Am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit bestatteten Menschen im Süden Skandinaviens ihre Toten häufig in Galeriegräbern. Diese ab etwa 3000 vor Christus verbreiteten Gräber bestanden schweren Steinplatten, die aufrecht aufgestellt wurden und so die Wände der meist rechteckigen und in den Untergrund eingetieften Gräber bildeten. Aus Schweden sind rund 2000 solcher Galeriegräber bekannt, aus Dänemark rund 150. Eher selten sind sie hingegen in Norwegen. Dort haben Archäologen erst rund 20 Galeriegräber gefunden.
Galeriegrab mit typischer Bauweise, aber fehlendem Inhalt
Jetzt ist ein weiteres Galeriegrab hinzugekommen – doch dieses fällt in mehrerer Hinsicht aus dem Rahmen. Archäologen unter Leitung von Carine Rosenvinge vom norwegischen Museum für Kulturgeschichte in Oslo entdeckten das Grab bei Ausgrabungen im Vorfeld eines Bauprojekts in Halden, einer Stadt im äußersten Südwesten Norwegens. „Wir sammelten ein kleines Team zusammen und begannen, das Gebiet freizulegen, als wir plötzlich das Grab sahen“, berichtet Rosenvinge. Das Galeriegrab besteht aus mehreren einige hundert Kilogramm wiegenden Steinplatten, die aufrecht zu einem Rechteck angeordnet sind. Der Boden der von den Platten gesäumten Grabkammer ist ebenfalls mit Steinen ausgelegt.
Ungewöhnlich jedoch: Das Grab enthält weder die Gebeine von Toten noch die für skandinavische Galeriegräber typischen Grabbeigaben. „In bisher jedem dieser Gräber wurden Feuersteinmesser gefunden“, erklärt Rosenvinge. Auch Pfeilspitzen seien häufig. Deshalb gehen Forschende davon aus, dass die Menschen der ausgehenden Jungsteinzeit vor allem Krieger in solchen Grabbauten bestatteten. Doch das in Halden entdeckte Grab enthält zwar eine Pfeilspitze, aber keine einzige Feuersteinklinge. „Es ist unterscheidet sich darin definitiv von den anderen“, so die Archäologin.

Das Galeriegrab von oben. Deutlich sind die großen Steinplatten der Seitenwende und die kleineren Steine des Grabbodens zu erkennen. — © Museum of Cultural History Oslo
Woher stammt die Holzkohle?
Wegen der fehlenden Gebeine und anderer organischer Relikte lässt sich bislang auch nicht genau bestimmen, wie alt dieses Grab ist. „Die Datierung kann in diesem Kontext wichtig sein, denn dieser Grabtyp wurde von der späten Jungsteinzeit bis zum Anfang der Bronzezeit verwendet“, erklärt Morten Ramstad von der Universität Bergen. Auf Basis von Vergleichen der Form und Konstruktionsweise schätzen er und seine Kollegen jedoch, dass das Galeriegrab von Halden vor rund 4000 Jahren entstand. Das Team hat bereits Bodenproben aus dem Grab entnommen, um mit deren Hilfe genauere Informationen zum Alter des Grabes zu erhalten.
Bei der Datierung helfen könnte eine weitere Besonderheit dieses Grabes. Denn im Rahmen ihrer Ausgrabungen haben die Archäologen auch eine kleine Menge Holzkohle entdeckt. Deren Analyse könnte dazu beitragen, das Alter des Galeriegrabs einzugrenzen – sofern die Kohlereste nicht erst später in das Grab gelangten. „Wir fragen uns, ob es sich hierbei um Reste verbrannter Knochen von einer Feuerbestattung handeln könnte“, berichtet Rosenvinge. Die meisten im benachbarten Schweden entdeckten Galeriegräber enthielten allerdings entweder Gebeine oder gar keine menschlichen Überreste.
Wurden die Toten in diesem Grab verbrannt?
Eine Feuerbestattung in Kombination mit einem Galeriegrab wäre daher sehr ungewöhnlich, wie das Team erklärt. Dennoch halten die Archäologen es für denkbar, dass das Grab von Halden verschiedene Bestattungspraktiken in sich vereint. Es könnte beispielsweise sein, dass dieses Grab im Laufe der Zeit mehrfach genutzt wurde – erst für klassische Bestattungen, dann für verbrannte Verstorbene. „Wir könnten uns auch vorstellen, dass verschiedene Bestattungspraktiken für Menschen mit unterschiedlichem sozialem Status oder aus verschiedenen sozialen Gruppen üblich waren“, sagt Rosenvinge.
Möglich wäre auch, dass die Menschen im jungsteinzeitlichen Halden von anderen kulturellen Einflüssen geprägt waren als ihre Zeitgenossen in Schweden - beispielsweise durch damals in Dänemark verbreitete Traditionen. Denn wie Ramstad erklärt, stammen die Galeriegräber aus einer Zeit des Umbruchs und der Migrationen. In der ausgehenden Jungsteinzeit wanderten frühe Bauern aus südlicheren Regionen nach Skandinavien ein und brachten neue religiöse Vorstellungen, andere Bestattungstraditionen und Sozialstrukturen mit. Auch die Art der Siedlungen und Häuser wandelte sich. Daher wäre es durchaus möglich, dass die Menschen dieser Region zwar die traditionelle Grabbauweise noch eine Weile beibehielten, ihre Toten aber nach neuer Sitte verbrannten.
Noch sind die Analysen des Grabs von Halden und der dort entnommenen Proben nicht abgeschlossen. Auch noch ungeklärt ist, welche Rolle eine einzelne im Grab gefundene Bernsteinperle und das Fragment eines Gefäßes im Stil der Schnurkeramikkultur spielen. „in jedem Fall ist dieses Grab ein spannender Fund“, sagt Ramstad.
Quelle: Science in Norway





