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Aschewolken, Hunger, Pest
Geschichte & Archäologie

Aschewolken, Hunger, Pest

Vulkanausbrüche haben auf der Erde immer wieder zu klimatischen Veränderungen geführt. Auch die Menschheitsgeschichte wurde dadurch mehrfach beeinflusst. Etwa im Jahr 1345, als Eruptionen in Europa für schwere Missernten sorgten.
Autor
Redaktion
05. März 2026
Lesezeit
8 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie
Vulkanausbrüche haben auf der Erde immer wieder zu klimatischen Veränderungen geführt. Auch die Menschheitsgeschichte wurde dadurch mehrfach beeinflusst. Etwa im Jahr 1345, als Eruptionen in Europa für schwere Missernten sorgten.

von DAVID NEUHÄUSER

Im Jahr 1347 erreichte das Bakterium Yersinia pestis Europa – nicht zum ersten Mal, denn bereits Mitte des 6. Jahrhunderts hatte die sogenannte Justinianische Pest dort viele Opfer gefordert, und auch schon in menschlichen Zähnen aus der Bronzezeit lässt sich das Pestbakterium nachweisen.

Die erneute Epidemie wurde bald „Schwarzer Tod“ genannt und raffte innerhalb weniger Jahre ein bis zwei Drittel der europäischen Bevölkerung hinweg – Schätzungen zufolge starben 20 bis 50 Millionen Menschen. Woher das Bakterium ursprünglich kam und welchen Weg es genommen hatte, ist bekannt: Es entstand in Nagetierpopulationen in Zentralasien und gelangte über die Schwarzmeerregion nach Europa. Die Gründe für den Zeitpunkt des massiven Ausbruchs im 14. Jahrhundert in Italien, die Art und Weise der Ausbreitung und die Virulenz des Erregers sind dagegen weiterhin Bestandteil der Forschungsdiskussion. Ein Anknüpfungspunkt ist der damals betriebene Fernhandel.

Missernten verursachten zwischen 1345 bis 1347 im ganzen Mittelmeerraum Hungersnöte und trieben die italienischen Seerepubliken Venedig, Genua und Pisa dazu, beträchtliche Mengen an Getreide aus dem mongolischen Reich der sogenannten Goldenen Horde zu importieren. Dieses Reich erstreckte sich von der Küste des Schwarzen Meeres über die heutige Ukraine, Kasachstan und Teile Russlands. Der schnell ausgebaute Fernhandel für Getreide aus dem Osten bewahrte vermutlich viele Menschen vor dem Hungertod. Doch in den prall gefüllten Getreidesäcken saß ein blinder Passagier, der mindestens genauso bedrohlich war wie der Hunger: das Pestbakterium. Mit den Handelsschiffen gelangte es in die Mittelmeerhäfen, und die dort beginnenden Handelswege ins Landesinnere begünstigten seine rasche Ausbreitung in weite Teile Europas.

Eine im Dezember 2025 publizierte Studie deckt nun noch größere Zusammenhänge auf und legt nahe, dass der massive Ausbruch der Pest in Europa mit einem Vulkanausbruch und den dadurch verursachten klimatischen Veränderungen in Zusammenhang stand. Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig, einer der beiden Studienautoren, erklärt: „Die Pest wäre sicherlich irgendwann so oder so auf dem Seeweg nach Europa gekommen – und vermutlich auch über Getreide – nur eben nicht synchronisiert, im großen Stil und über verschiedene Hafenstädte gleichzeitig. Vorher ist die Geschwindigkeit der Pest sehr langsam. Sie tritt in Kirgisistan auf und dann am Schwarzen Meer – eine Distanz, für die sie fünf bis sechs Jahre braucht. Der Ausbruch in Italien geht, im Vergleich dazu, äußerst schnell vor sich.“ Relevant sei dabei, so Bauch, die schiere Menge des Getreides gewesen, das die Städte importiert hätten, denn lediglich der Kontakt einzelner Reisender mit der Pest habe den massiven Ausbruch nicht herbeiführen können.

Gab es den Vulkanausbruch?

