Otto Weddigen wurde als U-Boot-Kommandant zum Helden. Er starb am 18. März 1915 beim Untergang von „U 29“. · Foto: akg-images
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stellte sich die deutsche Schlachtschiffflotte als strategische Fehlrüstung heraus. Als es jedoch Otto Weddigen, dem Kommandanten des U-Boots „U 9“, am 22. September 1914 gelang, gleich drei britische Panzerkreuzer zu versenken, weckte dieser Überraschungserfolg bei den Militärs Hoffnungen.
Die unerwarteten Erfolge des Kommandanten Weddigen boten der Marineführung die Möglichkeit, der Öffentlichkeit einen Helden zu präsentieren. Dieser kam aber bezeichnenderweise nicht von der Hochseeflotte, sondern eben von den U-Booten.
Der Marinestaatssekretär Alfred von Tirpitz, der seit der Jahrhundertwende die Schlachtflotte gebaut und in der Öffentlichkeit beworben hatte, stand bei Kriegsbeginn im Grunde vor einem Scherbenhaufen. Denn anders als die Flottenpropaganda vor 1914 behauptet hatte, schreckten die sündhaft teuren Schlachtschiffe die Briten nicht von einem Kriegseintritt ab.
Wenn es aber doch zu einem militärischen Konflikt mit dem Inselreich kommen sollte – so die Vorkriegspropaganda –, dann werde die Schlachtflotte die Grand Fleet der Briten in einer Entscheidungsschlacht stellen. Hierzu kam es aber ebenfalls nicht. In den ersten Wochen des Krieges wartete die deutsche Öffentlichkeit gespannt auf die Nachrichten vom Seekriegsschauplatz, aber eine Schlacht blieb aus. Für die deutsche Seite war ein Angriff viel zu riskant, und die Briten verlegten sich auf eine Blockade der Nordsee, um auf lange Sicht die Kriegsentscheidung herbeizuführen.
Diese Entwicklung sorgte innerhalb der Marineführung und in Marineoffizierskreisen für schlechte Stimmung. Der Offizier Ernst von Weizsäcker, Vater des späteren Bundespräsidenten Richard und des Physikers Carl Friedrich, hielt im Oktober 1914 fest, man müsse wohl „unsere ganze Flottenpolitik für verfehlt ansehen“. Tirpitz kam – allerdings nur privat – zum gleichen Ergebnis und fürchtete, sein Lebenswerk werde „mit einem Minus“ enden. Angesichts dieser düsteren Zukunftsaussichten bot der Überraschungserfolg Weddigens einen Ausweg, um der Marine neues Ansehen zu verschaffen.
Am 22. September 1914 versenkte das von Otto Weddigen kommandierte U-Boot „U 9“ drei hintereinander fahrende britische Kreuzer. Der Marinemaler Hans Bohrdt hielt das Ereignis noch im selben Jahr in diesem idealisierten Aquarell fest. · Foto: akg-images
Der französische Kaiser Napoleon wollte 1805 die Seemacht Großbritannien herausfordern. Vor der spanischen Küste kam es zur entscheidenden Konfrontation. Der…
Tirpitz ergriff die Möglichkeit beim Schopfe, die Siegeserwartungen, die sich bisher auf die Flotte der großen Schlachtschiffe gerichtet hatten, auf die U-Boote zu verlagern. Obwohl er intern durchaus zugab, dass die Erfolgsaussichten der Unterseeboote von der begeisterten Öffentlichkeit „zu hoch geschätzt“ würden, wollte er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Erfolg auszunutzen. Deshalb gab er dem deutsch-amerikanischen Journalisten Karl von Wiegand ein Interview, in dem er – wider besseres Wissen – behauptete, das Reich sei in der Lage, die Briten durch Unterseeboote zu blockieren und auszuhungern.
Eigentlich hätten diese Äußerungen zunächst dem Auswärtigen Amt zur Prüfung vorgelegt werden müssen. Doch Tirpitz überging diese Kontrollinstanz, sodass der Text im Ausland erschien und über diesen Weg im Dezember 1914 auch wieder die deutsche Öffentlichkeit erreichte.
Der Marinestaatssekretär wollte öffentlichen Druck generieren, damit die politische Spitze einer U-Boot-Offensive zustimmte. Es ging ihm darum, so Tirpitz gegenüber einem Mitarbeiter, den „Reichskanzler zu schieben“. Nun begann eine öffentliche Diskussion über die Möglichkeiten eines U-Boot-Kriegs, der England vom Seehandel ausschließen sollte.
