Gartenfreunde wissen es genau: Der Grabungseifer des Maulwurfs kennt weder Grenzen noch Gebote. Das gilt aber nicht nur fürs Blumenbeet. Auch archäologische Stätten sind mit Maulwurfshügeln gesprenkelt. An manchen dieser Orte sind wissenschaftliche Untersuchungen untersagt, um die Funde so lange wie möglich im Boden zu erhalten. Zugang in das Reich unter dem Humus haben dann nur Insekten, Mäuse – und Maulwürfe. Sie wühlen bis zu einem Meter tief unter der Grasnarbe, buddeln 200 Meter lange Gänge und werfen dabei einige Dutzend markante Erdhügel auf. Was „Grabowski” beim Tunnelbau an Objekten findet, legt er den Archäologen buchstäblich vor die Füße.
„Dank der Maulwürfe haben wir das verbogene Siegel einer päpstlichen Bulle von 1381 entdeckt”, berichtet Caroline Davison. Sie betreut für das Norfolk Archaeological Trust die Überreste des mittelalterlichen Klosters St. Benet’s Abbey im Osten Englands. Das Bodendenkmal ist geschützt, Ausgrabungen ohne zwingenden Grund sind verboten. Deshalb kämmen Freiwillige einmal im Monat die Maulwurfshügel nach Zufallsfunden durch. Das Siegel aus dem Erdhaufen ist Teil eine der vielen Geschichten, die sich um das Kloster ranken. Davison: „1381 rebellierten die Bauern gegen die Zwangsrekrutierungen der Kirche, stürmten die Abtei und zerstörten, was ihnen in die Finger kam. Das verbogene Siegel des Papstes ist ein Beleg dafür.”
Bleischwere Runen
In einem anderen kleinen Haufen lag vor einigen Jahren ein Stück Blei. Darauf war die Runeninschrift „Tlimsudn” in lateinischen Buchstaben zu erkennen. Zwar weiß bis heute niemand, was der Verfasser damit gemeint haben könnte. Fest steht: Die Schrift stammt von Angelsachsen aus dem frühen Mittelalter und deutet darauf hin, dass die Abtei schon vor dem 11. Jahrhundert einen Vorläufer gehabt haben könnte.
Sollte sich dieser Verdacht durch weitere Indizien erhärten, wäre St. Benet’s Abbey noch wertvoller für die britische Vergangenheit, als es der Ort ohnehin ist. Die Abtei gehört zu den ältesten Klöstern in Norfolk. Über 600 Jahre lang bis in die frühe Neuzeit lebten dort Mönche. Der Beweis für einen noch früheren Beginn liegt vielleicht irgendwo in der unterirdischen Welt der Maulwürfe verborgen.
Auch in Whitley Castle, einem römischen Militärlager aus dem 2. Jahrhundert n.Chr. in der Nähe des Hadrianswalls, darf nicht gegraben werden. Es sei denn, man hat eine Sondererlaubnis – oder ist Maulwurf. Aus den Erdhügeln der Tiere kamen schon Reste von römischem Tafelgeschirr ans Tageslicht, die Perle einer Halskette und ein delfinförmiges Bronzeteil eines Wasserhahns.
Zu den Freiwilligen, die mit den Händen die Maulwurfshügel durchsuchen, gehören in Großbritannien oft ganze Familien und Schulklassen. „Dank der Maulwürfe haben wir die einzigartige Möglichkeit, der jüngeren Generation die Faszination der Archäologie nahezubringen und sie für die Geschichte unse- res Landes zu begeistern”, sagt Caroline Davison.
„Der Maulwurf ist ein Segen für die Archäologie. Das muss man klipp und klar sagen.” Günther Wieland weiß, wovon er spricht. Als der deutsche Archäologe 2008 im Grösseltal in Baden-Württemberg Maulwurfshügel untersuchte, fand er darin Schlacken von Eisenerzen. Da Maulwürfe der Metallverarbeitung nicht kundig sind, lag der Schluss nahe, dass die Tiere Historisches ans Tageslicht gebracht hatten. Als Wieland gemeinsam mit seinem Kollegen Guntram Gassmann den Boden öffnete, wurde aus einem Indiz ein Beweis und aus Vermutung Gewissheit: Im Grösseltal standen vor 2500 Jahren Verhüttungsöfen der Kelten.
