Horatio Nelson, seit 1800 Herzog von Bronté, war die schillerndste Figur der Royal Navy im Kampf gegen Napoleon (Gemälde von William Beechey, 1801). · Foto: Bridgeman Images / Norwich Castle Museum & Art Gallery
Der französische Kaiser Napoleon wollte 1805 die Seemacht Großbritannien herausfordern. Vor der spanischen Küste kam es zur entscheidenden Konfrontation. Der britische Admiral Horatio Nelson gewann die Schlacht, aber verlor dabei sein Leben.
Im Sommer 1805 war die Küstenstadt Boulogne zu einem riesigen Heer- und Munitionslager geworden. Napoléon Bonaparte, seit dem vergangenen Jahr Kaiser Napoleon I., hatte hier eine Armee versammelt. Im Hafen und vor der Küste dümpelten mehr als 2000 Boote verschiedener Typen in der Dünung, fast alle mit wenig Tiefgang und kaum hochseetüchtig.
Nachdem der kurzlebige Friede von Amiens nach kaum 14 Monaten Dauer im Mai 1803 zu Ende gegangen war, wollte Napoleon dem unnachgiebigsten seiner Feinde einen tödlichen Stoß versetzen. In Boulogne wurde die Invasion Großbritanniens vorbereitet, vorübergehend sollen bis zu 150 000 Mann hier bereitgestanden haben. Um die Soldaten in den wenig stabilen Transportmitteln über den Ärmelkanal zu bringen, wäre es notwendig gewesen, für einige Tage, vielleicht auch nur für wenige Stunden, der Aufmerksamkeit der Royal Navy zu entgehen.
Als „hölzerne Festung“ bewachten die britischen Kriegsschiffe nicht nur die Gewässer rund um ihre Inseln, sondern blockierten seit dem neuerlichen Kriegsausbruch auch recht effektiv die wichtigsten Häfen Frankreichs und seiner wechselnden Verbündeten.
Eine zentrale Figur der britischen Marine war Horatio Nelson. Der Sohn eines Pfarrers aus dem kleinen Dorf Burnham Thorpe in der Grafschaft Norfolk war 1771 als schmächtiger zwölfjähriger midshipman (Seekadett) in die Royal Navy eingetreten.
Seit 1793 hatte er an verschiedenen Schauplätzen gegen zunächst das revolutionäre, dann das napoleonische Frankreich gekämpft – und er tat dies ohne Rücksicht auf sich selbst: Auf Korsika büßte er 1794 die Sehkraft des rechten Auges ein, 1797 musste ihm vor Teneriffa nach einer Verletzung der rechte Arm amputiert werden, und bei seinem bislang größten Erfolg, dem Sieg über die französische Flotte vor dem ägyptischen Abukir am 1. August 1798, erlitt er eine Verletzung an der Stirn, die eine markante Narbe hinterließ.
Ein Nationalheld mit kleinen Schwächen
Für die Öffentlichkeit in Großbritannien war Nelson 1805 Hoffnungsträger und Idol. Dass ihn ein Hauch von Skandal umwehte, machte ihn für das breite Publikum, wenn auch nicht für die gehobene Gesellschaft, noch interessanter. Der verheiratete Nelson hatte über Jahre ein lebhaft kolportiertes Verhältnis mit Lady Emma Hamilton, der Gattin (und seit Februar 1804 Witwe) des britischen Botschafters in Neapel, Sir William Hamilton. Emma brachte 1801 die gemeinsame Tochter Horatia zur Welt, die das nunmehr auf einem Landsitz in Merton (Grafschaft Surrey) lebende Paar als Nelsons Adoptivtochter ausgab.
Anfang der 1980er Jahre war ein Großteil der bundesdeutschen Bevölkerung davon überzeugt, dass von den deutschen Wäldern in ein paar Jahren nur noch Steppen…
Die „HMS Victory“, das Flaggschiff Nelsons, liegt seit den 1920er Jahren als Museumsschiff im Hafen von Portsmouth (Foto von 2013). Derzeit ist sie aufgrund von Konservierungsmaßnahmen „abgetakelt“ – Takelage und Masten wurdenentfernt. · Foto: Bridgeman Images / National Museum of the Royal Navy
Großbritannien verfügte über 169 der als entscheidendes maritimes Machtinstrument angesehenen sogenannten Linienschiffe, hölzerne Kolosse mit meist drei Kanonendecks und 74 bis 100 Geschützen. Frankreich hatte insgesamt 69 Linienschiffe, das jetzt mit ihm verbündete Spanien wahrscheinlich rund 80 vorzuweisen (die Angaben in der Literatur schwanken, und nicht alle in Dienst stehenden Schiffe waren auch einsatzfähig).