Im Februar 1915 begann dann die erste von mehreren U-Boot-Offensiven, die sich gegen Handelsschiffe richtete, um die britische Wareneinfuhr zu reduzieren. Aus deutscher Sicht rechtfertigte sich der U-Boot-Krieg durch die britische Blockade. Diese wurde als skandalöse „Hungerblockade“ bezeichnet, die vor allem Zivilisten in Mitleidenschaft ziehe. Tatsächlich verschärfte sich während des Kriegs die Ernährungslage im Reich.
Kaiser Wilhelm II. (links) unterstützte den von Marinestaatssekretär Alfred von Tirpitz (Mitte) vorangetriebenen Ausbau der deutschen Hochseeflotte. · Foto: akg-images / TT News Agency / SVT
Allerdings verschlechterte sich die Situation auch aufgrund des institutionellen Durcheinanders zwischen den unterschiedlichen Stellen, die mit der Lebensmittelverteilung betraut waren. Die Ernährungsengpässe sorgten für einen lebhaften Schwarzmarkt und öffentlichen Unmut über Kriegsgewinnler und Schleichhandel. Die Unfähigkeit der deutschen Flotte, die Küsten zu befreien, spiegelte sich in der Unfähigkeit der Behörden, eine effektive Lebensmittelverteilung zu organisieren.
Kein Wunder, dass in der Öffentlichkeit eine Polarisierung zwischen zwei Gruppen eintrat. Während die einen in einem verschärften U-Boot-Krieg den Weg zum „Siegfrieden“ erkannten, fürchteten die anderen, dass durch die Versenkung neutraler Handelsschiffe weitere Mächte, vor allem die USA, in den Krieg hineingezogen werden könnten und sich die Position des Reiches noch weiter verschlechtern werde.
Die erste U-Boot-Offensive erstreckte sich von Februar bis September 1915. Sie wurde vorerst eingestellt, als die Amerikaner wegen der Versenkung von Passagierschiffen protestierten. So hatte etwa bereits der Untergang des Dampfers „Lusitania“ (siehe Karte Seite 43) nach einem Angriff durch „U 20“, bei dem am 7. Mai 1915 128 US-Amerikaner ertrunken waren, in Washington für Empörung gesorgt. Von Februar bis Mai 1916 lief die zweite Offensive, bevor die dritte von Oktober 1916 bis Januar 1917 durchgeführt wurde.
Bei all diesen Offensiven handelte es sich nicht um eine uneingeschränkte U-Boot-Kriegführung, da die U-Boot-Kommandanten in der Regel der Prisenordnung folgten. Was bedeutet das? Wenn ein deutsches U-Boot ein Handelsschiff entdeckte, gab es das Flaggensignal, das Schiff aufzugeben. Sobald die Mannschaft sich auf die Rettungsboote begeben und entfernt hatte, wurde das Schiff mitsamt Ladung versenkt. Es handelte sich also zunächst nicht um Angriffe ohne Vorwarnung.
„U 110“ lief im Juli 1917 vom Stapel. Aufgetaucht fuhr das U-Boot mit einem Dieselmotor. Er lud auch die Batterien, die für die – meist kurzen – Tauchfahrten mit Elektroantrieb nötig waren. · Foto: akg-images
Dieses Vorgehen hing auch damit zusammen, dass die U-Boote zwar als Unterseeboote bezeichnet wurden, de facto aber Überwasserschiffe waren, die nur für kurze Zeiträume unter Wasser fahren konnten. Treffender wäre wohl die Bezeichnung Tauchboote, da die Schiffe zwar abtauchen, aber nicht lange Zeit und weite Strecken in diesem Zustand zurücklegen konnten.
Im Sommer 1916 kam es zu einem Ereignis, mit dem eigentlich niemand mehr gerechnet hatte: einer großen Seeschlacht. Dieses in Deutschland als Skagerrakschlacht, in England als Battle of Jutland bezeichnete Ereignis, bei dem die Hochseeflotte und die Grand Fleet der Royal Navy unmittelbar aufeinandertrafen, forderte zwar ungefähr 10 000 Menschenleben und verursachte erhebliche Materialverluste, änderte aber an der strategischen Lage nichts. Denn es war der Hochseeflotte weder gelungen, die britische Blockade zu brechen, noch, einen entscheidenden Sieg zu erringen.
