In der Sprache der Sozialforschung würde man bei der Lindenstraße von einem Wohnungs-Panel sprechen, also von der Dauerbeobachtung des Lebens in einer Reihe von Wohnungen. Diese Wohnungen befinden sich allesamt in derselben – fiktiven – Straße in München, in der Lindenstraße, die als Drehkulisse auf dem Kölner Fernsehproduktionsgelände in Köln-Böcklemund aufgebaut ist.
Was sich dort abspielt, beweist, dass die Autorinnen und Autoren der Serie jahrelang ein ausgeprägt sicheres Gespür für gesellschaftliche Trends hatten – und das oft noch lange, bevor diese Trends im gesellschaftlichen Mainstream angekommen waren. Den Autorinnen und Autoren gilt es dafür Respekt zu zollen.
Trendsetter für Gesellschaftsthemen
In der Lindenstraße starb ein liebevoller Familienvater an Aids, hier küssten sich erstmals in einer Familienserie Männer, hier wurde das Trauma einer Kindesentführung vermittelt und auch nicht davor Halt gemacht, sich nach Jahren mit dem geständigen Mörder auseinanderzusetzen. Und es wurde bereits vor Langem das Schicksal von in Deutschland lebenden Flüchtlingen ohne Aufenthaltsgenehmigung beleuchtet. Selbst das Schicksal eines zu Terror bereiten Dschihadisten wurde in die Handlung eingewoben.
Die Zuschauer waren mehrfach Zeugen von Rechtsvergehen, die nicht immer sofort aufgeklärt, sondern häufig vertuscht oder “verdrängt” wurden, um dann Jahre später plötzlich doch wieder Thema zu werden. Die treuen Langzeitbeobachter der Serie verfügen über ein viel detaillierteres Wissen, was die Entwicklungen im Leben der Protagonisten betrifft, als so mancher Zuschauer, der nur ab und zu in die Lindenstraße “hineinzappt”.
Ganz ähnlich ist das in unserer Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel, für die seit mehr als 30 Jahren jedes Jahr dieselben Menschen befragt werden. Erst diese Langzeitbeobachtung macht langfristige gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar.
Was noch fehlt
Einige wichtige gesellschaftliche Entwicklungen vermisse ich aber doch in der Lindenstraße. Zum Beispiel geht es in der Serie beim Thema Arbeit mehr um kleine Selbständige oder Freiberufler, aber wo ist die riesige Gruppe der Arbeitnehmer? Vor fünf Jahren etwa wurde die Familie Stadler in die Serie eingeführt, mit einem Installateur und angestellten Arbeitnehmer und einer Beamtin im Ordnungsamt. Aber die Ehe scheiterte nach einem Rosenkrieg, der das Paar in die körperliche und seelische Erschöpfung trieb. Die Familie wurde innerhalb weniger Monate demontiert.
Einem treuen Fan drängen sich noch weitere Fragen auf: Wie lange müssen wir zum Beispiel noch warten, bis das Thema Flüchtlinge in seiner ganzen Tragweite in die Serie aufgenommen wird. Das erinnert mich daran, dass es auch mehrere Monate gedauert hat, bis die ersten DDR-Bürger in der Lindenstraße integriert wurden.