Etwa 138 000 Mann dienten in der Royal Navy, über weite Teile der Napoleonischen Kriege mehr als in den britischen Landstreitkräften. Es waren diese Seeleute und vor allem ihre Offiziere, die den Unterschied zugunsten der Briten ausmachten. Auch in der Royal Navy spielte in den höheren Rängen die soziale Herkunft eine wichtige Rolle, doch es wurde darauf geachtet, dass die Besten Verantwortung übernahmen.
Die midshipmen, Kapitäne und Admirale entstammten primär dem niederen Adel, der landed gentry oder dem Bürgertum wie Horatio Nelson. Die an Bord unter kaum vorstellbaren hygienischen Verhältnissen lebenden einfachen Seeleute waren teils freiwillig zur Marine gegangen, teils in den Dienst gepresst worden.
Ihr Training, besonders beim Gebrauch der Kanonen, war dem der Seeleute anderer Länder weit überlegen: Eine gut eingespielte Crew konnte binnen fünf Minuten drei Schüsse abgeben; die besten brachten es auf eine Salve alle 90 Sekunden.
Auf der anderen Seite, der vereinigten Flotte Frankreichs und Spaniens, dominierten Probleme, Mangel und Pessimismus. Der französische Befehlshaber, Vizeadmiral Pierre Charles de Villeneuve, hatte zahlreiche Marineoffiziere des Ancien Régime die Guillotine besteigen sehen, was die Marine ihrer Erfahrung beraubt hatte.
Ebenso wie sein spanischer Partner, Vizeadmiral Federico Carlos Gravina, war Villeneuve wenig zuversichtlich, sich trotz möglicherweise numerischer Überlegenheit gegen die Royal Navy behaupten zu können. Die Besatzungen waren unterbezahlt, mangelernährt, vielfach krank und vor allem auf spanischer Seite nicht in ausreichender Zahl verfügbar. Tapfer waren die Männer, wie sich zeigen sollte, dennoch.
Der Blick in ein Kanonendeck der „Victory“ gibt einen Eindruck, wie gedrängt die Situation an Bord war. Die Hängematten der Matrosen wurden jeden Morgen verräumt. · Foto: Bridgeman Images / National Museum of the Royal Navy
Napoleon will seinen Admiral abberufen lassen
Zu Villeneuves Verzweiflung trug die kurz vor Trafalgar eintreffende Nachricht bei, wonach Napoleon ihn abzulösen gedachte und der Nachfolger bereits unterwegs sei. Die Franzosen wollten die Royal Navy in die Karibik locken, um für das Durchbrechen der Blockade und eine mögliche Invasion freie Hand zu haben. Zunächst war das Glück in Gestalt eines kräftigen Sturms mit den Franzosen. Dieser trieb Nelsons Schiffe, die den französischen Kriegshafen Toulon blockierten, auseinander. Villeneuve entkam am 30. März 1805 mit seinen Einheiten. Sein Ziel waren nun die Westindischen Inseln jenseits des Atlantiks.
Nelson suchte den Gegner zunächst im Mittelmeer – ergebnislos. Als er von Villeneuves tatsächlichem Ziel erfuhr, jagte der Brite ihm mit für die Verhältnisse des Segelschiffzeitalters Höchstgeschwindigkeit nach: Von Cadiz bis Barbados benötigte er mit seinem Geschwader nur 24 Tage.
Villeneuve war allerdings bereits wieder auf dem Weg zurück nach Europa. Bei Brest wollte er sich mit den dort liegenden französischen Einheiten vereinigen. Der Plan schien aufzugehen. Doch unweit von Kap Finisterre an der galizischen Küste (in der Antike als das „Ende der Welt“ betrachtet) traf die französische Flotte am 22. Juli auf ein Geschwader der Royal Navy unter Admiral Robert Calder. In der in teilweise dichtem Nebel ausgetragenen Schlacht konnten zwei zu Villeneuves Verband gehörende spanische Linienschiffe genommen werden. Calder wertete das als Erfolg und verfolgte den flüchtenden Gegner nicht entschlossen.
Die britische Öffentlichkeit und die Admiralität indes waren über die Zögerlichkeit des Admirals empört; Calder beantragte ein Kriegsgerichtsverfahren, um den Vorwürfen entgegenzutreten. Villeneuve zog sich mit der vereinigten Flotte nach Cadiz zurück.
