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1776: USA im Aufbruch

Autor: Dr. Dr. Ronald D. Gerste

Dem amerikanischen Wachtposten an der Küste von Long Island verschlägt es fast die Sprache: „Ich dachte, da schwimmt ganz London!“ Es ist der Mastenwald von 113 Schiffen mit rund 9000 britischen Soldaten an Bord unter dem Kommando von Gener…

1776: USA im Aufbruch
Dem amerikanischen Wachtposten an der Küste von Long Island verschlägt es fast die Sprache: „Ich dachte, da schwimmt ganz London!“ Es ist der Mastenwald von 113 Schiffen mit rund 9000 britischen Soldaten an Bord unter dem Kommando von General William Howe. Was der erschrockene Continental Soldier nicht ahnen kann: Eine noch viel größere Flotte nähert sich über den Atlantik – 427 Schiffe mit 1200 Kanonen und an Bord fast 32 000 Mann der britischen Armee und von deutschen Fürsten eingekaufter „Söldner“. Das Kommando über die bis dahin größte amphibische Operation der Geschichte führt Lord Richard Howe, Großbritanniens angesehenster Admiral und Bruder von Sir William. Es kann keine Zweifel geben: Das Imperium schlägt zurück.
Autor
Dr. Dr. Ronald D. Gerste
17. Juli 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Rezensionen

Dr. Dr. Ronald D. Gerste

Dem amerikanischen Wachtposten an der Küste von Long Island verschlägt es fast die Sprache: „Ich dachte, da schwimmt ganz London!“ Es ist der Mastenwald von 113 Schiffen mit rund 9000 britischen Soldaten an Bord unter dem Kommando von General William Howe. Was der erschrockene Continental Soldier nicht ahnen kann: Eine noch viel größere Flotte nähert sich über den Atlantik – 427 Schiffe mit 1200 Kanonen und an Bord fast 32 000 Mann der britischen Armee und von deutschen Fürsten eingekaufter „Söldner“. Das Kommando über die bis dahin größte amphibische Operation der Geschichte führt Lord Richard Howe, Großbritanniens angesehenster Admiral und Bruder von Sir William. Es kann keine Zweifel geben: Das Imperium schlägt zurück.

Eine schicksalsträchtigere Koinzidenz von unheilverkündender Militärpräsenz und optimistisch in eine bessere Zukunft weisender politischer Entschlossenheit dürfte es, so schildert es der Historiker Joseph J. Ellis in seinem entzückenden Buch, kaum geben. Die Sichtung des Truppentransports, der aus Boston kommend die Stadt New York ansteuert, geschieht am 28. Juni jenes folgenreichen Jahres. Genau an diesem Tag legt rund 140 Kilometer südlich ein fünfköpfiges Autorenteam unter Führung des 34-jährigen Anwalts Thomas Jefferson dem in Philadelphia tagenden Zweiten Kontinentalkongress seinen Entwurf vor – das berühmte, in der Rotunde des Kapitols in Washington hängende Bild John Trumbulls „Die Unabhängigkeitserklärung“ hält diesen Moment fest. Wenige Tage später wird das Dokument verabschiedet – jener 4. Juli gilt als Gründungstag der Nation, mehr als ein Jahr nach Beginn des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs.

Ellis’ Buch über einen Sommer, der in der Tat die Weltgeschichte änderte, stellt die beiden so gänzlich unterschiedlichen Handlungsebenen heraus: das blutige Geschehen rund um die Stadt New York mit der Serie von Niederlagen der unerfahrenen Amateurarmee der Amerikaner gegen die professionellen Soldaten der mächtigsten Militärmaschinerie der Welt einerseits; andererseits die sich ihrer Verantwortung bewusste Diskussion der Abgeordneten der bisherigen 13 Kolonien in jenem Versammlungsgebäude, das man seither Independence Hall nennt. Die Konsequenzen waren unvermeidbar: Die Reaktion der Regierung Georgs III. würde brutal sein gegen eine derart unerhörte Unbotmäßigkeit, wie sie die Anklagen gegen His Majesty in jenem Dokument bedeuteten und gegen die geradezu himmelschreiend dreiste Kulmination, sich zu „vereinigten Staaten“ zu erklären.

In Ellis’ sachlicher und doch spannender Prosa blicken wir den Delegierten in Philadelphia ebenso über die Schultern, wie er uns die Frustration der Brüder Howe bei ihren Besprechungen spüren lässt: Beide erhoffen, mit einem schnellen Sieg die Amerikaner wieder in die Arme Britanniens aufnehmen zu können; die Rädelsführer freilich würden am Galgen enden. Weder den britischen Befehlshabern noch der Regierung in London ist bewusst, was unter den führenden Kongressabgeordneten vor allem John Adams klar ist: England kann diesen Krieg nicht durch die Eroberung der einen oder aller halbwegs als groß zu bezeichnenden Städte zwischen Boston und Savannah gewinnen. Nur die Zerschlagung der Armee Washingtons kann zu diesem Ergebnis führen. So wird deren Erhalt das wichtigste Kriegsziel der Amerikaner. Es wird ein langer Krieg werden, doch sein Grundcharakter wird, so beschreibt es Ellis, bereits im Sommer 1776 deutlich: Es steht „die Zwangsmacht eines Imperiums gegen die konsensuale Macht einer entstehenden Republik“. Der Ausgang ist wohlbekannt.

Joseph J. Ellis, 1776. Der Sommer der Revolution. Verlag C. H. Beck, München 2026, 249 Seiten, € 28,–.

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