Hat eine Frau die Hosen an, hat sie das Sagen. Denn – so der Ursprung der Redensart – mit dem Beinkleid schlüpft das weibliche Geschlecht in die traditionelle Rolle des Mannes: der Herr im Haus zu sein und Entscheidungen zu treffen. Doch welcher Mann war der Pionier in Sachen Hose? Der Antwort kamen Archäologen 2005 im Westen Chinas auf die Spur – obwohl ihnen die Tragweite ihrer Entdeckung zu dieser Zeit noch nicht bewusst war.
In der Turfan-Senke stießen die Forscher auf das Grab eines Mannes. Die mumifizierte Leiche des etwa 40-Jährigen im Gräberfeld von Yanghai war beeindruckend: Mit seiner Rechten umklammerte der Bestattete eine Reitgerte, mit der Linken eine Streitaxt. Ein Arm war, wie bei Bogenschützen üblich, zum Schutz in einen Lederärmel gehüllt. An den Beinen trug er eine Wollhose. Neben ihm lag das Zaumzeug seines Pferdes. Offenbar war der Verstorbene zu Lebzeiten Reiter gewesen. Aber davon gab es in vergangenen Epochen unzählige in Zentralasien.
Angefangen bei den antiken Reitervölkern wie den Skythen oder Sarmaten über die Hunnen und Ungarn bis hin zu den Mongolen oder den türkischen Osmanen – all diese Reitervölker, die den Europäern über Jahrhunderte das Fürchten lehrten, kamen aus den Weiten Asiens. Insofern war der Fund nicht ungewöhnlich. Zumal das Gräberfeld von Yanghai rund 3000 Bestattungen zählt, die von der Bronzezeit bis in die Zeit der Tang-Dynastie (618 bis 907 n.Chr.) reichen und von denen bislang nur einige Hundert erforscht sind.
Als sechs Jahre nach der Entdeckung Wissenschaftler des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) gemeinsam mit chinesischen Kollegen die Mumie erstmals unter die Lupe nahmen, dämmerte ihnen schon, dass der Fund aus Yanghai eine kleine Sensation bergen könnte. Inzwischen steht fest: Der Reiter ist vor etwa 3200 Jahren gestorben – und damit ist seine Wollhose eine der ältesten bekannten Hosen weltweit.
Die ersten Reiterkrieger
Zu ihr gesellt sich ein zweites Beinkleid eines Toten aus Yanghai, der wahrscheinlich nur wenig früher bestattet wurde. Mayke Wagner, Leiterin der Außenstelle Peking des DAI, ist überzeugt: „Diese Hosen waren für Männer erdacht, die erstmals in der Geschichte als professionelle Reiter ihrer Gemeinschaft dienten.” Die Hosen wurden am Webstuhl nach Maß gefertigt und so geschnitten, dass die Männer lange auf dem Pferderücken ausharren, weite Strecken in hoher Geschwindigkeit zurücklegen und dabei auch noch kämpfen konnten – die Geburtsstunde der Kavallerie.
„Kleidung gehört zu jenen Objekten, die unmittelbar sowohl den Lebensstil eines Individuums als auch den Charakter einer Gesellschaft erkennen lassen”, sagt Archäologin Wagner. An der Kleidung lässt sich nicht nur Rang und Beruf eines Menschen ablesen, sondern beispielsweise auch, wie eine Gemeinschaft organisiert war – wie weit Wirtschaft und Technologie entwickelt waren, welche natürlichen Ressourcen oder gesellschaftlichen Gruppen es gab oder wie die Geschlechterrollen definiert waren. Zum Leidwesen der meisten Altertumsforscher besteht Kleidung jedoch überwiegend aus organischem Material, das – dem Zahn der Zeit ausgeliefert – verrottet und zerfällt. Im Normalfall finden die Forscher dann nicht viel mehr als eine Fibel oder eine Gürtelschnalle. Es sei denn, es herrschen besondere Umweltbedingungen, die eine natürliche Konservierung begünstigen, wie in den Mooren Nordeuropas oder im extrem trockenen Klima der Autonomen Region der Uyguren Xinjiang.
