Dr. Andreas Eckl
Als der preußische Offizier Walther Scherbening (1861–1914) am 1. April 1907 seinen Posten als Chef des Generalstabs beim Kommando der Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika niederlegte, hinterließ er Aufzeichnungen von seltener historischer Aussagekraft. Vom 20. Januar 1906 bis zum 20. April 1907 führte er beinahe täglich ein akribisches Brief-Tagebuch.
Diese 339 Buchseiten umfassende Quelle schließt eine empfindliche Lücke in der Erforschung des deutsch-südwestafrikanischen Kolonialkriegs. Und das umso mehr, als die Aufzeichnungen in eine Phase von Genozid und Krieg fallen, die in der Forschung deutlich hinter den Ereignissen des Jahres 1904 und dem Wirken Lothar von Trothas zurücktritt. Dreierlei macht dieses Werk so besonders: die strategische Schlüsselposition des Schreibers, der ungewöhnliche Stil seiner Erzählung und das breite Spektrum seiner Beobachtungen und Reflexionen.
Ein Akteur an der Schnittstelle der kolonialen Machtstruktur
Scherbening, vor seiner Ausreise noch von Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich empfangen, war kein gewöhnlicher Offizier. Er agierte als zentraler Akteur an einer entscheidenden Schnittstelle der kolonialen Machtstruktur. Zunächst unter Oberstleutnant Kai Dame, dem Nachfolger Lothar von Trothas, diente er ab Juli 1906 als engster Berater und rechte Hand von General Berthold von Deimling, nachdem dieser das Oberkommando übernommen hatte. Deimlings expliziter Auftrag aus Berlin war klar: Die enormen Kosten des seit Jahren andauernden Krieges mussten drastisch reduziert werden.
Dies sollte vor allem durch eine massive Verringerung der Truppenstärke bei gleichzeitiger, zügiger Beendigung der Kampfhandlungen und einer endgültigen Befriedung des Schutzgebietes geschehen, „ein Programm, das zum Teil auf eigenen Ideen, zum Teil auf Weisungen des Kolonialamtes, zum Teil auf Ansichten von S[einer] M[ajestät] beruht. Erstere basieren auf der Lage und den Verhältnissen vor einem Jahr, letztere gipfeln in Sparen, um Gottes Willen Sparen, die letzten in dem Wunsch: macht endlich Schluss!“
Weniger diese Zielsetzungen an sich als vielmehr die konkreten militärischen und administrativen Maßnahmen hierzu waren Gegenstand permanenter erbitterter Diskussionen und regelrechter Streitereien innerhalb der Führungsriege. Dabei verstand es der strategisch geschulte Generalstabschef geschickt, seine eigenen Vorstellungen gegenüber dem als extrem cholerisch geltenden Deimling („Der Oberst stürmt wieder“) durchzusetzen.





