Hilde Meisel beim Wandern im Outfit ihrer Jugendgruppe, des „Schwarzen Haufens“ (um 1928). · Foto: Jüdisches Museum Hohenems / Sammlung Birute Stern
Hilda Monte kämpfte seit ihrer Jugend gegen den Nationalsozialismus. Im Exil setzte sie ihren Widerstand fort und entwickelte zugleich die Vision eines geeinten Europas. 1944 ließ sie sich auf eine Mission ein, von der sie nicht mehr zurückkehren sollte.
Professioneller konnten Planung und Vorbereitung kaum sein. Was die Reservatenkammer des amerikanischen Geheimdiensts „Office of Strategic Services“ (OSS) in London nicht auf Lager hatte, musste eben neu besorgt oder gesondert angefertigt werden. Dazu gehörten nicht nur falsche deutsche Ausweise, Verpflegungskarten und Reisemarken – das war Routine. Mit Phantasie wurde zudem eine Cover-Story erfunden: Die gezinkten Papiere lauteten auf Ellengart Hoffmann, wohnhaft in Hannover-Ost, von Beruf Krankenschwester. Schwieriger war es schon, ein passendes Brillenmodell einer deutschen Marke zu besorgen oder deutsche Damenschuhe in der richtigen Größe.
Entscheidend war: Rein gar nichts durfte darauf hinweisen, dass Hilda Monte aus einem amerikanischen Flugzeug über Berlin oder dem Umland abgesprungen war und die letzten acht Jahre in Wirklichkeit im Exil in London gelebt hatte. So jedenfalls sah es der Plan mit dem Code-Namen „Marguerita“ vor, den das OSS zusammen mit der britischen „Special Operations Executive“ (SOE) im Sommer 1944 ausarbeitete und von höchster Stelle genehmigen ließ.
Für die beiden alliierten Geheimdienste ging es in dieser Endphase des Krieges um zusätzliche Informationsbeschaffung vor Ort aus dem Deutschen Reich. Hilda Monte verfolgte dabei vor allem das Ziel, ein Kontaktnetz in ihrer Heimatstadt aufzubauen und ein Zeichen für den deutschen Widerstand zu setzen. Bald erschien der Fallschirmabsprung als zu gefährlich, noch Ende des Monats August wurde neu disponiert.
Nichts in ihrem Leben hatte Hilde Meisel – so Hilda Montes Geburtsname – auf eine derart halsbrecherische Mission vorbereitet. Das Projekt war der Endpunkt eines jahrelangen Einsatzes im Widerstand gegen das NS-Regime, der sie am Ende das Leben kosten sollte. Außerordentlicher Mut zur Aktion und der Glaube an ein „besseres Deutschland“ in einem freien Europa waren in ihrer Person hervorragend vereint.
SA-Verbände marschieren durch das Brandenburger Tor – eine für einen Propagandafilm nachgestellte Szene des Fackelzugs vom 30. Januar 1933. Während die Nationalsozialisten ihre „Machtübernahme“ inszenierten, erlebte Hilde Meisel in Berlin den Beginn der Diktatur. · Foto: akg-images / Hans Schaller
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Vom bürgerlichen Berlin-Wilmersdorf zum Internationalen Sozialistischen Kampfbund
Geboren wurde Hilde am 31. Juli 1914 in Wien, genau in dem Moment, in dem der Erste Weltkrieg seinen verhängnisvollen Lauf nahm. Der Krieg hatte umso größere Bedeutung, als die Familie auch direkt betroffen war: Vater Ernst Meisel, ein Kaufmann, stammte aus dem ungarischen Teil der zusammenbrechenden Habsburgermonarchie, Mutter Rosa aus dem Teil Westpreußens (Bromberg), der nach dem Krieg zum neuen polnischen Staat gehören sollte. Später sah es so aus, als sei Hilde Meisel der Kampf gegen die europäische Selbstzerstörung, gegen blinden Nationalismus, Chauvinismus und Kriegstreiberei bereits in die Wiege gelegt worden.
