Protest gegen das Waldsterben im Taxöldener Forst in Bayern (Foto von 1986). Der schlechte Zustand der deutschen Wälder wurde in den 1980er Jahren zu einem zentralen Thema der öffentlichen Debatte. · Foto: akg-images / INTERFOTO / TV-Yesterday
Anfang der 1980er Jahre war ein Großteil der bundesdeutschen Bevölkerung davon überzeugt, dass von den deutschen Wäldern in ein paar Jahren nur noch Steppen übrig bleiben würden. Saurer Regen wurde als das verantwortliche Gift ausgemacht.
“Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch.“ So oder so ähnlich stand es Anfang der 1980er auf zahlreichen Protestplakaten. Die Stimmung war apokalyptisch. Im Wochenmagazin „Stern“ konnte man am 24. März 1983 von einem „gewaltigen Todesschub“ lesen, der deutsche Wälder schon bald in Mondlandschaften verwandelt haben würde. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Freimut Duve sprach von einem „ökologischen Hiroshima“, und in der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde konstatiert: „Am Ausmaß des Waldsterbens könnte heute nicht einmal der ungläubige Thomas zweifeln, allenfalls ein pathologischer Ignorant.“
All das war in Teilen ein Irrtum und in Teilen eine Überspitzung. In späteren Jahren wurde dafür mitunter ein sensationsheischender Journalismus verantwortlich gemacht – tatsächlich kamen die drastischen Worte aber ursprünglich nicht von Journalisten, sondern von Wissenschaftlern. 1981 hatte der Forstbotanik-Professor Peter Schütt der „Welt am Sonntag“ erklärt: „Wenn es so weitergeht, dann stirbt der Wald.“ Und Bernhard Ulrich, Direktor des Instituts für Bodenkunde und Waldernährung der Universität Göttingen, wurde im „Hamburger Abendblatt“ mit den Worten zitiert: „Die ersten großen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben. Spätestens nach dem nächsten heißen Sommer. Sie sind nicht mehr zu retten.“
Diesen Aussagen ging eine Forschungsdiskussion voraus, die in den 1970er Jahren begonnen hatte und die durch beobachtete Schäden an Bäumen, insbesondere an Tannen, ausgelöst worden war. Eine Artikelserie im Wochenmagazin „Der Spiegel“ fasste im November 1981 die Debatte zusammen. Sie trug den Titel: „Saurer Regen über Deutschland: Der Wald stirbt.“
Abgestorbene Bäume im Erzgebirge, aufgenommen im September 1982. Die abgefallenen Nadeln und herabhängenden Äste sind Anzeichen des sogenannten Lamettasyndroms. · Foto: bpk-Fotoarchiv / Volker Döring
Zwar dauerte es noch ungefähr ein Jahr, bis das Schlagwort „Waldsterben“ in aller Munde war, das Thema begann nun jedoch, sich zu verselbstständigen. 2004 sagte Ulrich der „Zeit“, er habe damals bewusst einen emotionalen Ton gewählt, damit sich politisch etwas bewege. Tatsächlich war das Bewusstsein für Umweltschutz bereits um 1970 deutlich gewachsen. Eine internationale Umweltbewegung hatte sich gebildet. Und in der Bundesrepublik sprach man seit den 1960er Jahren vermehrt über Umweltverschmutzung, besonders im Zusammenhang mit dem schlechten Zustand der Flüsse (insbesondere des Rheins) als Folge von Chemieunfällen. Intensiv wurde in der Öffentlichkeit die Diskussion über das Insektizid DDT geführt, dessen Einfuhr und Verwendung in Westdeutschland 1972 verboten wurden.
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Auf die Jahre des Wirtschaftswunders folgte ein zunehmendes Misstrauen gegenüber der rasanten technologischen Entwicklung – auch in der Landwirtschaft. Umweltzerstörung wurde nun zunehmend als Folge menschlicher Eingriffe wahrgenommen: 1972 legte der Club of Rome seinen viel rezipierten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ vor, bereits 1971 war Greenpeace gegründet worden, 1975 folgte in Westdeutschland der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Der fortdauernde Kalte Krieg schürte spätestens seit der Kubakrise 1962 die Angst vor einem Atomkrieg und zunehmend auch vor den Risiken der Atomkraft. Bis 1971 setzte das US-Militär im Vietnamkrieg das Herbizid „Agent Orange“ ein, um die Bäume zu entlauben und so feindlichen Kämpfern die Deckung zu nehmen. Die Folge waren vernichtete Ernten und gesundheitliche Schäden.
Insgesamt entstand so nicht nur im Umkreis der Studentenbewegung, sondern auch in weiten Teilen der sozial-liberal eingestellten Bevölkerung Westdeutschlands der Eindruck, die Menschheit sei auf dem besten Wege, sich mit dem eigenen Ingenieursgeist zu vernichten. Eine der direkten Folgen dieser Entwicklung war 1980 die Gründung der Partei „Die Grünen“.