Uralte Klamottenkiste
In der Turfan-Senke fallen jährlich nur etwa 16 Millimeter Niederschlag – zum Vergleich: In Deutschland sind es 700. Die klimatischen Bedingungen verhindern den Verfall der Toten und ihrer Kleidung und fördern deren natürliche Mumifizierung. Die Region zeichnet sich noch durch eine weitere Besonderheit aus: Zahlreiche Routen der „Seidenstraße” führten durch diese Gegend. Mitten durch die Turfan-Senke und entlang des Tarim-Beckens verlief das Netzwerk aus Handelswegen. Genau dort widmen sich Forscher des DAI zusammen mit deutschen und chinesischen Kooperationspartnern dem Projekt „Silk Road Fashion”. Es geht um die Erforschung alter Textilien, die Archäologen aus Gräbern der Region bargen.
Ihre grundsätzliche Fragestellung ist denkbar einfach: Wann trug man was wo und warum – und wie wurde die Kleidung hergestellt? Doch dahinter versteckt sich ein ganzer Kosmos aus immer neuen Rätseln, je nachdem, welcher Spezialist sich die Stücke vornimmt. Aus rund 800 Gräbern von 5 Fundstellen haben die Wissenschaftler 20 vollständig erhaltene Ausstattungen ausgewählt und nehmen sich nun die Hosen, Röcke, Kaftane, Jacken, Mäntel und das Schuhwerk mit unterschiedlichen Methoden vor. Biologen und Chemiker analysieren die verwendeten Stofffasern und Tierhäute, Ingenieure erforschen die Webtechniken und eine Designforscherin rekonstruiert die Schnitttechniken und Kleidungsstücke. Erstmals will eine Forschergruppe eine vergangene Gesellschaft anhand ihrer Kleidung charakterisieren.
Dabei zählt jedes Indiz, jeder einzelne Begleitfund ist von großer Bedeutung. So weisen etwa Schafsknochen in einigen Gräbern darauf hin, dass nicht alle Männer jenes mysteriösen Volkes, das vor drei Jahrtausenden die Turfan-Senke bewohnte, Reiter waren. Einige unter ihnen scheinen offenbar Viehzüchter und Hirten gewesen zu sein. Andere Grabbeigaben verraten, dass die Menschen Landwirtschaft betrieben und Weizen anbauten – also zumindest zum Teil sesshaft waren. Fein gearbeitetes Werkzeug wie Streitäxte, Zaumzeug und Sattel belegen hoch entwickelte Handwerkstechniken, genau wie die Kleidungsstücke selbst.
Das erste Fazit: Diese Gesellschaft war ganz anders strukturiert, als es der landläufigen Vorstellung von Reiternomaden entspricht. Man müsse sich sowieso von den weit verbreiteten Klischees über nomadische Gesellschaften lösen, meint Wagner: „Die ständig herumreitenden und raubenden Nomadenhorden hat es wohl nie gegeben.” Dafür spricht auch die Tatsache, dass die Bewohner der Turfan-Senke offenbar Fernhandel betrieben.
Die Chemikerin Annemarie Kramell von der Universität Halle-Wittenberg hat die Fasern und Farbstoffe der Kleidungsstücke im Gräberfeld von Yanghai untersucht. Sie vermutet, dass lokale Krapppflanzen zum Rotfärben von Fäden und Stoffen verwendet wurden. Für Blautöne benötigte man hingegen Indigo. Doch die Pflanze wächst in Indien und musste offenbar über Tausende Meter hohe Bergpässe importiert werden.
Krieger, Nomaden und Landwirte
Für Mayke Wagner steht fest: „Die Gräber von Yanghai lassen auf eine große sowohl Landwirtschaft betreibende als auch Vieh züchtende Gesellschaft schließen, von der wir kaum etwas wissen, außer dass die Menschen viel sesshafter waren als bisher gedacht.” Wenn die Archäologen auch die Wohnorte der Bestatteten bis heute nicht kennen, ist Wagner überzeugt, dass diese „hoch entwickelte Staatsgesellschaft” schon rund ein Jahrtausend lang bestand, als Alexander der Große an der Spitze seines Heeres um 329 v.Chr. Zentralasien erreichte.
