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Blutvergießen an der Tollense
Knapp 30 Jahre ist es her, dass an den Ufern der Tollense im heutigen Mecklenburg-Vorpommern ein pfeildurchbohrter Knochen gefunden wurde. In der Folgezeit trugen die Archäologen Überreste von etwa 140 Menschen zusammen. Die Untersuchungen ergaben: Sie sind etwa 3.300 Jahre alt. Doch was damals im Tollensetal…
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von DAVID NEUHÄUSER
Die Bronzezeit war eine bewegte Epoche. In Europa wuchs die Bevölkerung, die Hochkulturen im Mittelmeerraum blühten. Die der Zeit ihren Namen gebende Bronze verhalf den Menschen zu besseren Gerätschaften und Werkzeugen für Handwerk und Landwirtschaft, aber auch zu glänzendem Schmuck und gefährlichen Waffen.
Allerdings waren das für die Bronzeherstellung benötigte Kupfer und Zinn nicht überall verfügbar; speziell Zinn war selten. In Mittel- und Nordeuropa fanden sich zumindest kleinere Lagerstätten, doch im Süden mussten die Mykener, Hethiter oder Ägypter den Rohstoff importieren. Zinnbarren, die auf Kreta, in der Türkei und in Israel gefunden wurden, stammten beispielsweise aus dem englischen Cornwall, wie ein Forschungsteam um Ernst Pernicka und Daniel Berger von der Universität Heidelberg und dem Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie mittels Blei- und Zinn-Isotopie und Spurenelementanalyse nachweisen konnte.
Doch auch der Norden Europas benötigte Kupfer- und Zinnimporte, wie eine deutsch-dänische Studie von Forschern der Universität Aarhus mit Beteiligung von Ernst Pernicka zeigte. Die heimischen Quellen von Kupfererzen waren den Menschen im Skandinavien der Bronzezeit höchstwahrscheinlich noch nicht bekannt. Im Gebiet des heutigen Dänemark bezog man Kupfer vor allem aus den östlichen Alpen (Tirol und Salzburg), berichten die Forscher, und auch das slowakische Erzgebirge diente als Quelle. Der hohe Zinngehalt der untersuchten Äxte wies wieder nach Großbritannien.
Kupfer und Zinn waren demnach wichtige Handelsgüter der Bronzezeit – wie Gold, Glasperlen, Bernstein und viele andere Waren, die damals über ein gut ausgebautes Fernhandelsnetz teils über Tausende von Kilometern transportiert wurden. Und einer dieser Fernhandelswege führt durch das Tollensetal – dem Ort des ältesten bisher in Europa entdeckten Schlachtfeldes. Zufall?
Die Knochenfunde im Tollensetal
Ein reiner Zufall war zumindest der erste Fund am Fluss Tollense in Mecklenburg-Vorpommern. Bei einer Paddeltour im Jahr 1996 stieß der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Ronald Borgwardt auf einige menschliche Knochen und sah in ihnen zuerst Weltkriegsrelikte. Ein Oberarmknochen, in dem eine Pfeilspitze steckte, bereitete dieser ersten Überlegung jedoch ein Ende. Die Knochen waren sehr alt, und erste Testgrabungen, die weitere Knochen zu Tage förderten, legten nahe, dass Borgwardt im Tollensetal einem gewalttätigen Konflikt auf die Spur gekommen war, der tausende Jahre zurücklag. Bei großangelegten Ausgrabungen zwischen 2010 und 2016 erschloss sich den Archäologen ein bronzezeitliches Schlachtfeld entlang der Tollense mit einer Länge von ungefähr drei Kilometern. Bisher ist nur ein Teil ausgegraben, und es ist sehr wahrscheinlich, dass noch viele weitere Tote in der Erde liegen. Hochrechnungen lassen vermuten, dass hier mindestens einige Hundert, wenn nicht über Tausend Menschen gekämpft haben. Wer sie waren und warum es zu dieser gewaltsamen Auseinandersetzung kam, ist jedoch noch immer ein Rätsel.