Die Grünen beriefen am 5. Juni 1983 in Hannover einen Sonderparteitag zum Thema Waldsterben ein. Sie drohten mit einem Stromzahlungsboykott, sollte die Bundesregierung nicht sofort handeln. · Foto: akg-images / picture-alliance / dpa
Eine neue Qualität bekamen die Ängste vor Gift und Strahlung, als sich in den späten 1970er Jahren die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass sich schädliche Substanzen im Wasser und in der Luft nicht einfach bis zur Wirkungslosigkeit verdünnen ließen, sondern dass sie zu einem überregional wirksamen Faktor werden konnten. Bis dahin hatte man gedacht, der Bau immer höherer Fabrikschornsteine sei als Schutz der Anwohner ausreichend. Nun verstand die Öffentlichkeit, dass sich gesundheitsschädliche Substanzen in der Luft viel weiter ausbreiten konnten als bislang angenommen. Dieser Schock bekam einen Namen: „Waldsterben“.
Die kranken Nadelbäume, mit denen sich die Experten nun beschäftigten, verfärbten sich, wiesen Rindenschäden auf, ließen die Äste hängen und verloren ihre Nadeln. Man sprach vom „Lamettasyndrom“. Vor dem Hintergrund der neuesten Erkenntnisse zu den Wirkungsweisen von Umweltverschmutzung schien es Experten und Laien gleichermaßen naheliegend zu sein, dass saurer Regen die Vergiftung der Bäume bewirkte – Schwefeldioxid und Stickstoffoxide aus Industrie und Verkehr. Für diese Theorie sprach sich beispielsweise der spätere Grünen-Politiker Wilhelm Knabe aus. Auch die meisten Zeitungen folgten dieser Erklärung.
Beweisbar war das aber keineswegs, vieles war reine Spekulation, und bald gab es an die 200 Theorien, die unter Wissenschaftlern und in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Dass die Wälder tatsächlich starben und dass an ihrer Stelle in wenigen Jahren Moore und Steppen zu finden sein würden, wurde dabei allenthalben als wissenschaftlich bewiesene Tatsache dargestellt.
Der Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich (links) informierte Bundespräsident Richard von Weizsäcker (Mitte) am 11. Oktober 1989 in Schulenburg im Harz über die Waldschäden. · Foto: picture-alliance/ dpa | Holger Hollemann
Die Suche nach den Ursachen und dem Ausmaß des Schadens wurde dadurch erschwert, dass es bislang nie eine systematische Erfassung von Baumschäden in deutschen Wäldern gegeben hatte. Eine solche fand erst 1982 statt. Bis man mehr wissen konnte, überschlugen sich alle Parteien mit Beteuerungen, den Wald zu retten. Die Regierung hatte den Vorteil, dass mehrere Gesetze zum Umweltschutz längst bereitlagen und nur ein wenig angepasst werden mussten. Dass der zunehmende Schadstoffausstoß gesundheitliche Probleme verursachen konnte, war ja bereits bekannt.
Auch das Thema „saurer Regen“ war eigentlich nicht neu für die deutsche Politik: Auf der ersten Welt-Umweltkonferenz, die 1972 in Stockholm stattgefunden hatte, war der schwedische Versuch noch gescheitert, die Deutschen zum Handeln zu bewegen – schon allein deshalb, weil damit Schadensersatzansprüche an Verursacherländer verbunden gewesen wären. Die westdeutschen Vertreter ließen sich darauf nicht ein. Nun jedoch, da man den deutschen Wald in Gefahr sah, änderte sich diese Einstellung.
Insgesamt waren andere europäische Länder eher zaghaft bis desinteressiert, wenn es um das Waldsterben ging. In Frankreich sprach man spöttisch von „le waldsterben“ – es konnte sich zum weltschmerz gesellen. In der DDR wurden Berichte zum Waldsterben gänzlich verhindert und den westdeutschen Journalisten vorgeworfen, sie würden die Massen mit ihrer Panikmache manipulieren. Und das, obwohl auch in der DDR überall das „Lamettasyndrom“ zu beobachten war.
Ein Eisenwerk in Neunkirchen (Saar) auf einer Aufnahme vom 2. August 1979. Was hier in die Luft stieg, galt lange als unvermeidlicher Preis des wirtschaftlichen Aufschwungs. Erst in den 1980er Jahren setzte ein Umdenken ein. · Foto: picture alliance / Klaus Rose | Klaus Rose
Der noch 1982 veröffentlichte Bericht „Waldschäden durch Luftverunreinigung“ hätte eigentlich die allerschlimmsten Befürchtungen zerstreuen können: Sechs Prozent der Bäume waren leicht geschädigt, weniger als ein halbes Prozent schwer. Diese Information erreichte die Bevölkerung jedoch nicht unbedingt – in der Tageszeitung „Die Welt“ etwa war von acht Prozent schwer geschädigter Bäume die Rede. Im selben Jahr beschloss die sozial-liberale Koalition eine Reduktion der Schwefeldioxidemissionen. Mit spürbarem Effekt: Bislang hatten nur acht Prozent der großen Kohlekraftwerke Entschwefelungsanlagen; sechs Jahre später waren es 90 Prozent.