Der französische Vizeadmiral Pierre Charles de Villeneuve ging als tragische Figur in die Geschichte ein. Er starb 1806 unter ungeklärten Umständen (zeitgenössischer Stich). · Foto: Bridgeman Images
Am 8. September griff ein frustrierter Napoleon zur Feder: „Wenn Admiral Villeneuve nach Brest gesegelt wäre, … hätte meine Armee [in England] landen können. Mit England wäre es vorbei gewesen.“ Die Invasion war endgültig zur Schimäre geworden. Napoleon führte seine Armee von Boulogne weg und ins Territorium des Heiligen Römischen Reichs. Der Liste der Siege Napoleons wurden damit nicht etwa Portsmouth, London oder Bristol hinzugefügt, sondern Ulm, Wertingen und Austerlitz.
Nelson, der einen kurzen Urlaub bei Emma und Horatia verbracht hatte, verließ am 15. September auf seiner „Victory“ England, nachdem ihm die Bevölkerung auf seinem Weg an die Küste einen Abschied von fast religiöser Inbrunst bereitet hatte, mit Menschen, die auf die Knie fielen und bei seinem Anblick weinten.
Als er zu der unweit von Cadiz auf dem Atlantik versammelten Flotte stieß – der spanische Hafen wurde pausenlos von britischen Fregatten beobachtet, die den Linienschiffen per Flaggensignal das Auslaufen des Gegners melden konnten –, lud Nelson seine Kapitäne mehrfach zu angeregten Abenden bei gerösteten Hühnchen, geräuchertem Rindfleisch, Brotpudding und Portwein ein. In gelöster Stimmung schwor er sie auf seine revolutionäre Taktik ein.
Die rund 150 Jahre zuvor etablierte Taktik der Kiellinie hatte inzwischen dazu geführt, dass die feindlichen Linienschiffe (daher auch der Name) einander bei Seeschlachten in zwei langgezogenen parallelen Reihen passierten und dabei Breitseiten austauschten. Nach Nelsons Einschätzung blieb dabei viel zu häufig eine Entscheidung aus; der Admiral wollte den Sieg.
Nelsons Erfolgsrezept war seine geradezu moderne Auffassung von Gefechtsfeldführung. Er ließ seinen Kapitänen im Rahmen der von ihm vorgegebenen Strategie taktische Freiheiten; er vertraute darauf, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen würden.
In der Skizze der Schlacht bei Trafalgar sieht man deutlich die beiden von Nelson und Collingwood angeführten Kolonnen der Royal Navy. Die vereinigte Flotte wurde dadurch überrumpelt (kolorierter Stich, 1848). · Foto: Bridgeman Images / The Stapleton Collection
Auf der Gegenseite herrschte dagegen die jede Eigeninitiative erdrückende Befehlshierarchie einer Autokratie: Napoleon hatte Villeneuve explizit verboten, seine Offiziere in die genauen Planungen einzuweihen.
Eine neue Taktik soll den Gegner überraschen
Nelsons innovativer Plan war es, die eigene Flotte in zwei Kolonnen zu teilen, die nicht parallel, sondern senkrecht auf die gegnerische Linie treffen sollten. So würde diese gleich an zwei Stellen durchbrochen, und es käme im Anschluss zu mehr individuellen Schiff-zu-Schiff-Duellen, sogenannten mêlées, bei denen die Qualität der britischen Besatzungen und ihrer Ausrüstung den Ausschlag geben sollte. Eine Kolonne wollte er selbst mit der „Victory“ anführen, die andere Vizeadmiral Cuthbert Collingwood auf der „Royal Sovereign“.
Seine Offiziere waren offensichtlich von dem Plan beeindruckt. „Als ich ihnen den ‚Nelson touch‘ erklärte“, so vertraute der Admiral am 1. Oktober einem Brief an Emma Hamilton an, „war das wie ein elektrischer Schlag.“
Am Morgen des 19. Oktober 1805 gab eine Cadiz beobachtende Fregatte das Signal, wonach der feindliche Verband im Hafen Segel setze. Villeneuve brauchte mehr als einen Tag und eine Nacht, um seine schwerfällige Flotte aus dem Hafen zu bringen. Napoleon hatte ihm den Befehl gegeben, ins Mittelmeer zu segeln und seinen dortigen Feldzug zu unterstützen.
