In der Zeit vor rund 2200 bis 1900 Jahren herrschten die Parther über den Iran und Teile Mesopotamiens und Zentralasiens. Dieses aus einem Stamm der Skythen hervorgegangene Volk war in verschiedene regionale Unterkönigreiche gegliedert, die sich in der Antike Kämpfe mit den hellenistisch geprägten Seleukiden und später den Römern im Westen und zentralasiatischen Steppennomaden im Osten lieferten.
Eines der wichtigen regionalen Zentren des Partherreichs war die Bergfestung von Rabana-Merquly im heutigen Irakisch-Kurdistan. Diese Anlage am Südhang des Piramagrun im Zagros-Gebirge umfasste neben zwei Siedlungen einen fast vier Kilometer langen Befestigungswall, der mehr als 720 Höhenmeter überwand. Strategisch günstig überblickte der obere Teil der Anlage mit dem Ort Merquly eine damals wichtige Route durch das Zagrosgebirge, die von Erbil nach Süden führte. Am Fuß des Berges umfassten die parthischen Befestigungen neben der Siedlung Rabana auch das nordöstliche Ende des Tals, an dem eine enge Bergschlucht einmündet. Nach starken Regenfällen und zur Schneeschmelze bildeten die durch diese Schlucht talwärts strömenden Wassermassen vorübergehend einen Wasserfall.
Militärstützpunkt und Kultstätte
Im Rahmen von mehreren Grabungskampagnen, die ab 2009 und zuletzt zwischen 2019 und 2022 durchgeführt wurden, hat ein internationales Forschungsteam die Überreste von Rabana-Merquly näher untersucht. Dabei entdeckten sie über den befestigten Zugängen zu den beiden Siedlungen jeweils ein Felsrelief, das einen noch unbekannten Herrscher zeigt. Es handelt sich wahrscheinlich um einen lokalen parthischen Vasallenkönig, dem die Gründung der Stätte zugeschrieben wird, wie die Archäologen um Michael Brown von der Universität Heidelberg berichten. Die Präsenz der Befestigung und der vor allem im oberen Teil der Anlage stationierten Truppen diente vermutlich dazu, diese Gegend und vor allem die wichtige Handelsroute zu kontrollieren.
Doch die Ausgrabungen legen nahe, dass die Befestigungen von Rabana-Merquly nicht nur rein strategisch-militärische Bedeutung hatten: Die Anlage könnte auch als Heiligtum und Pilgerstätte gedient haben. Indiz dafür sind Bebauungsreste am Fuß des saisonalen Wasserfalls, die von einer religiösen Kultstätte stammen könnten. In einem Teil dieser Ruinen entdeckten die Archäologen 2022 unter anderem zwei Bestattungsgefäße. In der Nähe des Wasserfalls befindet sich zudem eine in den Steilhang gehauene Skulptur, die an einen Altar erinnert. Darauf wurden möglicherweise Opfergaben oder Öl verbrannt.
Der Wassergöttin Anahita geweiht?
„Die Nähe zum Wasserfall ist von Bedeutung, denn die Verbindung der Elemente Feuer und Wasser spielte in der vorislamischen persischen Religion eine wichtige Rolle“, sagt Michael Brown. Er und sein Team vermuten, das es sich um ein Heiligtum der Wassergöttin Anahita gehandelt haben könnte. In einer Schriftensammlung der zoroastrischen Religion, dem sogenannten Avesta, wird Anahita als himmlische Quelle allen Wassers auf der Erde beschrieben. Die Göttin konnte demnach die Gestalt eines fließenden Stroms oder Wasserfalls annehmen. Ihr Kult genoss insbesondere in den westlichen Regionen des Iraks zur Zeit der Seleukiden und Parther große Verehrung, wie die Wissenschaftler erklären.