Die Reduktion der Stickstoffemissionen gestaltete sich schwieriger. Die Autoindustrie stemmte sich beharrlich gegen den Einbau von Katalysatoren, und ein diskutiertes Tempolimit kam, anders als in westeuropäischen Nachbarländern, nicht zustande. Große Proteste gab es nicht. Die meisten Bundesbürger mussten das Gefühl haben, dass die Regierung ihr Möglichstes tat, um dem Waldsterben entgegenzuwirken.
Dass die Wälder bis zum Ende der 1980er keinen Mondlandschaften gewichen waren, mochte manch einer mit den ergriffenen Maßnahmen in Verbindung bringen, die sich zweifellos positiv auf die Umwelt auswirkten. Mitte der 1990er Jahre allerdings zeigten neue Untersuchungen, bei denen der Umfang der Bäume erfasst wurde, dass die Bäume auch Anfang der 1980er Jahre durchgehend gut gewachsen waren. Das großflächige und vollständige Waldsterben spätestens bis zum Jahr 2000, mit dem die Mehrzahl der Bundesbürger fest gerechnet hatte, war zu keinem Zeitpunkt eine realistische Perspektive gewesen.
Die Umweltorganisation „Robin Wood“ setzte sich gegen Umweltverschmutzung und Waldsterben ein. Protestaktion vom 25. Mai 1984 in Frankfurt am Main. · Foto: akg-images / picture-alliance / Jörg Schmitt
1985 hatten Redakteure der „Zeit“ dem Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) in einem Interview erklärt, in zehn Jahren sei vom deutschen Wald nichts mehr übrig. Zimmermann wies das zurück: „Da irren Sie sich! Schauen Sie doch in die deutschen Zeitungen, was steht da drin? Jeden Tag ein neues Gift! Das meine ich mit Hysterie.“ Im Hinblick auf das vermeintliche Waldsterben sollte er recht behalten.
Trotzdem sorgte die Entzauberung des Waldsterbens nicht für eine Schwächung der Umweltbewegung, denn unabhängig von den Übertreibungen der Presse, von denen Zimmermann sprach, waren die Gifte real. Im Falle der Wälder hatte das Fehlen einer verlässlichen Datenlage zu den verrücktesten Spekulationen geführt – das bedeutete aber nicht, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Folgen der Umweltverschmutzung plötzlich in Zweifel gezogen worden wären. Der Begriff „Ökologie“ wurde zum entscheidenden Schlagwort für linksalternative Gesellschaftsvorstellungen.
Bis zur Mitte der 1990er Jahre war das Waldsterben noch in aller Munde. Es war zu einem festen Bestandteil bundesdeutscher Kultur geworden. „Hast du noch nie was vom Waldsterben gehört?“, wird der sprechende Elefant Benjamin Blümchen im Kinderhörspiel „Benjamin Blümchen als Förster“ aus dem Jahr 1993 von seinem Freund Otto gefragt. Und als er mit einem Scherz reagiert, erklärt Otto weiter: „Wir reden viel in der Schule darüber: Über sauren Regen, über Waldsterben und Umweltverschmutzung.“ Ein Jahr später scherzte der Kabarettist Dieter Nuhr in seinem Programm „Nuhr am Nörgeln“: „Der deutsche Wald stirbt seit 15 Jahren – kann er nicht einfach tot umfallen?“
Ein paar Jahre später befand sich der Begriff auf dem Rückzug. Von der nahenden Katastrophe sprach fast niemand mehr. Die beobachteten Schäden verschwanden natürlich nicht einfach, auch wenn sie sich als chronische Schäden entpuppt hatten, an denen die Bäume nicht starben.
Im Zuge des Klimawandels sind neue Ursachen für Baumschäden hinzugekommen, insbesondere Trockenheit – ein Umstand, der Wissenschaftler aufs Neue sehr beschäftigt (bisweilen ist von einem „Waldsterben 2.0“ die Rede), dem man aber dank einer besseren Datenlage angemessener begegnen kann als noch in den 1980er Jahren.
Geschichte zum Hören
Zum Thema dieses Artikels gibt es auch einen Podcast! Näheres dazu unter: www.damals.de
Dr. David Neuhäuser
arbeitet als Historiker und freier Journalist. Er ist einer der beiden Moderatoren des DAMALS-Podcasts.
Literatur
Udo Grashoff, Waldsterben. Erfurt 2024. Jan Grossarth, Die Vergiftung der Erde. Metaphern und Symbole agrarpolitischer Diskurse seit Beginn der Industrialisierung. Frankfurt/New York 2018.
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