heutiges Japan“ geben wollte, nicht mehr publizieren. Seine Editionsgeschichte ist äußerst ungewöhnlich. Nach Kaempfers Tod gelangte das auf Deutsch geschriebene Manuskript nach London und wurde dort, ins Englische übersetzt, unter dem Titel „The History of Japan“ 1727 herausgegeben.
Seine größte Wirkung entfaltete das Werk aber erst mit der Übersetzung ins Französische 1729. Erst 1777 bis 1779 erschien die erste vollständige, zweibändige deutsche Ausgabe, wobei Kaempfers barockes Deutsch lesefreundlich aufbereitet wurde. 2001 wurde schließlich unter dem von ihm vorgesehenen Titel eine kritische Ausgabe ediert.
1693 kehrte Kaempfer nach Lemgo zurück, schloss sein Medizinstudium mit einer Dissertation ab, eröffnete eine Praxis und wurde schließlich Leibarzt des regierenden Grafen Friedrich Adolph zur Lippe. 1700 heiratete er die erst 16-jährige Maria Sophia Wilstach und ging damit eine für beide Seiten äußerst unglückliche Ehe ein. Stark belastet von seiner ärztlichen Tätigkeit, klagte Kaempfer über fehlende Zeit für die Ausarbeitung seiner Werke. Körperlich und seelisch ermattet starb der bedeutendste deutsche Forschungsreisende des 17. Jahrhunderts am 2. November 1716 in Lieme bei Lemgo.
Der niederländische Gesandte erweist dem Shogun Ehrerbietung. Dieses Ritual war Teil der jährlichen Erneuerung der niederländischen Handelskonzession in Japan (Abbildung aus Kaempfers „Geschichte Japans“). · Foto: picture alliance / Heritage Images / Fine Art Images
Dr. Richard Miklin
ist Germanist und Historiker. Von 1988 bis 1990 war er Lektor an der Nihon-Universität in Tokio und lebt seither als freier Autor in Wien.
Literatur
Engelbert Kaempfer, Werke. Kritische Werke in Einzelbänden, 6 Bände. Hrsg. von Detlef Haberland u.a. München 2001/2003. Detlef Haberland, Von Lemgo nach Japan. Das ungewöhnliche Leben des Engelbert Kaempfer, 1651 bis 1716. Bielefeld 1990. Lothar Weiß (Hrsg.), Lesebuch Engelbert Kaempfer. Köln 2014.
Zur elektronischen Ausgabe von Engelbert Kaempfers „Amoenitates Exoticae“: diglib.hab.de/edoc/ed000081/start.htm
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