An diesem Tag unserer Reise führt uns ein ganztägiger Ausflug zum Kloster Famen (Famensi), eine buddhistische Pagode aus dem 10. Jahrhundert n. Chr., die Ende der achtziger Jahre durch Erdbeben schwer beschädigt und in den letzten Jahren wieder neu errichtet wurde – krumm und schief wie der Turm zu Pisa. Bei den Sanierungsarbeiten stieß man auf eine unterirdische, bislang völlig unbekannte Krypta. In ihr wurden vier Reliquien – angebliche Fingerknochen des historischen Buddhas -, zusammen mit einem Schatz an Weihe- und Votivgaben aufbewahrt. Die Schatzkammer wurde verschlossen – und vergessen! Heute weiß man deshalb wieder so gut über Sinn, Zeit und Umfang der Spenden Bescheid, weil auf einer der steinernen Türen sinnigerweise eine komplette Inventarliste geritzt war.
Am Nachmittag besuchen wir das Grab des 3. Kaisers der Tang-Dynastie – das nicht geöffnet ist – und die zwei Nebengräber des Erbprinzen Yide und der Prinzessin Yongtai. Insgesamt sind acht Gräber aus der Tang-Epoche erhalten geblieben und jedes davon bildet für sich eine eigene Gräberstadt. Das Mausoleum, in dem Kaiser Gaozong mit seiner Gemahlin bestattet ist, stellt gewissermaßen das Modell der tang-zeitlichen Kaisergräber dar. Der südliche Zugang zu der Anlage ist heute noch sehr gut erhalten: Zwei geflügelte Pferde, zwei straußenartige Vögel, zehn Pferde und zwanzig grimmige Wächter in kriegerischer Ausstattung säumen diese heilige Straße; außerdem eine Gruppe von etwa 60 Abgesandten der verschiedenen Nationalitäten des tang-zeitlichen China und der fremden Völker am Rande des Reiches, die zum Begräbnis des Kaisers gekommen waren. Steinern und stumm stehen sie in der Gruppe beisammen. Prinz Yide und Prinzessin Yongtai wurden beide auf Geheiß ihrer eigenen kaiserlichen Großmutter umgebracht. Als diese gestorben war, ließ der neue Kaiser und Vater der beiden ließ ein Mausoleum für seine Kinder im Areal des Qian Ling errichten. In dem tiefen unterirdisches Grabmal sind heute die schönsten weltlichen Wandmalereien aus dieser Zeit von den Touristen zu betrachten.
Nach soviel Unter- und Nachirdischem stürzen wir uns wildentschlossen in die bazarähnlichen Verkaufsstraßen des muslimischen Viertels der Stadt. Tausende von exotischen, antiken oder einfach albernen Dingen bieten die Händler an. Gefeilscht wird was das Zeug hält und es ist selbstverständliches Recht, von Fremden mehr zu verlangen und sie kräftig übers Ohr zu hauen; eine Halbierung der Preise ist immerhin drin. Ich erstehe eine – “very old, good price” – chinesische Münze, die mir einfach gefällt. Und 20 Yuan (etwa vier Mark) ist sie mir nach Feilschen auch wert – die Chinesen brechen, nachdem Geld und Münze den Besitzer gewechselt haben, in ein komisches Gelächter aus.
Der nächste Reisetag verspricht ein volles Programm. Von sieben Uhr morgens bis 21 Uhr abends erleben wir jene Höhepunkte, die es nur bei den bild der wissenschaft-Reisen gibt: Der Besuch bei der Terrakotta-Armee ist ein berauschendes Erlebnis. Vor allem, wenn man bedenkt, daß die langen Kolonnen von 7000 Kriegern nur ein Bruchteil der noch im Boden versteckten Armee-Einheiten sind. Diese waffenstrotzende Terrakotta-Heer wacht über den Todesschlaf des Ersten Kaisers von China, Qin Shi Huang Di (259-210 v. Chr.). Schon im Alter von 13 Jahren, als er den Thron bestieg, soll er den Auftrag zum Bau seines unterirdischen Mausoleums gegeben haben, das an Größe und Pracht alles bisher Dagewesene übertreffen sollte. 36 Jahre lang waren Heerscharen von Künstlern und 700.000 Mann, größtenteils Zwangsarbeiter, an dem Großprojekt beteiligt – neben der Großen Mauer das zweite übermächtige Denkmal des Ersten Kaisers. Als der Erhabene Kaiser von Qin mit 49 Jahren starb, war das Grab – trotz aller Anstrengungen – noch nicht fertiggestellt.
Im Jahr 1974 wurde die Anlage wiederentdeckt. Rund 1,5 Kilometer östlich des Grabhügels stießen Bauern zufällig beim Bau eines Brunnens auf Scherben von Tonfiguren. Schon bald stand fest, daß man ein Nebengrab gefunden hatte. Der Qin-Kaiser hatte darin eine Terrakotta-Armee von rund 7600 Soldaten aufstellen, dann überdachen und unter Erdreich verbergen lassen. Es liegt nahe, daß es sich um ein Abbild seiner damals als unbezwingbar geltenden Streitmacht handelt, die ihn noch im Tode beschützen sollte. Die Armee wurde bisher nur zum Teil freigelegt. Es gibt drei verschiedene Grabungsfelder: Im ersten Feld ist die Hauptstreitmacht angetreten, bestehend aus etwa 6000 Infanteristen und Offizieren, Streitwagen und Streitrössern in Orginalgröße, die den Zugang zum Grab am Li Schan bewachen. Im zweiten Sektor fanden die Archäologen eine rund 1000 Mann starke Kavallerie und vierspännige Streitwagen. Die Kommandozentrale befindet sich wohl im dritten Feld, wo sich 73 tönerne Militärs anscheinend gerade beraten.
bdw-typisch ist der anschließende Besuch in den Restaurierungswerkstätten des Terrakotta-Museums, wo uns Ingo vom bayrischen Landesamt für Denkmalpflege in einem Ad-hoc-Vortrag erzählt, wie die Farben der Krieger-Stetuen konserviert werden können. Ein chemischer Vortrag, den alle verstehen – und spannend dazu! Das zweite Highlight erwartet uns Stunden später, nach einer Busfahrt durch ländliche Gegenden: Die Grabanlage Qiaoling, 100 Kilometer nördlich von Xi’an. Die Grabanlage des Tang-Kaisers Ruizong schließt gleich mehrere Berge in ihren inneren Bezirk ein und ist damit das größte Mausoleum überhaupt. Das Grab selbst befindet sich in einem der ehemals (um 720 n. Chr.) eingefriedeten Berge und ist noch nicht geöffnet. Wie überhaupt noch keines der Kaisermausoleen geöffnet worden ist; von Grabräubern allerdings sind vermutlich alle heimgesucht. Am Qiaoling und dem umliegenden Dutzend weiterer Kaisergräber arbeitet seit Jahren unser wissenschaftlicher Reiseleiter Dr. Alexander Koch vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Nur die Teilnehmer der bdw-Leserreise haben das Privileg an diesem archäologischen Geheimtrip teilzunehmen. Das heißt, nicht ganz, denn wir wurden in dieser gottverlassenen Gegend hochoffiziell empfangen und unser Begleittrupp (inklusive Kameramann) war fast ebenso groß wie unsere Gruppe; den dörflichen Neugierigen, die jetzt dringend dort zu tun hatten, stand es ins Gesicht geschrieben: So viele Langnasen (Fremde) am Stück hatte es hier bisher noch nicht gegeben! Schließlich konnten wir doch noch die Ruhe und Würde der kultträchtigen Stätte genießen.