Gemeinsam mit Ulf Büntgen von der University of Cambridge hat er sich auf die Suche nach den Spuren des Vulkanausbruchs begeben, der am Anfang dieser Ereigniskette steht. Dazu wurden zum einen Tausende von Kern- und Scheibenproben von Bäumen aus acht verschiedenen Regionen Europas von Schweden bis Korsika untersucht. Ermittelt wurde dabei unter anderem die sogenannte maximale Spätholzdichte (MXD) der Proben, also die Zellendichte der Jahresringe, mit der sich Sommertemperaturen vergangener Zeiten rekonstruieren lassen. Die Resultate wurden anschließend mit Schätzungen zur vulkanischen stratosphärischen Schwefelinjektion (VSSI) in Bezug gesetzt, die aus der geochemischen Analyse von in der Antarktis und in Grönland gesammelten Eiskernen abgeleitet wurden. In den Eiskernen sucht man in erster Linie nach Sulfatablagerungen, von denen man auf die Sulfataerosolbelastung schließen kann, die vorlag, als sich das Eis bildete. Moderne Analyseverfahren ermöglichen im Labor die gleichzeitige Echtzeitanalyse einer Vielzahl von Elementen (einschließlich Schwefel), während das Eis auf einer erhitzten Platte langsam schmilzt.

Das Ergebnis der Analyse: Die Abkühlung während der Sommermonate in den Jahren 1345 bis 1347 fiel so stark aus wie seit dem Ausbruch des Vulkans Samalas auf der indonesischen Insel Lombok im Jahr 1257 nicht mehr. Zudem liefern die Eisproben den Beweis, dass es im relevanten Zeitraum eine Eruption beträchtlichen Ausmaßes gab.

Tatsächlich konnten zwischen 1250 und 1360 zehn Vulkanausbrüche unterschiedlicher Intensität nachgewiesen werden, von denen allerdings nur jener von 1257 mit Sicherheit verortet werden kann. Welcher Vulkanausbruch die Abkühlung ab 1345 ausgelöst haben könnte, ist nicht eindeutig festzustellen, da zu einem solchen Ausbruch keine schriftlichen oder archäologischen Quellen vorliegen.

Vulkanausbrüche als Auslöser von Krisen

Dass Vulkanausbrüche über die unmittelbare Zerstörung hinaus gewaltige Katastrophen auslösen können, ist bekannt. Überlegungen zu den Ursachen des Untergangs der bronzezeitlichen minoischen Palastkultur Kretas beispielsweise drehen sich häufig um die sogenannte Minoische Eruption, auch Thera-Eruption genannt, da sie sich auf der Vulkaninsel Thera ereignete, dem heutigen Santorin, bekannt für seine blauen Kuppeldächer.

Die Eruption von Thera war eine der gewaltigsten der Menschheitsgeschichte und sie bedeutete nicht nur für die Insel, sondern für die ganze Region tiefgreifende Veränderungen. Zuerst sorgte ein Tsunami für weitere Zerstörungen, und anschließend fielen die Temperaturen, bedingt durch die Masse an Schwefeldioxid in der Atmosphäre. Das wiederum dürfte Missernten und soziale Verwerfungen ausgelöst haben, womit der Vulkan zwar nicht als alleinstehende Ursache für das allmähliche Verschwinden der Palastkultur gelten kann, aber sicherlich als ein bedeutsamer Faktor bei dieser Entwicklung.

Und auch zu Zeiten Kaiser Justinians (482–565) lösten Vulkanausbrüche eine schwere Krise aus – mit einem Verlauf, der stark an die Vorgänge erinnert, die jetzt für den Pestausbruch ab 1347 rekonstruiert worden sind. Untersucht wurde dies 2016 von einem Team von der Universität Oslo und dem GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Es konnte gezeigt werden, dass gleich zwei Eruptionen innerhalb weniger Jahre zu einer Kettenreaktion aus Abkühlung, Missernten und Hungersnöten führten. Die Forscher vermuten heute sogar, dass das Jahrzehnt ab 536 das kälteste der vergangenen 2000 Jahre war; das korreliert mit dem gemessenen Sulfatsignal für das Jahr 536, welches beispielsweise in Grönland in den vergangenen zwei Jahrtausenden nie höher ausfiel.