Verglichen mit den prunkvoll ausgestatten Fürstengräbern der Skythen, die einige Jahrhunderte später und viele Kilometer weiter westlich am Schwarzen Meer herrschten, war die Ausstattung der rätselhaften Steppenreiter im Tarim-Becken recht ärmlich. „ Die Krieger von Yanghai waren zwar die berittene Kriegerelite ihrer Gemeinschaft, zugleich aber auch einfache Leute”, sagt die Archäologin. „Sie waren das bewegliche Element ihrer Gruppen.” Nur wenn es die äußeren Umstände erforderten, schlossen sie sich zur Verteidigung oder zur Offensive zusammen.
Noch steht das 2013 gestartete „Silk Road Fashion”-Projekt am Anfang. Viele Fragen sind daher naturgemäß offen. Doch einer schenkten die Wissenschaftler ihre besondere Aufmerksamkeit. „Die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute Kleidung tragen, lässt vergessen, welch geniale und innovative Leistung die Herstellung textiler Kleidung war”, sagt Wagner. „Vom Wollschaf zum Kaftan oder zur Hose zu kommen, verlangt Denkleistung und Planung.” Es war technisches Know-how nötig, um aus Wolle Fäden zu spinnen, daraus wiederum Tücher zu weben und diese schließlich einem menschlichen Körper anzupassen.
Dabei ähnelt diese Entwicklung aus Sicht der Archäologin der Architekturgeschichte: Höhlen muss man finden, Häuser muss man errichten. Überhaupt muss zunächst die Idee geboren sein, Häuser zu bauen. Um sich in Felle zu hüllen, genügt es, erlegte Tiere zu häuten. Um Kleidung zu schneidern, bedarf es jedoch weit komplexerer Überlegungen und Fertigkeiten. „Den Prozess, diese mathematisch-technische Leistung nachzuvollziehen, steht im Zentrum unseres Projekts”, sagt Mayke Wagner.
Die hohe Kunst des Schneiderns
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, wie Leder verwendet wurde. Es war und ist nicht nur in Zentralasien ein universell einsetzbares Material. Die Archäologen untersuchen dazu Stiefel, Schuhe, Beinlinge, Mäntel, Kappen oder die für Bogenschützen typischen Armschützer. Bisheriges Ergebnis: Auch bei der Bearbeitung von Tierhäuten ist ein technischer Fortschritt zu erkennen. Die frühesten Stiefelschäfte etwa wurden nicht geschneidert, sondern die „Schuster” bedienten sich einer natürlichen Form. Sie zogen den erlegten Tieren die Haut von den Schenkeln, gerbten diese und nutzten sie im Ganzen als Stiefelschaft. Erst nach und nach entwickelten die Handwerker die notwendigen Fertigkeiten, um Lederstücke zusammennähen und flicken zu können.
Was lapidar klingt, stellt einen entscheidenden Schritt in der kulturellen Evolution dar. Mayke Wagner vermutet, dass die Menschen nun „mehr Zeit mit der Erzeugung und Reparatur ihrer Kleidung verbrachten als mit der Suche nach Nahrung”. Kleidung diente nicht mehr nur zum Schutz oder war funktional, sie machte nun auch Leute. •
von Hakan Baykal
Stoffe von der Seidenstraße
An verschiedenen Orten im Tarim-Becken, durch das auch die alten Handelsrouten der „Seidenstraße” führten, entdeckten Archäologen Gräberfelder (markiert durch rote Punkte). Die Kleidung der dort bestatteten Toten war meist vorzüglich erhalten.
Kompakt:
· Archäologen wissen: Kleidung verrät viel über die Kultur einer Gesellschaft.
· Das Problem: Textilien, die aus organischem Material bestehen, verrotten rasch.
· In Westchina blieb jedoch dank des Klimas über 3000 Jahre alte Kleidung erhalten – ein Glücksfall für die Forscher.