Schon 1915 zog die Familie (wieder) nach Berlin, wo Hilde mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Margot im bürgerlichen Wilmersdorf aufwuchs. Auf dem täglichen Schulweg erfuhren die beiden Mädchen, dass sie als Ungarinnen und Jüdinnen galten und aus diesem Grund nicht so richtig dazugehörten. Zudem war die – heute noch bestehende – „Cecilienschule“ am Nikolsburger Platz von Lehrern geprägt, die dem Kaiserreich nachhingen und mit der Weimarer Republik nichts anzufangen wussten.
Hilde Meisels Bruch mit der „alten Welt“ war damit vorgezeichnet, zumal die aufkommende Jugendbewegung frischen Wind versprach. Nach ihrer Schwester Margot fand auch Hilde Anschluss an eine ebenso aufmüpfige wie sozial engagierte jüdische Jugendgruppe, den „Schwarzen Haufen“ von Max Fürst und Hans Litten. Eines der wenigen erhaltenen Bilder dieser Zeit zeigt Hilde Meisel mitten im Wald im typischen Outfit der Gruppe mit flachen Schuhen und schlichtem, locker herabfallendem Kleid. „Fast jedes Kleidungsstück, das nicht zum Wandern taugte, war spießig“, so resümierte sie einige Jahre später.
Die Eltern sahen diese Entwicklung gar nicht gern und schickten die begabte Hilde zum Kunststudium nach London. Aber es war schon zu spät: Hilde hatte nichts Eiligeres zu tun, als auf Kurse an der damals schon renommierten London School of Economics umzusatteln und sich in der Londoner Ortsgruppe des „Internationalen Sozialistischen Kampfbunds“ (ISK) zu engagieren, den sie in Berlin flüchtig kennengelernt hatte. Fragen der Wirtschaft galt von nun an ihr hauptsächliches Interesse.
Einheitsfront gegen Hitler: Der ISK rief 1932 mit diesem Klebezettel zum gemeinsamen Widerstand gegen die Nationalsozialisten auf. · Foto: Stadtarchiv Göttingen
Mit seiner internationalistischen Philosophie wie mit seinen moralischen Ansprüchen sollte der ISK für Hilde Meisel große Bedeutung erhalten. In ihr blieb wohl immer etwas vom Wissensdrang, von der Arbeitsdisziplin, auch von der Askese dieser elitären, idealistischen, linken Kleingruppe, die zahlenmäßig nie über 300 Mitglieder hinauswuchs. Allerdings eckte sie auch sehr früh an. Jahre später kam es zum Bruch mit der autokratischen ISK-Führung.
Frühe Revolte gegen Hitlers Aufstieg: schreiben, organisieren, Widerstand leisten
Hilde Meisel entwickelte ein waches Selbstbewusstsein und zeigte schon bald ein ausgeprägtes Schreibtalent. Auf Anhieb wurde sie in die Redaktion der Tageszeitung „Der Funke“ aufgenommen, die der ISK zum Kampf gegen den Aufstieg Hitlers in Stellung brachte. Zwischen der ersten Ausgabe vom 1. Januar 1932 und der letzten Nummer vom 17. Februar 1933 schrieb Hilde Meisel nicht weniger als 74 eigene Namensartikel, meist zu sozialen und wirtschaftlichen Fragen in Westeuropa. Zwischendurch war sie als Korrespondentin in Paris und Brüssel, dann aber wieder in Berlin zur Stelle, als sich die Lage dramatisch zuspitzte. Am 24. Januar, eine Woche vor der „Machtübernahme“, berichtete sie vom Zusammenspiel von Polizei und SA bei einer Demonstration am Berliner Alexanderplatz.
