Der ehemalige Braunkohletagebau von Schöningen im westlichen Harzvorland ist eine der wichtigsten Fundstätten frühmenschlicher Aktivität in Europa. Archäologen haben dort bis zu 300.000 Jahre alte Lagerstätten, mehr als 1500 Steinabschläge und Werkzeuge sowie die Knochen zahlreicher erlegter Tiere, darunter 50 Wildpferden entdeckt. Alter und einige kürzlich entdeckte Fußspuren legen nahe, dass diese urzeitlichen Jagdlager vom Homo heidelbergensis stammen – dem mutmaßlichen Bindeglied zwischen dem Homo erectus und dem Neandertaler. Am berühmtesten ist Schöningen aber für die Funde hölzerner Jagdwaffen aus dieser Zeit. Das Arsenal umfasst neun Holzspeere, eine Lanze und sechs beiderseits angespitzte Wurfstöcke. Die Waffen zusammen mit den Relikten der erlegten Tiere legen nahe, dass die Frühmenschen damals gezielt Tiere jagten, die sich am Ufer des dort einst existierenden Sees aufhielten. „Nirgendwo sonst sind solche Jagden so gut und in so ungestörtem Kontext erhalten wie in diesen Fundschichten aus dem mittleren Pleistozän“, erklären Jarod Hutson vom MONREPOS – Leibniz Zentrum für Archäologie in Neuwied und seine Kollegen. „Diese Stätte dient seither als Marker-Horizont für die Entwicklung der prämodernen menschlichen Jagdfähigkeiten.“
Neudatierung über fossile Aminosäuren
Doch die Holzspeere selbst und ihre Fundschicht konnten bisher nie direkt datiert werden. „Stattdessen beruhen die Altersabschätzungen für die Speere auf einer allgemeinen Korrelation der stratigraphischen Abfolge mit globalen paläoklimatologischen Daten sowie einer Kreuzdatierung anderer Fossilniveaus innerhalb des Schöninger Tagebaukomplexes“, erklären die Archäologen. Konkret bedeutet dies: Indem Forschende die Schichten über und unter der Speerschicht datierten, grenzten sie das Alter der Holzwaffen ein. Allerdings musste die ursprüngliche Datierung schon einmal von 400.000 auf 300.000 Jahren korrigiert werden. Aber auch mit diesem Alter sei Schöningen ein Ausreißer unter vergleichbaren Funden gewesen. Das Team um Hutson hat nun das Alter des Schöninger Speerhorizonts mit einer neuen Datierungsmethode überprüft.
Für ihre Datierung nutzte das Team fossile Pferdezähne, Muschelkrebsschalen und die Verschlusskapseln von kleinen Süßwasserschnecken aus Sedimentblöcken der Speer-Fundschicht. Sie analysierten dann die in diesen organischen Relikten enthaltenen Aminosäuren auf ihre Händigkeit – die Symmetrie der Moleküle. „In lebenden Organismen bestehen Proteine ausschließlich aus Aminosäuren der linksdrehenden Form“, erklären Hutson und seine Kollegen. „Nach dem Tod erfolgt jedoch eine spontane Razemisierungsreaktion.“ Das bedeutet, dass einige der Aminosäuren im Laufe des Proteinzerfalls ihre Händigkeit verändern, bis schließlich ein Gleichgewicht von rechts- und linkshändigen Molekülen vorliegt. Da das Tempo dieser Razemisierung bekannt ist und sich mit Fossilfunden aus anderen Stätten abgleichen lässt, verrät der Anteil rechtsdrehender Aminosäuren in einer Probe, wie alt sie ist.





