Die Frühmenschenforschung mutet wie ein “Stammbaumspiel” an. Sämtliche Hominiden-Spezialisten auf der Welt nehmen daran teil. Das Spiel besteht darin, die vorhandenen Bruchstücke menschlicher Fossilien den verschiedenen Arten und Gattungen von Frühmenschen zuzuordnen. Dabei gilt es vielfach als verpönt, neue Arten zu “erfinden”, auch wenn es erlaubt ist – wie jetzt bei den Funden in der Höhle von Gran Dolina. Vorausgesetzt wird beim Stammbaumspiel die perfekte Kenntnis der eigenen Funde, eine gute Kenntnis anderer Vorschläge und schöpferische Phantasie. Eine Prise Zufall, etwas Intuition oder gar Genialität besonders ausgebuffter Spieler sind weitere Zutaten, um am Ende Stammbäume zu zimmern, die den Verlauf der Evolution des Menschen widerspiegeln – könnten.
Die mutmaßlichen Lösungen werden veröffentlicht, damit die anderen Mitspieler jederzeit wissen, wie das Spiel gerade steht. Kritik und neue Modelle werden dann in der nächsten Runde publiziert. So gibt es stets nur vorübergehende Gewinner, da jeder neue Stammbaum unablässig wieder in Frage gestellt wird – und das Spiel weitergeht. Einige Forscher ziehen es vor, die vorhandenen Fossilien möglichst wenigen Arten (Spezies) zuzuordnen, um daraus eine mehr oder weniger lineare Abfolge von Frühmenschen zu skizzieren. Andere hingegen benennen neue wie alte Fossilfunde als Überreste getrennter Arten, sobald sich ihrer Meinung nach gravierende Differenzen im Körperbau erkennen lassen. So tummelt sich mittlerweile ein immer bunterer Hominiden-Zirkus in unserer Evolutionsgeschichte – mit häufig wechselnden Artnamen und Artzugehörigkeiten.
Entscheidend ist die Frage nach der Abgrenzung zwischen den einzelnen Frühmenschenformen – nach der Art-Identität. Doch oft genug sind die fossilen Arten nur Glaubensbekenntnisse jener Forscher, denen ein bestimmter Fund gelang oder die ein Fossil eingehend untersucht haben. Denn die Gretchenfrage, welches Fundstück tatsächlich eine neue Art repräsentiert, wie Arten voneinander abstammen und wie sie sich auseinanderentwickelt haben, wird sich kaum je verläßlich beantworten lassen.
Wie andere Fossilforscher auch, die sich mit der Stammesgeschichte ausgestorbener Organismen beschäftigen, haben Anthropologen ein prinzipielles Problem: Der biologische Artbegriff (Biospezies) ist als “in sich geschlossene Fortpflanzungsgemeinschaft” definiert. Dadurch grenzt sich eine Art gegenüber anderen Reproduktionsgemeinschaften ab. Wie aber sollen Paläontologen des Jahres 1998 anhand spärlicher, oft nur grob nach Jahrhunderttausenden datierter Knochensplitter verläßlich klären, ob zwei längst vergangene Hominiden-Formen sich einst fruchtbar miteinander paaren konnten?
Selbst deutliche Unterschiede im Bau von Zähnen, Kiefer- oder Schädelknochen sagen nichts darüber aus, ob deren Träger zwei getrennten Biospezies angehörten oder ob sie sich einst miteinander fortpflanzten. Denkt man an die Unterschiede zwischen den afrikanischen Pygmäen und hochgewachsenen Massai, wird der gestalterische Spielraum der Natur beim modernen Homo sapiens deutlich. Nicht weniger gravierend könnten die Unterschiede im äußeren Erscheinungsbild bei frühen Hominiden gewesen sein.
So bleiben wirklich gesicherte Erkenntnisse zur Evolution des Menschen die Ausnahme. Daher sind viele Forscher dazu übergegangen, Frühmenschen eines bestimmten Zeitabschnitts lediglich als “Chronospezies” aufzufassen: Die Namensvielfalt spiegelt dann nicht zwangsläufig die Vielfalt der Frühmenschen-Arten wider, sondern dient schlicht der Benennung bestimmter zeitlicher und regionaler Stadien, gleichsam Sprossen auf der evolutiven Zeitleiter im menschlichen Werdegang.