In den frühen Morgenstunden des 21. Oktobers kamen die beiden Flotten in Sichtweite voneinander. Nelson verfügte über 27 Linienschiffe – er hatte nicht nur fünf andere zur Einholung von Proviant nach Gibraltar geschickt, sondern stellte großzügig und loyal Admiral Calder für seine Fahrt zum Gerichtstermin in London sogar dessen kampfstarke, mit 98 Kanonen bewaffnete „Prince of Wales“ zur Verfügung, auf dass Calder standesgemäß reisen konnte.
Villeneuve und Gravina hatten 33 Linienschiffe unter ihrem Kommando. Trotz dieser zahlenmäßigen Überlegenheit gab Villeneuve angesichts der ihm bekannten Mängel seiner Schiffe und seiner Besatzungen den Befehl zur Rückkehr nach Cadiz.
Der letzte, zwei Tage vor der Schlacht verfasste, Brief Nelsons an Lady Hamilton („Meine teuerste, geliebte Emma ...“) fand sich in einer Schublade in der Kajüte des Admirals. · Foto: Bridgeman Images / British Library archive
„England erwartet, dass jeder Mann seine Pflicht tut!“
Knapp 30 Kilometer nordwestlich von Kap Trafalgar an der spanischen Küste näherte sich Nelsons Verband bei schwachem Wind der vereinigten Flotte mit der Geschwindigkeit eines vitalen Fußgängers. Insgesamt 47 000 Mann auf beiden Seiten gingen in die entscheidende Seeschlacht der Napoleonischen Kriege.
Gegen 11.45 Uhr gab Nelson Anweisung, ein Flaggensignal setzen zu lassen: „England confides that every man will do his duty“. Ein junger Offizier wies ihn darauf hin, dass expects („erwartet“) ein wesentlich kürzeres Signal ergäbe als confides („vertraut darauf“). So stieg das berühmteste Credo der Epoche am Mast der „Victory“ empor: „England erwartet, dass jeder Mann seine Pflicht tut!“
Die beiden britischen Linien steuerten wie geplant in einem fast perfekten 90-Grad-Winkel auf die durch den Wendebefehl Villeneuves etwas ungeordneten, einen halbmondförmigen Verband bildenden Schiffe der Franzosen und Spanier zu, der sich über eine Länge von rund acht Kilometern erstreckte.
Während fast einer Stunde waren die Briten deren Breitseiten ausgesetzt, ohne selbst einen Schuss abfeuern zu können. Doch als sie durch die gegnerische Linie brachen, zahlte sich Nelsons Taktik binnen Minuten aus. Alle Kanonendecks der „Victory“ feuerten Doppelladungen durch das weniger gut als die Seiten der Linienschiffe geschützte Heck von Villeneuves Flaggschiff „Bucentaure“.
Eine besonders grausame, ausschließlich gegen Personen gerichtete Waffe war die mit Hunderten von kleinen Kugeln geladene Karronade. Schon die erste Salve der „Victory“ tötete oder verwundete rund 200 Mann, was die Kampfkraft der „Bucentaure“ stark reduzierte. Zwei Kilometer südlich ließ Collingwoods „Royal Sovereign“ eine ähnliche Apokalypse über die spanische „Santa Ana“ niedergehen.
Bald befanden sich fast alle britischen Schiffe in tödlichen Duellen auf kurze Entfernungen mit den Gegnern. Die zahlenmäßige Überlegenheit der vereinigten Flotte war dadurch egalisiert, dass ihre an der Spitze fahrenden Schiffe zunächst vom Geschehen weit entfernt waren und mühsam umkehren mussten – auch über sie ergoss sich schließlich das verheerende Geschützfeuer der Engländer.
William Turner verewigte die „Victory“ 1824 mit diesem stark idealisierten Gemälde. Thomas Hardy, der bei Trafalgar an der Seite Nelsons war, konnte dem Werk nichts abgewinnen. Es zeige nicht das wirkliche Schlachtgeschehen. · Foto: akg-images
Die Franzosen und Spanier wehrten sich nach Kräften, bald waren auch die Decks der britischen Flotte von Blut überströmt. Nelsons Sekretär John Scott wurde von einer Kanonenkugel zerrissen, sein Blut tränkte die Uniformjacke des neben ihm stehenden Admirals (die Spuren sind noch heute an dem im Maritime Museum in Greenwich ausgestellten Uniformrock Nelsons zu sehen).
