Wenn Archäologen in steinzeitlichen Fundstellen Steine mit charakteristischen Bruchkanten entdecken, gehen sie üblicherweise davon aus, dass unsere Vorfahren diese bewusst hergestellt haben. Die ältesten Belege für solche frühen menschlichen Steinwerkzeuge stammen aus der ostafrikanischen Oldowan-Kultur und sind bis zu 3,3 Millionen Jahre alt. „Die Entwicklung der Steinwerkzeugtechnologie stellt einen bedeutenden Meilenstein in der Entwicklung der Homininen dar, der es den frühen Menschen ermöglichte, ihre Umwelt zu beeinflussen“, erklärt ein Team um Tomos Proffitt vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Klingen als Nebenprodukte
Doch wie kamen unsere Vorfahren auf die Idee, Steine zu Faustkeilen, Klingen oder Schabern zu bearbeiten? Um den Ursprüngen der steinzeitlichen Werkzeuge auf den Grund zu gehen, haben Proffitt und sein Team heute lebende Affenarten beobachtet, die ebenfalls mit Steinen hantieren. „Unsere Ergebnisse stellen die bisherige Annahme in Frage, dass alle scharfkantigen Abschläge in archäologischen Funden absichtlich hergestellt wurden“, sagt Proffitts Kollegin Lydia Luncz. „Stattdessen deuten sie darauf hin, dass einige frühe Steinwerkzeuge eher Nebenprodukte von Schlägen waren als Zeugnisse absichtlicher Handlungen.“
So beobachtete das Forschungsteam Gelbbrust-Kapuzineraffen im brasilianischen Fazenda Matos, die mit Steinen auf Nüsse einschlagen, um die harte Schale zu knacken. Durch den Aufprall splittern immer wieder Teile der Steine ab. Die Affen schenkten diesen Bruchstücken keine weitere Beachtung, doch die Forschenden schauten sich die Splitter genauer an. „Unsere Analyse dieser Funde zeigt viele archäologische Merkmale, die zuvor mit der absichtlichen Herstellung von Steinabschlägen in Verbindung gebracht wurden“, berichtet das Forschungsteam. „Dazu gehören Hammersteine mit erheblichen Schlagschäden und eine Reihe von abgeschlagenen und abgetrennten Stücken.“
Parallelen zur Werkzeugherstellung unserer Vorfahren
Auch bei anderen Primatenarten haben Proffitt und sein Team schon ein ähnliches Verhalten beobachtet. So nutzen beispielsweise Makaken im thailändischen Nationalpark Phang-Nga ebenfalls Steine zum Nussknacken und erzeugen als Nebenprodukt ähnliche vermeintliche Steinwerkzeuge. „Unsere Beobachtungen an verschiedenen Primatenarten deuten darauf hin, dass Steinmaterial, das beim Werkzeuggebrauch unbeabsichtigt abgeplatzt ist, als universelles Nebenprodukt bei der Nutzung von Schlagwerkzeugen angesehen werden sollte“, sagt Proffitt.
Aus Sicht der Forschenden liefern die Ergebnisse auch mögliche Einblicke in die evolutionären Wurzeln der menschlichen Werkzeugherstellung. „Ähnliche Verhaltensweisen der frühen Homininen könnten ebenfalls zu Steinabschlägen geführt haben, wobei diese Artefakte sehr variabel gewesen sein könnten“, erklärt das Team. Womöglich sind unsere Vorfahren erst nach einer langen Phase der unabsichtlichen Herstellung solcher Abschläge auf die Idee gekommen, auch die abgesplitterten Teile zu nutzen – und sie im nächsten Schritt bewusst zu produzieren. „Indem wir das gesamte Spektrum der dokumentierten Primaten- und Homininenfunde einbeziehen, können wir die Prozesse, die zur Entwicklung der Steinwerkzeugtechnologie geführt haben, besser verstehen“, sagt Proffitt.