Nach einem Moment der Schockstarre organisierte sich der ISK für den Widerstand, verlegte seine Leitung nach Paris, wollte aber im Inland möglichst aktiv bleiben. Hilde Meisel war von Anfang an dabei und stellte sich nicht einen Moment die Frage, ob der Kampf gegen die „grässliche Bande“ fortgesetzt werden sollte. Es fing an mit dem verdeckten Verteilen von Flugblättern und Propagandamaterial in Berlin, dann in Westdeutschland: „Ich zog nach Köln um und kümmerte mich um den Grenzdienst – in der Hauptsache nach Holland, gelegentlich aber auch nach Belgien und in die Schweiz, wobei ich Personen, Dokumente und Geld aus Deutschland herausschleuste und illegale Schriften in das Land hinein.“ Diese Passage aus dem von ihr selbst aufgesetzten Lebenslauf vom 10. März 1941 ist glaubwürdig, selbst wenn es kaum möglich ist, einzelne Aktionen zu belegen. Hilde Meisel war nicht einmal 20 Jahre alt, als sie erste Erfahrungen mit gefährlichen Missionen sammelte.
Auf den aktiven Widerstand von Frauen waren die Nazis nicht vorbereitet, passte er doch nicht zu ihrem Rollenbild der Frau im Heim und am Herd. Von Hanna Bertholet, einer der führenden Frauen des ISK, stammt die Erzählung von einer Hausdurchsuchung durch Beamte der Gestapo Ende 1933. Finden konnten sie nichts, gefährliche Bücher und Unterlagen waren längst aussortiert.
Dieses seltene private Foto zeigt Hilda Monte bei ihrem Rückzug in die nordenglische Ortschaft Sleights (North Yorkshire) im Frühjahr 1940 zusammen mit ihren Freunden Tess und Hannes Hammerschmidt. · Foto: Privat: Andrew Rosthorn und Elizabeth Gregson
Zudem war Hanna Bertholet gerade mit Hausputz beschäftigt und trug dazu eine Schürze, für die sie sich förmlich entschuldigte. Ganz im Gegenteil, entgegnete der Beamte, das sei das „Ehrenkleid der deutschen Hausfrau“, und beschied, bei der ganzen Angelegenheit müsse es sich „wohl um einen Irrtum“ handeln. Sicher ist auch, dass Hilde Meisel nicht an der Seite eines Ehemanns, Partners oder Bruders in den Widerstand kam, sondern allein aufgrund der eigenen freien Entscheidung.
Im Exil in Paris und London bleibt ihr Blick auf Deutschland gerichtet
Im Herbst 1934 ging Hilde Meisel nach Paris, wo sie vom ISK für Redaktions-, Schreib- und allerlei Verbindungsarbeit gebraucht wurde. Mit denselben Aufgaben wechselte sie im Sommer 1936 weiter zur ISK-Gruppe nach London. In Paris hatte sie – vor allem für ihre Publikationen – das Pseudonym Hilda Monte gewählt, unter dem sie bekannt werden sollte. Den Nachstellungen der Gestapo sollte es nicht zu leicht gemacht werden, zumal ihre Eltern lange Zeit in Berlin wohnen blieben. Erst Anfang 1939 entschlossen sie sich zur rettenden Emigration nach Kairo.
Mit dem Wechsel nach London kam Hilda Monte in das Exilland, in dem sie sehr gut ihr weiteres Leben hätte verbringen können. Selbst wenn sie durch eine Scheinehe 1938 die britische Staatsangehörigkeit erhielt (und den Heiratsnamen Olday), war ihre Wahl dezidiert eine andere. An ihrer Rückkehr in ein sozial und politisch neu aufzubauendes Deutschland hatte sie nie einen Zweifel.
Zu den nachgerade todesmutigen Seiten Hilda Montes gehören ihre wiederholten verdeckten Reisen in das Deutsche Reich in den Jahren 1934 bis 1939. Man kann die Zahl dieser Reisen aufgrund der vorhandenen Angaben auf mindestens ein Dutzend schätzen. Man stelle sich vor: Im sicheren Paris oder im entfernten London den Zug besteigen (und im letzteren Fall über den Kanal setzen), um dann in tage- oder nächtelanger Bahnfahrt über mehrere Grenzen hinweg mit falschen Papieren bis nach Berlin oder in eine andere deutsche Stadt zu gelangen. Sinn und Zweck war es, Verbindung zu Freunden zu halten und Informationen zu überbringen, wahrscheinlich auch Papiere und Geld.