Verhängnisvolle Kettenreaktionen

Auch in dem frühmittelalterlichen Fall ist nicht klar, wo sich die Ausbrüche genau ereigneten – möglicherweise in Indonesien oder Amerika. Jedenfalls folgten soziale Krisen. Matthew Toohey vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung erklärt die Kettenreaktion, die die Eruptionen auslösten: „Die Zeit wird als eine Periode des sozialen Niedergangs und der Klimaverschlechterung beschrieben. In weiten Bereichen Europas und Mittelamerikas ging die Bevölkerung zurück, Siedlungen wurden aufgegeben. Pollenanalysen verraten Umstellungen in der Landwirtschaft, und es wird vermutet, dass die Klimaverschlechterung die erste Ausbreitung der Pest in Europa beeinflusst hat.“ Als die Justinianische Pest dann ausbrach, starb daran bis zur Hälfte der Bevölkerung im Oströmischen Reich. Auch Germanien und Gallien waren stark betroffen.

Die beiden ersten großen Pestepidemien in Europa begannen also möglicherweise gleich: Jenseits der bekannten Welt spie ein Vulkan Schwefel in die Atmosphäre, verdunkelte den Himmel, sorgte für kalte Sommer, für Missernten und Hunger. Inmitten dieser Krise wurde dann durch massiven Import von Getreide der Ausbruch der Pest begünstigt. Während die Doppeleruption zur Zeit Kaiser Justinians enorme Ausmaße hatte – schon einer der beiden Ausbrüche wäre folgenschwer gewesen – rangierten die Eruptionen Mitte des 14. Jahrhunderts etwas weiter unten auf der Liste: Wertet man die klimarelevanten Daten aus, findet sich das Jahr 1345 auf Platz 18 der wirkmächtigsten Vulkaneruptionen der vergangenen 2000 Jahre. Doch das genügte wohl – zumal als Teil einer Kette damaliger Ereignisse.

Eine verdunkelte Welt

Denn vorangehende Vulkanausbrüche, die sich um 1329, 1336 und 1341 ereigneten, hatten einen kumulativen Effekt – ein Effekt, der heute messbar ist und damals sichtbar war: Schriftliche Quellen aus Europa, ebenso wie aus China und Japan berichten unabhängig voneinander von verringerter Sonnenscheindauer und verstärkter Bewölkung zwischen 1345 und 1349. Astronomen berichten außerdem von verdunkelten Mondfinsternissen, die nahelegen, dass von 1345 bis mindestens 1347 ein vulkanischer Staubschleier über Europa lag. 1348 war das Kolleg der Ärzte von Paris überzeugt: „Dieser durch die Luft ziehende Dunst verdunkelte weite Teile der Welt und gab ihnen die Farbe von Glas. Dies geschah in ganz Arabien und Teilen Indiens und Kretas, in den Tälern und Ebenen Mazedoniens, Ungarns, Albaniens und Siziliens. Sollte er Sardinien erreichen, wird dort kein Mensch mehr leben, und dasselbe wird allen Inseln und ihren Grenzen widerfahren, wo der verdorbene Meereswind aus Indien während des Sternzeichens Löwe eintrifft oder bereits eingetroffen ist.“

Wie ein internationales Forscherteam aus der Schweiz, den USA, Deutschland und Japan schon vor Längerem zeigen konnte, lassen sich in klimatischer Hinsicht nicht nur zwischen den Jahren 536 und 1345 Parallelen erkennen, sondern letztlich zwischen allen Kälteperioden seit der Antike – denn den meisten dieser Abkühlungsphasen seien Vulkanausbrüche vorangegangen. Selten sind der klimatische Effekt und seine Folgen so schwerwiegend wie 536 oder 1345, aber das Prinzip ist stets das gleiche: Vulkanausbrüche beeinflussen das Klima durch die Freisetzung großer Mengen an Asche und Schwefelgas in die Atmosphäre. Schwefelgas wandelt sich in Sulfataerosole um, welche in der Stratosphäre die Sonnenstrahlung reflektieren und so die Menge der auf die Erdoberfläche treffenden Sonnenstrahlung verringern. Die Hauptfolge ist eine Abkühlung der Erdoberfläche. Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die betroffenen Gesellschaften variieren je nach Ausmaß der klimatischen Veränderung.

