„Sagt euren Vertretern, sie sollen mir Zinn und Textilien geben – zu den Bedingungen, die gemeinhin bei der Übergabe gelten: Wert in Silber etwa ein Talent. Von mir (für diese Waren) erworbenes Silber wird an sie (die Vertreter) in der Menge von jeweils zehn Minen geliefert. Bitte berücksichtigt diese Nachricht!”
Knapp 4000 Jahre alt ist diese Anweisung, die der Händler Alim-ahum an seinen Geschäftspartner Ilabrat-Bani richtete. Überliefert wurde sie auf einer der mehr als 20000 Keilschrift-Tontafeln, die im antik-anatolischen Kültepe (rund 20 Kilometer nordöstlich des türkischen Kayseri) geborgen wurden. Kültepe (Kanesch) war im bronzezeitlichen Vorderen Orient ein internationaler Handelsplatz, der fest in der Hand von assyrischen Kaufleuten lag.
Alim-ahum, ein Händler aus Assyrien, makelte das für die Kupferherstellung unerlässliche Zinn und vertrieb Textilien. Das Metall stammte vermutlich aus Zentralasien, die Textilien wahrscheinlich aus Babylonien. Alim-ahum ließ – vielleicht in Assur – seine Waren auf Esel laden und gut 1000 Kilometer gen Nordwesten transportieren. Ziel der Reise war Kültepe. In diesem großen Handelszentrum wurden die Textilien und das Zinn gegen Silber getauscht.
Die Gründung des babylonischen Reiches unter Hammurabi (um 1750 v.Chr.) stieß einen ungeheuren Warenverkehr für Königshof und Tempel an. Da wurden Wertmesser für den Handel unerlässlich. „ Zahlungen und Käufe”, schreibt der ehemalige Leiter der Staatlichen Münzsammlung München, Hans Gebhart, „wurden mit abgewogenen Metallstücken, aber auch mit Naturalien, auf dem Lande mit Getreide beglichen.”
Von der Währung „Getreide” leitet sich die kleinste mesopotamische Gewichtseinheit im 2. Jahrtausend v.Chr. ab: „ Uttetu” beziehungsweise „se” gleich 46,75 Milligramm – so viel wie ein Getreidekorn wiegt. Das Gewicht von 180 Getreidekörnern (8,4 Gramm) entspricht der Maßeinheit des Schekels. 60 Schekel (0,505 Kilogramm) sind eine Mine, 60 Minen (30,3 Kilogramm) ein Talent.
In Syrien dagegen wog zu jener Zeit ein Talent 28,2 Kilogramm. Ein Talent hatte hier zwar auch 60 Minen, doch die wogen jeweils 470 Gramm. Und eine Mine wurde in Syrien in 50 Schekel à 9,4 Gramm unterteilt. In Ugarit oder im Hethiterreich galten abermals andere Einheiten.
Ein verwirrendes Währungsgemenge also – und das auf der Grundlage eines schwankenden Silberwertes. Münzgeld im heutigen Sinne wurde erst von der Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends an verwendet: Im ptolemäischen Ägypten wurden griechische Söldner mit Goldmünzen bezahlt.
Dennoch funktionierte der länderübergreifende Fernhandel mit einer Art modifiziertem Tauschhandel: Auf Grund der Kültepe-Keilschriften schätzen die Antiken-Forscher, dass um 1800/1700 v.Chr. innerhalb von 50 Jahren von Assyrien 100000 Ballen Textilien und 80 Tonnen Zinn nach Anatolien transportiert wurden. Obwohl die Kaufleute Palaststeuern und Wegezölle zahlen mussten, war der Zinnhandel ein hoch profitables Geschäft.
Der Händler kaufte in Assur, wo Zinn verhältnismäßig billig war, für eine Mine Silber 15 Minen Zinn ein. Dafür bekam er in Anatolien, wo Silber in größeren Mengen abgebaut wurde und dadurch billiger war, zwei Minen Silber. Ein einziger Zinn-Transfer von Assur nach Anatolien verdoppelte also den Einsatz an Silber – sofern der Handelspartner ehrlich war.
Die Kaufleute Sumi-abia, Al-tab und Kuziza in Kanesch jedoch hatten Grund zur Reklamation: „Wir überprüften (das Gewicht) eures Zinns”, schrieben sie an den assyrischen Händler Imdilum, „ und stellten ein Defizit von einer Mine fest.” Auch Imdilums vorangegangene Aufforderung „(Erzielt einen Preis) für mein Zinn von (einem Silber-Schekel) je sieben Schekel Zinn” empfanden sie als Zumutung: „Wisst Ihr nicht, dass Silber teuer ist?” Die Hochkulturen Vorderasiens betrieben zur Bronzezeit ein dichtes Handelsnetz; sowohl keilschriftliche als auch archäologische Quellen belegen den weit reichenden Austausch von Waren: Lapislazuli aus Afghanistan, Salz aus Jericho, Weihrauch aus Südarabien, das begehrte Zedernholz aus dem Libanon – und nicht zuletzt das Gewinn bringend zu versilbernde Zinn aus Zentralasien.