In Deutschland bemühte sich die Propaganda zwar, die Seeschlacht zum unauslöschlichen Prestigesieg hochzustilisieren, aber selbst der als „Sieger vom Skagerrak“ heroisierte Chef der Hochseestreitkräfte, Reinhard Scheer, hielt in seinem Abschlussbericht zur Schlacht fest, dass man dem „Siegfrieden“ nicht nähergekommen sei. Er erkannte daher ein „sieghaftes Ende des Krieges“ ausschließlich im „Ansetzen des Unterseebootes gegen den englischen Handel … bis zur vollen Schärfe“.
„Uneingeschränkter U-Boot-Krieg“: Versenken ohne Vorwarnung
Man kann davon ausgehen, dass Scheer mit seiner Forderung eines U-Boot-Kriegs in voller Schärfe vor allem eines meinte: Angriffe ohne Vorwarnung. Tatsächlich trafen die Führungsspitzen des Deutschen Reiches am 9. Januar 1917 die Entscheidung für einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der am 1. Februar beginnen sollte.
Die deutsche Flotte auf dem Weg zu ihrer einzigen großen Schlacht im Ersten Weltkrieg am 31. Mai und 1. Juni 1916 im Skagerrak zwischen Dänemark und Norwegen. · Foto: akg-images
Vorausgegangen war dieser Entscheidung ein lange währender Konflikt zwischen politischer Führung, der Obersten Heeresleitung (OHL) und der Marineführung um die Eröffnung einer uneingeschränkten Offensive und damit einer massiven Verschärfung des U-Boot-Kriegs. Besonders Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg betonte die Gefahr, dass die USA offen aufseiten der Entente in den Krieg eintreten könnten.
Dem vorsichtigen Reichskanzler stand allerdings eine Propagandakampagne gegenüber, in der Tirpitz und seine Anhänger den U-Boot-Krieg als das entscheidende Mittel beschrieben, den Krieg in wenigen Monaten zu einem für Deutschland siegreichen Ende zu führen. Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg sollte nun den alleinigen Schlüssel zum Sieg bieten.
In immer neuen Denkschriften verkündeten Marineoffiziere, dass die Briten innerhalb von zwei bis acht Monaten in die Knie gezwungen werden könnten. Wenn es gelinge, jeden Monat zwischen 500 000 und 600 000 Bruttoregistertonnen – also Schiffsraum – zu versenken, müsse England seine Kriegsanstrengungen einstellen, da Nahrungsmittel, Rohstoffe und sonstige Güter fehlten.
Tatsächlich waren diese vollmundigen Behauptungen kaum durch die Wirklichkeit gedeckt und sie waren auch nicht quasi objektiv aus der Datenlage über die Einfuhr in England oder die mögliche Zahl durchschnittlicher Versenkungserfolge deutscher U-Boote hervorgegangen, sondern vielmehr aus der Notwendigkeit, die politischen Entscheidungsträger überzeugen zu müssen.
Besatzungen und Landpersonal der im Kieler Hafen stationierten U-Boote waren am „Matrosenaufstand“ beteiligt (Foto vom 5. November 1918). · Foto: akg-images
Schließlich, so ein marineinternes Dokument über die Genese der Entscheidung für die uneingeschränkte Offensive zur See, wäre „der Widerstand der politischen Reichsleitung gegen die Wiederaufnahme des U-Boot-Kriegs keinesfalls zu überwinden“ gewesen, wenn keine klare zeitliche Prognose abgegeben worden wäre. Deshalb hatten die Marinefachleute sich auf einen Zeitraum von sechs Monaten geeinigt. Als auch dieser Zeitraum nicht zu überzeugen vermochte, verkürzte die Marineführung diesen in einer Denkschrift im Dezember 1916 noch einmal um einen Monat, um endlich uneingeschränkt agieren zu dürfen.
Falsche Prognosen als Argumentationsgrundlage
Warum die Marineführung so erbittert für die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs agitierte und auch vor hochriskanten, wenn nicht gar falschen Prognosen nicht zurückschreckte, erkannte Ernst von Weizsäcker, der seinen Kameraden zunehmend distanziert gegenüberstand: „In der Enttäuschung, die uns die Flotte trotz des Skagerraks brachte, liegt ein wesentlicher … Ansporn zu der unsere Kompetenz u[nd] unseren Überblick weit übersteigenden Agitation für das U-Boot.“ Er selbst, so Weizsäcker in seinem Tagebuch, hätte die Garantie eines Friedens in fünf Monaten „nie übernehmen“ können.
Die Spitze der Seestreitkräfte sah das anders, denn der Marinestaatssekretär erklärte am 1. Februar im Reichstag die Folgen eines möglichen Kriegseintritts der Amerikaner „für null“. Angeblich sei der Krieg ja ohnehin in fünf bis sechs Monaten gewonnen, und damit der Zeitraum für einen wirkungsvollen Eingriff der Amerikaner sowieso zu kurz.