Die Zerstörungen in London nach den deutschen Bombenangriffen 1940/41 trafen auch Hilda Monte im Exil. · Foto: akg-images / National Archives and Records Administration / SCIENCE PHOTO LIBRARY
Die letzte Reise erfolgte Ende August bis Anfang September 1939. Später beschrieb Hilda Monte in einem Text die Szene, wie sie auf deutschem Boden die Rede Hitlers zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 im Rundfunk verfolgte: „Ich selber saß in einem Café. Es war gefüllt bis auf den letzten Platz. Alle haben wir schweigend dagesessen, bedrückt – erdrückt von der Vorstellung der Schrecken, die dieser von Hitler entfesselte Krieg für uns alle heraufbeschwören wird. Ein einziger hat am Ende von Hitlers Rede zaghaft zu klatschen versucht.“
Der vermittelte Eindruck ist bezeichnend für Hilda Montes Suche nach Ansätzen von Unzufriedenheit, die gegebenenfalls in Auflehnung umschlagen konnte. Jede Möglichkeit musste genutzt werden, einen Keil zu treiben zwischen Hitler und zumindest Teile der deutschen Bevölkerung. Unbedingt wollte sie ihr „Ohr am Boden“ halten, wie sie schrieb.
Am 3. September, dem Tag des offiziellen Kriegsbeginns im Westen, gelang Hilda Monte mit dem letzten Zug die Ausreise in Richtung Brüssel. Berichte vom Verlauf ihrer Reisen sind heute nicht zu finden. Allerdings verarbeitete Hilda Monte in ihrem Roman „Where Freedom Perished“ (veröffentlicht 1947) die Erfahrungen und Beobachtungen, die sie im Alltag der NS-Diktatur machen konnte.
„... bis zum Tage der endgültigen Niederlage Hitlers“
Ohne Zweifel markiert das Jahr 1939 eine deutliche Zäsur; der Kriegsbeginn bedeutete eine völlig neue politische und persönliche Lage. Allem Anschein nach wurde Hilda Montes eigene Wohnung am zentralen Woburn Square 7 1940 bei einem Luftangriff von „Nazi-Fliegern“ getroffen, wie sie selbst formulierte. Die wenigen Dinge, die sie aus Deutschland habe retten können, seien dabei „futsch“ gegangen. Im Januar 1941 wurde sie durch einen Bombensplitter verletzt.
Montes 1947 postum erschienener Roman setzt einzelne Schicksale von Menschen in der NS-Diktatur in Szene. · Foto: Privat
Zu Anfang des Krieges griff die britische Regierung nicht ungern auf Expertise und Mitarbeit seitens exilierter deutscher NS-Gegner zurück. So fertigte Hilda Monte verschiedene Studien zum deutschen Wirtschafts- und Sozialsystem an. Zu ihrer Haupttätigkeit wurde allerdings die Mitarbeit bei den deutschsprachigen Sendungen der BBC. Als Mitglied einer „Listening Group“ machte sie unzählige Vorschläge, wie die einzelnen Sendungen am besten den Bedürfnissen der (heimlichen) deutschen Hörer angepasst werden könnten.
Auch eine Reihe eigener Sendebeiträge steuerte sie bei. Unter ihnen sticht ein Text vom 15. Dezember 1942 unter dem Titel „Judenverfolgung“ heraus. Hilda Monte kannte und benannte die „grauenvolle Wahrheit“ des vielfachen Völkermords im Osten. Illusionen, dass dieser durch Widerstand beendet werden könnte, hatte sie nicht. Ihre Forderung allerdings war, im täglichen Leben, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft die Solidarität zu zeigen, die allein menschenwürdig sei: „Angesichts der vertierten Rohheit haben solche Beweise von Menschlichkeit eine ungeheure Wirkung: sie überzeugen manche der Misshandelten davon, dass nicht alle Deutschen Barbaren sind, wie die Nazis.“ Schärfer konnte die Verurteilung nicht ausfallen, verzweifelter nicht der Appell an die moralische Verantwortung jedes Einzelnen – „bis zum Tage der endgültigen Niederlage Hitlers“.