LESEN
Entdeckung und Erforschung der ältesten Hosen: Ulrike Beck, Mayke Wagner, Xiao Li et al. The Invention of Trousers and Its likely Affiliation with Horseback Riding and Mobility Quaternary International 348, 2014, S. 224–235
Über die verwendeten Fasern und Farbstoffe: Annemarie Kramell, Xiao Li, René Csuk et al. Dyes of Late Bronze Age Textile Clothes and Accessories from the Yanghai Archaeological Site Quaternary International 348, 2014, S. 214–223
Zur Flickenhose von Sampula: Mayke Wagner, Bo Wang, Pavel Tarasov et al. The Ornamental Trousers from Sampula Antiquity 83, 2009, S. 1065–1075
INTERNET
Website des Silk Road Fashion-Projekts: bridging-eurasia.org/de/node/295
Der Siegeszug der Hosen
„So gut wie jeder kennt und trägt heute Hosen”, sagt die Modeschöpferin und Designforscherin Ulrike Beck, die für das Projekt „Silk Road Fashion” unter anderem die Hosen des Manns aus Yanghai rekonstruiert hat (Bild rechts). Männer und Frauen tragen sie, alte und junge Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und sozialen Schichten – Hosen sind heute weltweit selbstverständlich. Ihren Anfang nahm diese Erfolgsgeschichte vor rund 3200 Jahren in der Turfan-Senke in Westchina mit professionellen Reitern. Benachbarte und nachfolgende Steppenvölker übernahmen das praktische Kleidungsstück, mit dem es leichter und bequemer war zu reiten. Bei den Griechen und Römern galten die Beinkleider als typisch barbarisch. Den Sprung nach Europa schafften sie trotzdem. Kelten und – wohlgemerkt – Keltinnen waren im 8. Jahrhundert v.Chr. die ersten auf unserem Kontinent, die Hosen anhatten. Wahrscheinlich hatten sie die Mode von den Skythen übernommen und gaben sie an die Germanen weiter. In der Spätantike setzte sich das Kleidungsstück allmählich auch im Imperium Romanum durch. Im Mittelalter entwickelte sich das Beinkleid mehr oder weniger zum Standard der abendländischen Männerkleidung. Im Orient hingegen hatte man sich zu jener Zeit längst daran gewöhnt, dass Frauen wie Männer Hosen trugen.
Weitgereiste Flicken
Ein trauriger Fund, den chinesische Archäologen 1984 im Autonomen Gebiet Xinjiang machten: Bei Sampula fanden sie das Massengrab von über 130 Männern und Frauen. Sie waren vor mehr als 2000 Jahren Opfer eines Überfalls geworden. Hinweise darauf, wer die Menschen waren, gaben die erhaltenen Kleidungsstücke. Als besonders aufschlussreich entpuppte sich eine aus Flicken zusammengenähte Hose. Auf einem Stück erkannten Kunsthistoriker das Porträt eines griechischen Kriegers. Auf einem anderen Flicken ist ein Kentaur zu sehen – ein Mischwesen, halb Mensch, halb Pferd, aus der griechischen Mythologie (unten rechts). Die Restauratoren zerlegten die Hose in ihre Einzelteile und fügten diese wieder zu ihrer ursprünglichen Form zusammen. Das Resultat überraschte: Der griechische Kopf gehörte zu einem lebensgroß dargestellten Krieger (unten links) und war offensichtlich einst Teil eines Wandteppichs. Die Experten vermuten, dass das Stück in einer der griechischen Städte Baktriens entstand, die Alexander der Große oder ein Nachfolger des Makedonen gegründet hatte. Der Teppich könnte dort die Wand eines Palastes geschmückt haben. Aus Schriftquellen wissen Historiker, dass Baktrien um 145 v.Chr. von zentralasiatischen Steppenreitern – mög-licherweise den Saken – angegriffen wurde, die brandschatzend durch das Land zogen. Es bleibt zwar Spekulation – aber vielleicht fand ein Angreifer Gefallen an dem Teppich, nahm ihn mit und schneiderte später eine Hose daraus. Sie und ihr Besitzer endeten in einem Grab bei Sampula, als Opfer eines weiteren Überfalls.
Ohne Titel
Hakan Baykal schätzt seine Hosen viel mehr, seit er weiß, wann, wo und wofür das Kleidungsstück erfunden wurde.





