Vor rund 45.000 Jahren bahnte sich ein folgenreicher Wechsel in Europa an: Eine neue Menschenart, der Homo sapiens, wanderte aus Afrika über den Nahen Osten und den Balkan nach Europa ein und löste den zuvor dort ansässigen Neandertaler ab. Doch wann genau die ersten Vertreter unserer Vorfahren nach Europa kamen, ist erst in Teilen geklärt, weil nur eine Handvoll Fossilien des Homo sapiens aus dieser Zeit in Europa gefunden wurden, der größte Teil von ihnen in Südosteuropa. Zu den ältesten bekannten Fundstücken zählen etwa 45.000 Jahre alte menschliche Knochenreste aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien sowie ein knapp 41.000 Jahre alter Kieferknochen aus der Pestera cu Oase, einer Höhle in Rumänien. Unklar blieb aber, ob diese frühen Homo-sapiens-Vertreter damals schon weiter nach Norden vordrangen. Ebenfalls strittig war die Zuordnung einiger klingenförmiger, teilweise beidseitig bearbeiteter Steinwerkzeuge, die in Tschechien, Polen, Deutschland und Großbritannien gefunden wurden. Dieser sogenannte Lincombian-Ranisian-Jerzmanowician-Technokomplex (LRJ) stammt aus der Übergangszeit vom Neandertaler zum Homo sapiens. Doch welcher von beiden diese Werkzeuge schuf, ließ sich bisher nicht eindeutig feststellen.

Spurensuche in der Ilsenhöhle
Jetzt geben neue Funde in einer Höhle in Thüringen Antworten auf einige dieser Fragen. Die Ilsenhöhle nahe des Orts Ranis im Orla-Tal ist schon seit den 1930er Jahren als Fundort von LRJ-Steinwerkzeugen, Tierknochen und auch menschlichen Fossilien bekannt. Schon damals wurden in der Kalksteinhöhle Ausgrabungen durchgeführt. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Tim Schüler vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Weimar hat nun die Bodenschichten der Höhle erneut untersucht. Ziel war es, nach Relikten früherer Bewohner dieser Höhle und damit den potenziellen Erschaffern der LRJ-Werkzeuge zu suchen und die Funde zeitlich genauer einzuordnen. „Die Herausforderung der Grabung bestand darin, eine komplette acht Meter mächtige Sedimentsequenz zu untersuchen und dabei die Schichten des LRJ zu identifizieren. Es war auch gar nicht klar, ob nach den Ausgrabungen in den 1930er Jahren noch ausreichend fundführende Sedimente vorhanden waren”, berichtet Co-Seniorautor Marcel Weiss von der Universität Erlangen-Nürnberg.
Doch die mühevolle Arbeit hatte Erfolg: “Glücklicherweise trafen wir auf einen 1,7 Meter mächtigen Felsblock, unter dem damals nicht gegraben wurde”, berichtet Weiss. “Nachdem wir diesen Versturzblock des ehemaligen Höhlendaches in Handarbeit zerkleinert und abtransportiert hatten, konnten wir die wichtigen Schichten des LRJ erreichen, die auch menschliche Knochenfragmente enthielten. Das war eine große Überraschung.” Die Knochen waren jedoch in so kleine Stücke zerbrochen, dass eine anatomische Zuordnung nicht möglich war. Das Team nutzte daher eine Kombination aus Proteom-Analysen, DNA-Vergleichen und Isotopenanalysen, um die Funde zu charakterisieren. Es zeigte sich, dass die winzigen Knochenstückchen von vier verschiedenen Individuen stammten – allesamt Vertreter des Homo sapiens. In Neuanalysen von alten, bei der früheren Ausgrabung entdeckten Knochenfragmenten identifizierte das Team neun weitere Individuen.