Gleichzeitig wollte Hilda Monte die Hoffnung nicht aufgeben, es könne sich doch noch nennenswerter Widerstand regen. Die Kriegsalliierten sollten dadurch helfen, dass sie „positive Ziele“ für die Nachkriegszeit setzten und nicht etwa einen noch verschärften Vertrag von Versailles planten. „Help Germany to Revolt!“, forderte sie in einem Aufruf zusammen mit Hellmut von Rauschenplat Anfang des Jahres 1942 und hoffte – vergeblich – auf eine gemeinsame Front von Alliierten und deutschem Widerstand.
Mit Unterricht und Vorträgen kreuz und quer durch den Großraum London verdiente Hilda Monte ihren Lebensunterhalt: vor der britischen Armee, vor Colleges, bei der Arbeiterbildung, auch vor der „German Educational Reconstruction“, einer Vereinigung, die an einem neuen Bildungssystem für Deutschland arbeitete. Das allgegenwärtige Thema: die Zukunft Deutschlands in einem demokratischen Europa.
Victor Gollancz (Mitte) 1950 im Bonner Bundeshaus. Der Verleger verhalf Hilda Montes Plädoyer für ein geeintes Europa 1943 zu einer Auflage von mehr als 18 000 Exemplaren. · Foto: picture-alliance / dpa
Vordenkerin eines geeinten Europas
Ein Freund beschrieb, wie Hilda Monte jede freie Minute in der National Library oder der Bibliothek von Chatham House verbrachte und gleichermaßen deutsche und internationale Zeitungen wie wirtschaftliche Fachliteratur durcharbeitete. Schon vor Beginn des Krieges hatte sie in verschiedenen Artikeln immer wieder „europäische“ Regelungen für die existierenden Konflikte gefordert, ganz wie sie im November 1940 in einem Text zu den „Arbeiter-Sendungen“ der BBC die Maxime aufstellte: „Europäische Gemeinschaft statt nationaler Souveränität.“ Da stand Hitler noch auf dem Höhepunkt seiner Macht, und es gehörte viel Phantasie dazu, sich ein gemeinsames Europa im Frieden vorzustellen. Dann endlich erschien im September 1943 ihr Hauptwerk „The Unity of Europe“, das in den Reihen des deutschen Widerstands und Exils seinesgleichen sucht. Der bekannte Verleger Victor Gollancz sorgte dafür, dass es mit einer Gesamtauflage von mehr als 18 000 Exemplaren gedruckt wurde.
Grundlage der Überlegungen ist Hilda Montes Überzeugung vom Ende unbeschränkter nationaler Souveränität. Die schlichte Rückkehr zum „alten Spiel der Souveränität“ sei nicht vorstellbar für die kommende Nachkriegszeit, die nationalen Rivalitäten müssten endlich überwunden werden. In der Realität bestehe bereits eine „europäische Schicksalsgemeinschaft“, nun müsse Europa zu einem „Instrument des Friedens“ werden.
Konkret schlägt sie die Bildung einer „Europäischen Zentralbehörde“ (Central European Authority) mit übergreifenden Kompetenzen vor, dazu unter anderem eine europäische Zentralbank, eine gemeinsame europäische Sicherheitspolitik, europäische Universitäten und mittelfristig eine europäische Staatsbürgerschaft. Sehr viel eindringlicher als andere plädiert sie für einen föderal organisierten Kontinent, der die einstweilen fortbestehenden Nationen integriert. Deutschland – so war sie überzeugt – gehöre zu Europa „wie die Nase zum Gesicht“!
