Mehr als 25 Jahre nach ihrem Fund sorgt die Gletschermumie Ötzi immer noch für Faszination – womöglich auch, weil wir inzwischen so viel über das Leben und die Welt dieses Mannes aus der Kupferzeit wissen, dass er beinahe so etwas wie ein alter Bekannter geworden ist. Kleidung, Knochen, Gene und sogar Blutreste haben in der Vergangenheit einiges über den Südtiroler preisgegeben. Demnach war er zum Zeitpunkt seines wahrscheinlich gewaltsamen Todes rund 45 Jahre alt und bekleidete einen gesellschaftlich hohen Rang. Zudem vertrug der Mann aus dem Eis keine Milch, hatte schlechte Zähne und litt an Arteriosklerose sowie einem Magengeschwür. Darüber hinaus liefert auch das Werkzeug, das Ötzi bei sich trug, interessante Informationen: So bezog er das Kupfer für die Klinge seines Beils überraschenderweise aus der Toskana anstatt aus lokalen Quellen, wie Analysen kürzlich ergaben.
Material von weit her
Wissenschaftler um Ursula Wierer von der Archäologiebehörde in Florenz haben sich nun ebenfalls der Ausrüstung des Gletschermannes gewidmet. Sie nahmen mittels Mikroskopen und Computertomographie eine Reihe von Ötzis Steinwerkzeugen unter die Lupe, darunter einen Dolch, einen Bohrer und einige Pfeilspitzen. Die Untersuchungen offenbarten unter anderem, wo das für die Arbeitsgeräte verwendete Chert-Gestein seinen Ursprung hat. Demnach stammen die Materialien aus mindestens drei unterschiedlichen Quellen. Bei einer oder möglicherweise auch zwei davon könnte es sich um geologische Aufschlüsse aus der Trentino-Region handeln – Orte, die rund 70 Kilometer von Ötzis Heimat entfernt liegen.
Wie schon der Befund zur Herkunft der Beilklinge zeigt dies, dass die Menschen der frühen Kupferzeit-Kulturen über weite Entfernungen hinweg Beziehungen pflegten und regelmäßig untereinander Güter austauschten. Auch die Machart der Werkzeuge untermauert diese Annahme, wie die Forscher berichten: “Ötzis Werkzeug weist typische Merkmale der norditalienischen Tradition auf, daneben aber zum Beispiel auch für die Horgener Kultur aus der Schweiz charakteristische Eigenschaften”, schreiben sie. Transalpine Kontakte seien für Ötzi und seine Mitmenschen damals wahrscheinlich von großer Bedeutung gewesen.
Unvollendete Arbeiten
Doch nicht nur über das Leben alpiner Kupferzeit-Menschen im Allgemeinen verrät Ötzis “Werkzeugkoffer” einiges. Die Ausrüstung lässt auch Rückschlüsse auf den Bergbewohner selbst und auf seine letzten Tage zu. So deuten die Bearbeitungsspuren an Dolch und Co beispielsweise darauf hin, dass der Südtiroler Rechtshänder war. Außerdem scheint er zwar kein ausgewiesener Experte gewesen zu sein, aber durchaus in der Lage dazu, sein Werkzeug vernünftig auszubessern und nachzuschärfen. Wierer und ihre Kollegen attestieren ihm in dieser Hinsicht “mittelmäßige bis gute Fähigkeiten”. Noch kurz vor seinem Tod brachte der Gletschermann einige Teile seiner Ausrüstung frisch auf Vordermann, wie die Analysen zeigten – womöglich in Vorbereitung auf zeitnah anstehende Arbeiten. So schien Ötzi unter anderem vorgehabt zu haben, einen Bogen herzustellen. Darauf deutet ein Rohling aus Eibenholz hin, der bei der Mumie gefunden wurde.