Das größte Schiff in der Schlacht, die spanische „Santissima Trinidad“ mit 130 Kanonen und 1115 Mann Besatzung, wurde von mehreren britischen Einheiten unter Feuer genommen. Als sie schließlich mit zerschossenen Masten die Fahne senkte und ein britisches Prisenkommando an Bord kam, beschrieb ein englischer Kadett die Szene: „Sie hatte zwischen 300 und 400 Tote und Verwundete zu beklagen; ihre Balken waren mit Blut, Hirnmasse und Fleischstücken übersät, und auf dem hinteren Teil ihrer Decks lagen Verwundete, manche ohne Beine, manche ohne einen Arm – welch ein Unheil der Krieg doch mit sich bringt.“ Der gleiche Anblick bot sich am Nachmittag auf den meisten Schiffen der vereinigten Flotte.
Ein Scharfschütze trifft Nelson an Deck der „Victory“
Das berühmteste Einzelereignis an diesem Tag indes spielte sich jedoch auf der „Victory“ ab. Die Takelage des britischen Flaggschiffs hatte sich regelrecht in jene der französischen „Redoutable“ verhakt, es tobte ein Nahkampf. Kurz nach ein Uhr mittags, als Nelson mit dem Kapitän des Schiffes, seinem Freund Thomas Hardy, auf dem Achterdeck die Lage besprach, traf ihn die Kugel eines der in den Masten der „Redoutable“ postierten Scharfschützen (auch das Einschussloch ist bis heute im Uniformrock zu sehen). Nelson stürzte und bewies eine erstaunliche selbstdiagnostische Fähigkeit: „Jetzt haben sie mich endlich erwischt. Mein Rückgrat ist durchschossen.“
Das erkannte auch Schiffsarzt William Beatty im Unterdeck, wohin man Nelson trug. Der Admiral lebte noch gut drei Stunden. Man meldete ihm kontinuierlich die Erfolge, die Namen der gegnerischen Schiffe, die vor ihm, seinen Männern und seinem taktischen Genie die Segel gestrichen und die Flagge eingeholt hatten.
Als Hardy ihm berichtete, dass es 14 oder 15 Prisen seien, sagte Nelson wohl mit dem Ansatz eines Scherzes: „Das ist gut, aber ich hatte eigentlich mit 20 gerechnet.“ Gegen halb Fünf Uhr nachmittags kam das Ende. Nelsons letzte Worte waren „Gott sei Dank, dass ich meine Pflicht getan habe“. Die Royal Navy verlor kein einziges Schiff. Von der vereinigten Flotte fielen 17 Linienschiffe in die Hände der Briten, ein weiteres, die „Achille“, war explodiert.
An Nelsons Uniformrock, den er während der Schlacht trug, ist an der linken Schulter das Einschussloch der französischen Kugel zu sehen. Der rechte Ärmel ist mit einem Knopf fixiert, da dem Admiral seit 1797 der rechte Arm fehlte. · Foto: Bridgeman Images / Granger
Britische Seeleute ruderten unmittelbar nach diesem Ereignis, das einer ihrer Offiziere als „unsagbar schrecklich und großartig“ bezeichnete, zu der Stelle der Katastrophe und retteten rund 200 Franzosen, die rechtzeitig ins Wasser gesprungen waren – nicht länger Feinde, sondern Angehörige der „Bruderschaft des Meeres“. Unter den Geretteten waren auch zwei Frauen.
Die Verluste an Menschen waren ähnlich einseitig: Den 449 gefallenen und 1217 verwundeten britischen Seeleuten standen 4408 Tote und 2545 Verwundete bei der vereinigten Flotte gegenüber. Tausende Franzosen und Spanier, die das Gemetzel überlebt hatten, wurden zu Kriegsgefangenen.
Einer von ihnen war Vizeadmiral Villeneuve. Entgegen einer schönen Legende war er beim Staatsakt für Nelson, dessen sterbliche Hülle in einem Branntweinfass an Bord der „Victory“ nach England gebracht wurde, in Londons St. Paul’s Cathedral am 9. Januar 1806 nicht dabei.
Mit der Schlacht von Trafalgar war jeder Gedanke an eine französische Invasion der Britischen Inseln obsolet geworden. Napoleon richtete seine Ambitionen auf seine kontinentaleuropäischen Rivalen. Auch wenn ihm noch zahlreiche Siege in Feldschlachten bevorstanden, wie man sie eingemeißelt im Arc de Triomphe in Paris findet: Zur See konnten die Franzosen nach Trafalgar die Überlegenheit der Briten nicht mehr gefährden.
Dr. Dr. Ronald D. Gerste
ist Historiker und Mediziner. Er lebt als freier Autor in der Nähe von Washington, D. C.
Literatur
Jan M. Witt, Horatio Nelson. Triumph und Tragik eines Seehelden. Sein Leben und seine Zeit 1758–1805. Hamburg 2005.
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