Tatsächlich machte sich zu Beginn der neuen U-Boot-Offensive Hoffnung, ja Euphorie breit, auf diesem Weg zu einem Siegfrieden gelangen zu können. Die Versenkungsziffern lagen teilweise weit über denen, die angeblich benötigt wurden, um den Krieg zu gewinnen, und so erschien es vielen Zeitgenossen glaubwürdig, dass England bald niedergerungen sei. So schrieb zum Beispiel die Großmutter des an der Westfront dienenden Leutnants Ernst Jünger, ihrem Enkel, der nach dem Krieg als Schriftsteller zu Ruhm gelangen sollte, Ende Februar 1917: „[I]n 1–2 Monaten haben wir die Engländer durch Hunger zahm, unsere U.Boote machen gute Arbeit.“
Doch diese Hoffnungen trogen, denn seit Juni 1917 nahmen die Versenkungserfolge immer weiter ab, da die Briten als Gegenmaßnahme zum Geleitzugsystem übergingen. Einer Kolonne von Frachtschiffen wurden dabei Kriegsschiffe an die Seite gestellt, die U-Boote etwa mit Wasserbomben bekämpfen konnten. Diese Schutzmaßnahmen waren sehr erfolgreich.
Die USA treten in den Krieg ein
Im Herbst schließlich wurde offensichtlich, dass die Prognosen falsch gewesen waren: Die Briten baten nicht um Frieden, sondern schöpften vielmehr Hoffnung, waren doch die Amerikaner infolge des U-Boot-Kriegs am 6. April 1917 in den Krieg eingestiegen. Für das nächste Kriegsjahr konnte die Entente also auf weitere Unterstützung hoffen, während Deutschlands Kräfte schwanden.
Die falschen Versprechungen gaben einer zunehmenden Enttäuschung über die Seestreitkräfte sowie einem daraus resultierenden Vertrauenseinbruch Raum. Im Reichstag konfrontierten Abgeordnete die Marinevertreter und bezeichneten sie als „Bluffer“. Deren Erklärungen für die abnehmenden Versenkungserfolge – etwa, man habe die Meere bereits so weit geleert, dass es nun immer schwerer sei, überhaupt noch Schiffen zu begegnen –, überzeugten nicht, denn offenbar war die britische Kriegführungsfähigkeit nach wie vor vorhanden.
Obwohl der U-Boot-Krieg also bis kurz vor Kriegsende fortgeführt wurde, trug er nicht zum Sieg bei, sondern untergrub nach und nach das Vertrauen in die (see)militärischen Spitzen des Reichs. Einer der führenden Propagandaexperten des Kaiserreichs, Erhard Deutelmoser, zog deshalb im August 1918 eine kritische Bilanz der U-Boot-Kampagne: „Ein großer, nur allzu großer Teil unseres Volkes fühlt sich enttäuscht und in seinem Vertrauen erschüttert, weil man ihm Hoffnungen gemacht hat, die über die Grenzen des Möglichen weit hinausgingen. Man hat ihm versprochen, der U-Bootkrieg werde England in kurzer Zeit zum Kapitulieren zwingen. Man hat ihm gesagt, Amerikas Eingreifen in den Krieg sei belanglos. … Jetzt ist der Rückschlag da“.
Dieser „Rückschlag“ und eine allgemeine Ernüchterung offenbarten sich an den Landfronten in einem verdeckten Militärstreik, bei dem sich immer mehr Soldaten von der Front entfernten, freiwillig in Gefangenschaft gingen oder sich im Hinterland herumtrieben. Jeder ahnte, dass der Krieg dem Ende entgegentaumelte. Als die Marineführung versuchte, die Flotte noch einmal zum Einsatz zu bewegen, begann die Matrosenmeuterei, die schließlich in die Novemberrevolution mündete.
Angesichts dessen fasste Ernst von Weizsäcker das Ergebnis der deutschen Marinepolitik im November 1918 prägnant zusammen: „Diese Marine! Entsprungen dem Weltmachtsdünkel, verdirbt unsere Ausw[ärtige] Politik 20 Jahre lang, hält ihre Versprechungen im Kriege nicht und entfacht nun den Umsturz!“
Dr. Sebastian Rojek
ist Akademischer Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Stuttgart.
Literatur
Sebastian Rojek, Versunkene Hoffnungen. Die deutsche Marine im Umgang mit Erwartungen und Enttäuschungen 1871–1930. Berlin/Boston 2017.
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