Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), hat eine massive Ausweitung der Wissenschafts-Berichterstattung seines Blattes angekündigt. Schon im zurückliegenden Jahr hat Schirrmacher erfolgreich den Umfang an Themen aus den Naturwissenschaften in seiner Zeitung vergrößert. Zwar folgt die Frankfurter damit einem allgemeinen Trend in der Zeitungslandschaft. Aber der FAZ gelang es wie keinem anderen Blatt, mit der Wende auch eine Botschaft zu verbinden: Die Naturwissenschaften werden in einer bisher nicht dagewesenen Intensität über die Gesellschaft hereinbrechen, so Schirrmacher. Augenfällig wurde dies mit der sogenannten Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Sie markiere den Beginn des “biotechnologischen Zeitalters”. (Bild: FAZ)
Ob man dieser Sichtweise folgen mag oder nicht – zumindest in der Frankfurter Allgemeinen hat mit Schirrmacher das “biotechnologische Zeitalter” begonnen. Den Einstieg bildete im letzten Jahr eine vom Blatt aufgegriffene Diskussion zwischen den beiden amerikanischen Computergurus Ray Kurzweil, damals Berater des amerikanischen Präsidenten, und Bill Joy, einer der Väter des Computer-Betriebssystems “Unix”. Joy und Kurzweil repräsentieren zwei Extreme, die den Spannungsbogen aufzeigen, in dem sich auch die Berichterstattung der FAZ bewegt. Kurzweil prognostiziert eine exponentiell wachsende Beschleunigung des Fortschritts in der Gen- und Nanotechnologie. So wie gegenwärtig die Rechenkapazitäten von PCs exponentiell zunehmen, werden auch andere Bereiche in ihren Möglichkeiten immer schneller wachsen. Denkende Computer und die Überwindung des Todes werden daher in den nächsten Jahrzehnten in greifbare Nähe rücken. Bill Joy teilt die Prognose über den sich selbst beschleunigenden Fortschritt. Im Gegensatz zu Kurzweil warnt er jedoch vor den Gefahren einer entfesselten Nano- und Biotechnik: Was früher nur Großmächte vermochten – der Welt mit der Auslöschung allen menschlichen Lebens zu drohen – wird bald schon innerhalb der Möglichkeiten naturwissenschaftlich versierter Terroristen liegen. Joy fordert daher ein Moratorium für die aus seiner Sicht gefährlichsten Entwicklungen. Der zweite – von Schirrmacher zugegebenermaßen inszenierte – Höhepunkt der Wissenschaftsberichterstattung der FAZ war die seitenlange Veröffentlichung der chemischen Buchstaben eines Genabschnitts, als der amerikanische Präsident die sogenannte Entschlüsselung des menschlichen Genoms bekannt gab. Experten kritisierten damals, die vorgelegten Gensequenzen seien noch keine wirkliche Entschlüsselung der Funktionen der Gene. Die eigentliche Arbeit stehe erst noch bevor. Die “Entschlüsselung” sei mithin nur ein Medienereignis. “Wenn man so will, waren auch die Entdeckung Amerikas und die Landung auf dem Mond Medienereignisse. Der Fortschritt der Wissenschaft zeigt sich als eine Geschichte seiner Symbole. Die Entschlüsselung des Genoms ist so ein Symbol”, sagte Schirrmacher dazu gegenüber Wissenschaft.de. Das Symbol könnte der FAZ auf eine unangenehme Weise aus der Hand gleiten: Möglicherweise sind die von der Frankfurter abgedruckten Sequenzen “genetischer Müll”. Er hat sich auf Genabschnitten angesammelt, die von der Evolution vernachlässigt wurden und besitzt so gut wie keine Funktion im Körper. Die Sequenzen wären damit kaum mehr wert als das Papier, auf dem sie stehen. Mit den Müll-Genen hätte die FAZ unbeabsichtigt ein neues Symbol geschaffen: Einen Kniefall vor der Gentechnik, der man selbst dann huldigt, wenn sie leere Ergebnisse erzielt. Beim Abdruck der Gensequenzen war die Frankfurter Allgemeine einer Versuchung erlegen, die täglich den Wissenschafts-Journalisten lockt: Da man angesichts der Kompliziertheit moderner Wissenschaft selbst oft nur schwer versteht, worüber man schreibt, flüchtet man allzu gerne in eine Mythologisierung des Gegenstandes. Doch das Problem ist den Frankfurtern bewusst. Vielleicht nicht als das eigene, aber doch zumindest als das der Gesellschaft, die der Aufklärung über die neuen Forschungen und die sie vorantreibenden Motive bedarf. Die FAZ scheint hier sogar das linke Berliner Szeneblatt “Die Tageszeitung” beerben zu wollen: Ihre und die ideologiekritische Kompetenz aus der Anti-Atomkraftbewegung sind – freilich modernisiert – erneut gefragt, um die biotechnologischen Weltbilder zu relativieren, erklärte Schirrmacher auf der Heidelberger Tagung ” ‘Dritte Kultur’ oder Demokratisierung der Wissenschaft”. Sie wurde von “Spektrum der Wissenschaft” und der Volkswagenstiftung organisiert. Die anbrechende biotechnologische Ära und ihre Ideologien werden, so Schirrmacher, die Gesellschaft dermaßen verändern, dass das atomare Zeitalter dagegen zum historischen Zwerg wird. Ausdruck der Veränderungen sei etwa der vom Bundeskanzler eingerichtete Nationale Ethikrat, der sich mit den Folgen der Gentechnik auseinandersetzen soll. Hier stehe der Gesellschaft mit der Frage, ob zur Gewinnung medizinisch vielversprechender Stammzellen Embryonen geopfert werden dürfen, bereits ein Problem mit Sprengkraft ins Haus. Durch den Rat würden jedoch Fragen um die politische Vermittlung neuer Forschungsergebnisse zur Chefsache erklärt. Das behagt Schirrmacher nicht, auch wenn er bereits selbst Erfahrungen darin hat, Biotechnik zur Chefsache zu erklären. Aber auch Wissenschaftlern könne man die anstehende Vermittlungarbeit nicht überlassen. Sie seien zwar Experten in ihrem Gebiet, aber in gesellschaftlichen Dingen oft nur Laien. Die Vermittlung, folgert Schirrmacher, ist Aufgabe von Journalisten.
Andreas Wawrzinek