Zusatz-Info: Pestmassengrab bei Erfurt aufgespürt
Ein Forschungsteam der Universitäten Tübingen und Leipzig sowie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung – UFZ hat nahe Leipzig jüngst ein Massengrab gefunden, das es dem Pestausbruch Mitte des 14. Jahrhunderts zuordnet. Der Fund ist das Ergebnis einer gezielten Suche, für die historische Quellen zu Pestgruben, geophysikalische Messungen und Sedimentbohrungen miteinander kombiniert wurden. Schriftlichen Überlieferungen nach wurden während des Pestausbruchs von 1350 rund 12.000 Tote in elf großen Gruben außerhalb der Stadt Erfurt bestattet. Deren genaue Lage war jedoch bislang unbekannt. Die in dem neu entdeckten Areal gefundenen menschlichen Knochenfragmente konnten nun aber durch Radiokohlenstoffanalysen eindeutig ins 14. Jahrhundert datiert werden. Der Fund ist – so er sich durch weitere Analysen sichern lässt –, sehr bedeutend, da bestätigte und präzise datierte Pestmassengräber aus der Zeit des „Schwarzen Todes“ europaweit äußerst selten sind – weniger als zehn sind bisher bekannt.Die Darstellung links zeigt den vierten apokalyptischen Reiter, den Tod, auf einem Fabelwesen, das wohl einen geflügelten Löwen darstellt. Darunter eine Personifikation des Hungers (fames), die auf ihren geöffneten Mund zeigt. Das Bild entstand Mitte des 14. Jahrhunderts in Erfurt.
© Wikimedia Commons / Mariule~commonswiki

Bis in die Neuzeit hinein ließ sich dieser Effekt beobachten. So brach 1815 der Tambora auf der Insel Sumbawa östlich von Java aus. Auf Sumbawa kamen in direkter Folge der Eruption etwa 10.000 Menschen ums Leben. Anschließend verursachte ein Tsunami auf den umliegenden Inseln massive Zerstörungen. Der Schwefel verteilte sich über den Globus und sorgte nicht nur in unmittelbarer Nähe der Katastrophe für Hungersnöte, sondern auch in Europa und Nordamerika, wo man das Folgejahr 1816 im Volksmund „Jahr ohne Sommer“ nannte. Wirtschaftliche Nöte in Europa sorgten für verstärkte Auswanderung nach Amerika, gleichzeitig kam es zu Aufständen. Die Kleinstpartikel in der Luft, die sich über die Welt verteilten, bescherten Künstlern der Romantik allerdings auch spektakuläre Sonnenuntergänge.

Die Vulkanausbrüche im 20. und 21. Jahrhundert waren deutlich weniger folgenschwer. Auch wenn der Ausbruch des Pinatubo auf den Philippinen 1991 beispielsweise ebenfalls für ein „Jahr ohne Sommer“ sorgte, in dem die Durchschnittstemperaturen auf der nördlichen Hemisphäre um 0,5 bis 0,6 Grad Celsius sanken.

Trotzdem sind Vulkane keine Treiber der Menschheitsgeschichte, sagt Bauch. Dafür sind Eruptionen von globaler Wirkkraft zu selten. Hungersnöte und soziale Umwälzungen brauchen als Initialzündung keine Vulkanausbrüche. Massive Eruptionen können allerdings jederzeit für regionübergreifende „Jahre ohne Sommer“ sorgen, und unter Umständen auch indirekt für Zufälle, die im schlimmsten Fall zu fatalen Kettenreaktionen führen können. ■

David Neuhäuser ist promovierter Historiker. Er schreibt unter anderem für das Magazin DAMALS und ist Mitgründer, Co-Autor und Co-Moderator des Podcasts „Damals und heute“.

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