Schon bevor sich der Neandertaler in Europa ausbreitete, gab es auf unserem Kontinent Frühmenschen. Diese archaischen Menschenformen entwickelten sich vermutlich aus dem Homo erectus, dem ersten Frühmenschen, der Afrika verließ und Eurasien besiedelte. Doch wann diese Nachfolger des Homo erectus Europa erreichten und wie sie sich dort weiter entwickelten, ist bisher unklar. Denn bisher gibt es nur wenige Fossilien und diese bestehen meist nur aus wenigen fragmentierten Knochen. So belegen Fossilfunde aus dem georgischen Dmanissi, dass erste Vertreter der Gattung Homo schon vor 1,8 Millionen Jahren den Kaukasus erreicht hatten. Die nächstältesten eindeutig datierten Relikte stammen aus Frankreich und Spanien und sind rund 1,2 Millionen Jahre alt. Die ältesten sicher datierten europäischen Steinwerkzeuge stammen aus der Zeit vor rund 1,4 Millionen Jahren und wurden in der Ukraine gefunden. Doch welcher Art diese Frühmenschen angehörten und wie sie miteinander verwandt waren, ist bisher unbekannt – auch, weil oft entscheidende anatomische Merkmale nicht erhalten sind.
Knochenstücke eines Frühmenschengesichts
Jetzt gibt es jedoch einen neuen Fossilfund, der mehr Licht auf die frühen Bewohner Europas wirft. Er stammt aus der Höhle Sima del Elefante in der nordspanischen Kommune Atapuerca, in der es mehrere bedeutende Fossilfundstätten gibt. So wurden im Jahr 1990 in der nahegelegenen Höhle Gran Dolina 860.000 Jahre alte fossile Überreste des Homo antecessor entdeckt, der bereits modernere Merkmale als der Homo erectus und Homo heidelbergensis aufwies. Er gilt als möglicher Vorläufer der Neandertaler. 2008 entdeckten Archäologen dann in der Höhe Sima del Elefante einen frühmenschlichen Unterkiefer, der auf ein Alter von 1,1 bis 1,2 Millionen Jahren datiert wurde. Ob dieses ATE9-1 getaufte Fossil auch von einem Homo antecessor stammt, ließ sich jedoch nicht feststellen. Ein Team um Rosa Huguet vom katalanischen Institut für Paläoökologie und menschliche Evolution (IPHES-CERCA) in Tarragona hat deshalb weitere Aufgrabungen in Sima del Elefante durchgeführt. 2022 stießen die Archäologen dabei in einer etwas tiefer liegenden Fundschicht auf einige Steinabschläge, zahlreiche Tierknochen sowie einige fossile Knochenfragmente eines Homininen.
Die ATE7-1 getauften Funde sind ersten Datierungen zufolge 1,1 bis 1,4 Millionen Jahre alt. Sie sind damit wahrscheinlich etwas älter als der 2008 entdeckte Unterkiefer und deutlich älter als die 860.000 Jahre der Überreste des Homo antecessor aus Gran Dolino, wie das Team berichtet. Die Knochen umfassen Bruchstücke des Oberkiefers sowie des linken Jochbeins eines erwachsenen Frühmenschen. “Damit repräsentiert dieses Fossil das älteste menschliche Gesicht, das bisher in Westeuropa gefunden wurde”, schreiben Huguet und ihre Kollegen. Doch von welcher Frühmenschenart stammen diese Gesichtsknochen? Um das herauszufinden, analysierten die Forschenden jedes Knochenfragment, scannten es ein und nutzten 3D-Modelle, um sie virtuell zusammenzusetzen. Jetzt sind diese Analysen abgeschlossen. Sie zeigen, dass die Gesichtsknochen von ATE7-1 nicht vom Homo antecessor stammen, sondern zu einer archaischeren Frühmenschen-Spezies gehören müssen „Homo antecessor teilt mit Homo sapiens ein moderneres Aussehen des Gesichts und eine ausgeprägte Nasenstruktur”, erklärt Co-Autorin María Martinón-Torres vom Nationalen Forschungszentrum CENIEH in Burgos. Dem auch “Pink” getauften Fossil ATE7-1 fehlen die meisten dieser moderneren Merkmale hingegen.





