Rudolf Gruber
Schon am frühen Morgen des 15. März 1938 drängte sich eine Viertelmillion begeisterter Menschen auf dem Wiener Heldenplatz. Nach Stunden erschien Adolf Hitler auf dem Balkon der Hofburg, als habe er soeben das einstige Machtzentrum der Habsburgermonarchie im Sturm erobert, und verkündete mit schnarrender Stimme und dickem Pathos: „Als Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reichs melde ich vor der deutschen Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich!“ Damit war der „Anschluss“ vollzogen, die Republik Österreich schlagartig zur Provinz namens „Ostmark“ geschrumpft.
Architektonisch betrachtet ist der Hitler-Balkon ein Altan mit einer 200 Quadratmeter großen, von einer niedrigen Steinbalustrade eingerahmten Terrasse oberhalb eines Vorbaus im Mitteltrakt der Hofburg. Doch hat sich die volkstümliche Bezeichnung durchgesetzt, auch Historiker sprechen vom Hitler-Balkon.
Eine Gedenkstätte ist daraus nie geworden, bis heute findet sich nicht der geringste Hinweis auf das historische Ereignis. Die Glastüre zur Terrasse bleibt geschlossen, als ließe sich der „Anschluss“ mitsamt dem Holocaust einfach wegsperren. Bis in die 1990er Jahre versuchte Österreich, die Mitverantwortung an Verbrechen des Nationalsozialismus mit der bequemen Ausrede zu verschleiern, Österreich sei ja selbst das erste Opfer von Hitlers Machtwahn gewesen. Auch wollte man die Hofburg, nunmehr quasi vom Nazi-Odium „gereinigt“, der Geschichte der Habsburger zurückgeben. Doch die vermeintlich gute Absicht scheiterte zugunsten der Aufklärung: Der Hitler-Balkon mutierte unbeabsichtigt zum stärksten Symbol der kollektiven Geschichtsverdrängung.
Mittlerweile ist eine öffentliche Debatte über die Gestaltung einer Gedenkstätte im Gange; die derzeitige Regierung sagte zu, Ideen zu prüfen. Überzeugend klingt der Vorschlag von Historikern, Betrieb und Verantwortung dem „Haus der Geschichte Österreich“ (hdgö) zu übertragen, das sich ohnehin in der Hofburg befindet. Doch müsste dazu erst der Plan aufgegeben werden, das hdgö in das Museumsquartier umzusiedeln. Jedenfalls wäre es mehr als 80 Jahre nach Kriegsende hoch an der Zeit, den Hitler-Balkon der Vergessenheit zu entreißen.
Info
Genehmigungen für das Betreten des Hitler-Balkons gibt es nach wie vor nur in Ausnahmefällen. So hielt die einzige Rede seit Hitler an dieser historischen Stätte der Holocaust-Überlebende, Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel. Der Holocaust-Überlebenden und Psychoanalytikerin Erika Freeman, die hochbetagt nach Wien zurückkehrte, genügten ein paar erlaubte Schritte auf die Terrasse – als „persönliche Rache an Hitler“.