Auch Ägypten war in dieses Handelsnetz eingesponnen. Die verwendeten Wertmesser sind bekannt: Der Hannoveraner Ägyptologe Manfred Gutgesell hat beschriftete Kalkstein-Abschläge (Ostraka) aus der Arbeitersiedlung Deir el Medineh in der Nekropole von Theben-West untersucht. Danach gab es im bronzezeitlichen Ägypten die Gewichtseinheit Deben (91 Gramm Kupfer), die in 10 Kite unterteilt war. Ein Gewicht, das ausschließlich zum Abwiegen von Silber verwendet wurde, war der Schenati (das Zwölftel eines Deben, entsprechend 7,6 Gramm).
Wie aber konnte der Fernhandel funktionieren, wenn in unterschiedlichen Regionen verschiedene Gewichtssysteme verwendet wurden? „Über das alltägliche Marktgeschrei wissen wir so gut wie nichts”, räumt Thomas Richter, Keilschrift-Experte am Archäologischen Institut der Universität Frankfurt ein. Es sei jedoch anzunehmen, „dass der bronzezeitliche Fernhandel auf der Basis von Silber vollzogen wurde”.
Margarete van Ess, stellvertretende Leiterin der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin, spricht von einem „verkappten Umrechnungssystem”. Konnte doch das Gewicht einer beliebigen Menge Silber – egal ob in Assyrien, Anatolien oder Ägypten – mit Hilfe von Wiegesteinen ohne weiteres festgestellt und mit den lokalen Maßeinheiten in Beziehung gesetzt werden. Von der Existenz eines „ Universal-Konvertierungssystems der Alten Welt” sind nach eingehender Untersuchung der unterschiedlichen Gewichtseinheiten dagegen Alfredo Mederos (Universidad Complutense in Madrid) und Clifford Lamberg-Karlovsky (Peabody Museum der Harvard University) überzeugt. Mit verschiedenen Rechenexempeln versuchen die Wissenschaftler zu beweisen, dass die verschiedenen Systeme ineinander umgerechnet wurden.
Der ugaritische Schekel (9,4 Gramm) etwa ist fast genauso schwer wie die ägyptische Einheit Kite und – verfünffacht – exakt so schwer wie zwei hethitische Schekel. Und 9,4 Gramm mit 3000 multipliziert ergibt das Gewicht eines syrischen Talents (28,2 Kilogramm).
Kaufleute wie Sumi-abia, Al-tab und Kuziza mussten also nicht nur eine gehörige Portion Skepsis gegenüber den Angaben und Forderungen ihrer Handelspartner aufbringen, wollten sie im Geschäft bestehen. Auch die genaue Kenntnis der verschiedenen Gewichtseinheiten und des aktuellen Metall-Wertes gehörte zum Händlerwissen: „Derzeit ist der Wechselkurs von Zinn zu Silber 9:1 … Trotzdem haben wir Euer Zinn … zu Euren Konditionen angenommen”, heißt es in dem Keilschrift-Brief an den assyrischen Partner Imdilum.
Am Sinn und Zweck von Import und Export hat sich bis heute nichts geän-dert, wie der Schluss des Briefs zeigt: „Wir werden uns bis zum Äußersten anstrengen, um das Silber einzunehmen, jeden Schekel, und wir werden Euch so viel wie möglich davon schicken.”
Kompakt
• Vor 4000 Jahren gab es im Vorderen Orient einen florierenden Fernhandel.
• Die begehrten Güter kamen über Tausende von Kilometern – Lapislazuli zum Beispiel aus Zentralasien.
• Münzen als Gegenwert gab es noch nicht, die Tauschwährung war Silber.
bdw-Community
LesenWolfgang Helck DIE BEZIEHUNGEN ÄGYPTENS UND VORDERASIENS ZUR ÄGÄIS BIS INS 7. JAHRHUNDERT V.CHR. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, DM 98,–
Manfred Gutgesell ARBEITER UND PHARAONEN Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Alten Ägypten Gerstenberg Verlag, Hildesheim 1989 (vergriffen)
REALLEXIKON DER ASSYROLOGIE UND DER VORDERASIATISCHEN ARCHÄOLOGIEVol. 7, S. 457–517, de Gruyter Berlin 1990KontaktClifford Lamberg-Karlovsky:Karlovsk@fas.harvard.edu Alfredo Mederos:Amederos@ull.es
Thomas Richter:Thomas.Richter@em.uni-frankfurt.de
INTERNETDie Untersuchung von Mederos und Lamberg-Karlovsky zum Wechselsystem im Fernhandel der Bronzezeit finden Sie unter:www.physics.ohio-state.edu/ wilkins/science/ arch/weight_1-3BC.html
Karen Allihn





