Vor rund 5000 Jahren regierten die ersten Könige des geeinten Ägyptens. Die Pharaonen dieser frühdynastischen Zeit wurden in der Nekropole von Abydos bestattet – damals noch nicht in Pyramiden, sondern in mehrkammerigen Grabanlagen. Als Archäologen Anfang des 20. Jahrhunderts diese Königsgräber freilegten, stießen sie in den Anlagen auf hunderte weitere Tote, die in eigenen kleinen Kammern rund um den Pharao lagen. In diesen Nebengräbern fanden sich nur wenige Grabbeigaben, darunter einfache Keramikgefäße, Kupferutensilien, Feuersteinmesser, Elfenbeinkämme, Projektilspitzen oder kleine Elfenbeinfiguren. Inschriften auf einigen Sarkophagen legen nahe, dass diese Menschen zu Lebzeiten zum Hofstaat des Pharaos gehörten.
Waren die Toten in den Nebengräbern Menschenopfer?
Doch wie sind diese Menschen damals gestorben? Einige Ägyptologen vermuten, dass die Menschen in den Nebengräbern von Abydos eines natürlichen Todes starben und erst nachträglich in die Grabanlage ihres Pharaos gebracht wurden. Tatsächlich schienen die vor gut 100 Jahren in Abydos ausgegrabenen Toten keine eindeutigen Verletzungen aufzuweisen, wie unter anderem der Archäologe Flinders Petrie berichtete, der in den 1920er Jahren viele dieser frühdynastischen Nebengräber ausgegraben hatte. Dennoch vermutete er, dass die Bestattung so vieler Hofstaats-Angehöriger zusammen mit ihrem Herrscher kein Zufall sein konnte.
Petrie hielt es für unwahrscheinlich, dass hunderte Menschen zur gleichen Zeit und passend zum Tod des Pharaos gestorben sein sollen. Stattdessen sah er in diesen Toten einen Beweis für Menschenopfer im alten Ägypten – für die absichtliche Tötung von Untergebenen für den toten Pharao. „Das Opfer von Gefolgsleuten (Retainer Sacrifice) ist eine Form des Menschenopfers, bei der Personen aus dem engsten Umfeld eines Herrschers nach dessen Tod getötet werden“, erklärt Roselyn Campbell von der Purdue University. „Eine solche Tötung von Gefolgsleuten gab es in vielen Kulturen, weil man glaubte, dass die Opfer dem Herrscher auch im Jenseits weiter dienen würden.“
Gleichzeitig demonstrierten solche Menschenopfer von Angehörigen des Hofstaats auch die Bedeutung und Macht des verstorbenen Herrschers – und es galt vermutlich als Treuebeweis und große Ehre, seinem Herrscher in den Tod zu folgen. „Manche dieser Menschen könnten sich freiwillig für den Tod entschieden haben, um ewiges Leben oder Ehre zu erlangen, während andere dazu ausgewählt oder sogar gezwungen wurden.“ Allerdings ist bis heute strittig, ob auch unter den ersten Pharaonen Ägyptens solche Gefolgschaftstötungen üblich waren. “Beide Seiten dieser Debatte haben sich bis heute erhalten, ohne dass die Toten noch einmal genauer untersucht wurden“, berichtet Campbell.
Verletzungsspuren an den Schädeln
Um mehr Klarheit zu schaffen, hat Campbell nun zumindest einige der noch verfügbaren Relikte der „Begleittoten“ aus den frühdynastischen Königsgräbern von Abydos genauer untersucht. Für ihre Studie analysierte sie Schädel, die 1920 von Flinders Petrie in den Grabanlagen der Pharaonen Djer, Djet und Merneith geborgen wurden. Während Petrie die restlichen Toten und Skelette vor Ort beließ und zuschütten ließ, werden 46 Schädel aus diesen Nebengräbern bis heute in der Sammlung der University of Cambridge aufbewahrt.
Als Campbell diese Schädel genauer untersuchte, entdeckte sie bei einigen davon deutliche Spuren schwerer Verletzungen. 18 der 46 Schädel zeigten linienförmige Brüche des Schädelknochens. „Solche linearen Frakturen entstehen, wenn der Schädel von einem großen Objekt getroffen wird oder auf ihn fällt“, erklärt die Archäologin. „Dies ist nicht immer sofort tödlich, führt aber meist zu Bewusstlosigkeit, Hirnblutungen und unbehandelt zum Tod.“ Einige weitere Schädel zeigten auch Verletzungen durch scharfe Objekte.
Indizien für einen gewaltsamen Tod
Nach Angaben von Campbell legt die Position der Schädelverletzungen am Oberkopf dieser Toten nahe, dass sie nicht durch Stürze oder andere Unfälle starben, sondern durch menschliche Gewalteinwirkung. Dafür spreche auch das Fehlen von Brüchen und Verletzungen an den Skeletten dieser Toten, das Petrie in seinen Aufzeichnungen dokumentiert hatte. Campbell sieht in ihren Befunden daher neue Belege dafür, dass es im alten Ägypten Menschenopfer gab: Angehörige des königlichen Hofstaats wurden getötet, damit sie ihrem Pharao ins Jenseits folgen konnten.
Allerdings bleiben einige Fragen offen. So ist noch ungeklärt, warum nicht alle untersuchten Schädel aus den Nebengräbern Spuren der Gewaltanwendung zeigten. Wie Campbell erklärt, wäre es aber möglich, dass einige dieser Menschen durch Ersticken, Gift oder auf eine andere „spurlose“ Weise getötet wurden - durch Methoden, die keine Verletzungen an den Knochen hinterlassen. „In jedem Fall zeigt diese Studie, wie viele neue Erkenntnisse wir über die Vergangenheit gewinnen können, wenn wir ältere Funde mithilfe moderner Methoden und neuer Erkenntnisse erneut untersuchen“, schreibt die Archäologin.
Quelle: Frontiers; Fachartikel: Frontiers in Environmental Archaeology, doi: 10.3389/fearc.2026.1858940