„In den Publikationen geht das immer unter, dass die Tiere für die Entdeckungen verantwortlich sind”, lobt Wieland seine kleinen Helfer. „Dabei sind sie oft die Einzigen, die uns einen Blick in den Boden gewähren.” „Allerdings”, ergänzt Guntram Gassmann, „ muss man zur rechten Zeit am rechten Ort sein.” Dafür ist es nötig, sich in die Kollegen mit den Schaufelhänden hineinzuversetzen.
Denn die Tiere sind wählerisch. Sie mögen den Boden nicht zu feucht und nicht zu trocken. In lockerer Humuserde fühlen sie sich besonders wohl. Wenn es dann noch Frühjahr oder Herbst ist und weder Schnee noch dichte Vegetation die potenziellen Schatzhügel verbergen, ist für Guntram Gassmann und Günther Wieland die beste Zeit, um die Haufen durchzuwühlen. „Nach einem Regen ist die Suche am erfolgreichsten. Dann sind die Funde auch von der Erde freigewaschen”, sagt Gassmann, der die Maulwurfshügel-Archäologie „eine Schlechtwetterbeschäftigung” nennt.
Und Artefakte sind nicht alles, was das geschulte Auge im Auswurf der beinahe blinden Buddler erkennt. „Manchmal zeigen sich anhand der Erdverfärbungen auch Kulturschichten, die unter der Erde liegen”, erklärt Gassmann. Schwarze Brocken deuten auf eine Holzkohleschicht hin – an diesem Ort loderte einst ein Feuer. Rotgefärbte Erde könnte von einem Ofen stammen. Wer die Zeichen zu deuten weiß, der kann in einem Maulwurfshügel lesen wie in einem Buch.
Blindgänger im Hügel
Doch bisweilen führen die unterirdischen Gänge auch in die Irre. Das erlebte Lothar Kurz im westfälischen Rheine. Als ehrenamtlicher Beauftragter für die Bodendenkmalpflege untersuchte Kurz die Geschichte des Klosters Bentlage. Vor dessen Gründung 1437 stand dort eine Kapelle, berichten die schriftlichen Quellen. Doch wo sich die Kapelle genau befand, weiß niemand. Historiker Kurz durchsiebte kurzerhand die Maulwurfshügel auf dem Klostergelände – und stieß dabei auf Keramikscherben, die älter waren als das Kloster. Die Schlussfolgerung lag nahe: An diesem Ort stand der lang gesuchte Vorgängerbau.
Aber auf die Erkenntnis folgte Ernüchterung. Wie Lothar Kurz später herausfand, war am Fundort schon 1660 Schutt unbekannter Herkunft abgeladen worden. Die Scherben aus den Maulwurfshügeln waren zwar korrekt datiert worden, stammten aber ursprünglich von einem anderen Ort. Die Suche nach dem Vorläufer des Klosters geht weiter – doch die Maulwurfshügel bleiben dort künftig unberührt. „ Mein Interesse an dieser Art Untersuchung ist deutlich erlahmt”, gibt Kurz zu.
Günther Wieland und Guntram Gassmann kennen dieses Problem. „ Das sind keine geschlossenen Fundkomplexe, nur Fingerzeige. Ohne eine Grabung können wir nicht sagen, was genau in der Erde steckt.” Doch die Indiziensuche lässt die beiden Archäologen aus Baden-Württemberg nicht los. Im Frühjahr und Herbst greifen die Forscher zu ihren Regenmänteln und suchen nach den verräterischen Häufchen von Maulwürfen. „Die sehen ja zum Glück nicht, was sie uns vor die Füße legen”, sagt Gassmann. „Sonst würden sie es am Ende noch behalten.” •
von Dirk Husemann