Ihre letzte Mission wird Hilda Monte zum Verhängnis
Als Hilda Monte im Frühjahr 1944 entschied, sich für das Projekt „Marguerita“ zur Verfügung zu stellen, war sie eine Autorin, die weit über die Kreise des deutschen Exils hinaus bekannt war. Nach Änderung des ursprünglichen Plans gelangte sie im Oktober 1944 über Frankreich in die Schweiz, von wo aus sie auf dem Landweg nach Berlin durchkommen sollte. Mehrfache Versuche scheiterten, bevor das riskante Unternehmen abgebrochen wurde. Gewissermaßen als „Ersatz“ übernahm sie eine verdeckte Verbindungsmission für den österreichischen Widerstand in das benachbarte Vorarlberg.
In der Schweiz verfügte Hilda Monte über diese gefälschte Identitätskarte auf den Namen Selma Bachmann. · Foto: Archiv der sozialen Demokratie, Bonn (Sign. 4/IJB_ISK 0102 (Box 107))
Die Rückkehr wurde zum tragischen Verhängnis. Beim nächtlichen Grenzübertritt von Österreich nach Liechtenstein wurde sie nachts um 3.45 Uhr im „Rappenwald“ entdeckt, festgehalten und zum nahe gelegenen Grenzzollamt Tisis gebracht. Nach allem, was wir wissen können, wurde sie bei einem Fluchtversuch erschossen. Es war der 17. April 1945.
Eine ganze Reihe von Gründen kommt zusammen, um das offensichtliche Versagen der öffentlichen Erinnerung an Hilda Monte in der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu erklären. Vieles deutet darauf hin, dass einer unabhängigen jungen Frau weder ein ausgearbeitetes politisches Projekt für Europa noch ein bewusster lebensgefährlicher Einsatz zugetraut oder abgenommen wurde. So als habe das alte Syndrom von der Schürze als „Ehrenkleid der deutschen Hausfrau“ auch in der Nachkriegszeit noch erhebliche Wirkung gehabt.
Über Gedanken und persönliche Pläne Hilda Montes in den letzten Monaten in der Schweiz wissen wir besonders wenig. Umso wichtiger ist ein Dokument, in dem ihre Freundin Nora Platiel von ihren letzten Gesprächen berichtet. Nach China wäre Hilda Monte nach Ende des Krieges gerne gegangen, um „Wirtschaftsfragen“ zu studieren. Das würde allerdings schon wegen der Sprache zu viel Zeit kosten, und so zielte sie auf eine Arbeit bei der drängenden „Organisierung“ der deutschen Wirtschaft. Zuerst allerdings müsse die Arbeit zu Ende gebracht werden. Sie sei bereit – meinte Monte –, „so wie Tausende andere, die den Kampf gegen Faschismus und Naziterror mit dem Leben bezahlt hatten, den Einsatz ihres Lebens zu wagen.“ Um noch fragend hinzuzusetzen: „Warum sollte ich mich gerade schonen?“
Das Echo findet sich in einer Szene zu Ende ihres Romans „Where Freedom Perished“. Die erzählende Person, unverkennbar mit den Zügen Hilda Montes, erklärt mit einigem Fatalismus und ebenso großer Entschlossenheit: „Wenn wir fallen, sterben wir so, wie wir gelebt haben.“ Nicht eine Sekunde an ihrem Leben hätte Hilda Monte geändert.
Späte Erinnerung an Hilda Monte: Der Stolperstein vor ihrem früheren Wohnhaus in der Landhausstraße 3 in Berlin-Wilmersdorf wurde am 11. Dezember 2006 verlegt. · Foto: OTFW
Prof. Dr. Andreas Wilkens
ist Historiker und lebt in Paris. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für Zeitgeschichte an der Université de Lorraine/Metz.
Literatur
Andreas Wilkens, Mit dem Leben bezahlt. Hilda Monte, eine Europäerin im Widerstand. Berlin 2025. Hilda Monte, „Die Einheit Europas“ und andere Schriften. Hrsg. von Andreas Wilkens. Berlin 2025.
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