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„Die Interpretation dieser Fundstellen ist nicht ganz einfach, wie wir inzwischen wissen“, so Detlef Jantzen, Landesarchäologe Mecklenburg-Vorpommerns. „Unbestritten ist natürlich, dass dort Gewalt in einer erheblichen Größenordnung stattgefunden hat. Wir können also momentan mit Sicherheit sagen, dass 140 bis 150 Menschen zu Tode gekommen sind. Das Problem ist allerdings, dass die Toten, die dort in der Fundschicht liegen, nach dem Ereignis offensichtlich sehr gründlich geplündert worden sind, das heißt sie haben keine persönliche Ausrüstung mehr; sie haben im Grunde nichts an sich, was uns zu den Körpern noch zusätzliche Informationen liefert. Die einzigen Fundstücke, die wir aus der Fundschicht ansonsten kennen, sind Pfeilspitzen, die in den Knochen oder in den Körpern gesteckt haben.“ Dazu kommen einige Schmuckstücke – Ringe, die unter Wasser gefunden wurden und die vielleicht von Toten stammen, die in den Fluss fielen.
Dass die Sieger der Schlacht oder die Verursacher des Massakers die Leichen fledderten, macht es den Forschern nicht leicht, den Hintergrund der Ereignisse zu entschlüsseln. Es gibt aber auch einige feststehende Tatsachen. Zum einen ist der Zeitpunkt bekannt: Was auch immer sich in der Bronzezeit im Tollensetal zutrug, geschah wohl irgendwann um 1250 v. Chr., das konnte mithilfe der Radiokarbonmethode ermittelt werden.
Knotenpunkt zweier Handelswege
Auch über den Schauplatz kann man einiges sagen: Die Tollense hatte in der Bronzezeit noch ein anderes Gesicht. Der Fluss war nicht so tief eingeschnitten, sondern deutlich flacher, und er verfügte über eine Vielzahl an Verzweigungen. Trotzdem konnten die Menschen ihn gut als Transportweg nutzen, dafür verwendeten sie flache Boote oder Flöße. Im Norden gab es über die Peene eine Verbindung zur Ostsee, und im Süden konnte man über den Tollensesee schnell die Havel erreichen, auch wenn man auf dieser Strecke ein kurzes Stück den Landweg benutzen musste.
„An der Stelle, an der sich der Konflikt abgespielt hat, können wir einen Damm sehen, der über die Niederung des Flusses führt“, erklärt Jantzen. „Das heißt, wir haben an dieser Stelle auch ein Landwegenetz, das eine beträchtliche Bedeutung gehabt haben muss – sonst hätte man sich nicht die Mühe gemacht, diesen Damm zu bauen. Hier ist also offensichtlich ein wichtiger Kreuzungspunkt gewesen.“ Jantzen vermutet, dass die Angreifer gezielt an dieser Stelle zuschlugen. Vielleicht wussten sie, wer dort über den Damm kommen würde; vielleicht lauerten sie an höher gelegener Stelle und rückten dann schnell zum Fluss hin vor.
Auch über die Toten weiß man inzwischen mehr. Auf der Basis von Strontiumisotopenanalysen kann man sagen, dass einige aus der Gegend kamen, also nicht allzu weit von ihren Geburtsorten entfernt starben. Andere stammten von weiter südlich, auch wenn in diesem Fall eine ganze Reihe von Regionen in Frage kommt – vom französischen Zentralmassiv über die deutschen Mittelgebirge bis nach Böhmen. Ein Toter mit besonders hohen Strontiumwerten kam mit relativ großer Sicherheit aus den gebirgigen Regionen Skandinaviens. Von der Frage abgesehen, wie es diesen Nordmann ins Tollensetal verschlug, ist besonders die Herkunft der Toten aus südlicheren Regionen der Ausgangspunkt möglicher Interpretationen des Gewalthergangs: Vermutlich standen auf der einen Seite Menschen aus der Region, auf der anderen Seite dagegen Fremde, die einen langen Weg zurückgelegt hatten.
Jantzen hält es für wahrscheinlich, dass die Fremden zu einer Karawane gehörten, die auf ihrer Route von Einheimischen überfallen und ausgeplündert wurde. Eine kriegerische Auseinandersetzung hält er für weniger wahrscheinlich. „Man kann nicht ohne weiteres behaupten, dass es sich bei den Getöteten um Krieger handelt. Die Belastungsmarker an den Skeletten und andere Faktoren deuten eher darauf hin, dass das Menschen waren, die über große Entfernungen gelaufen sind und Lasten getragen haben.“ In Verbindung mit dem Ort des Geschehens – die Kreuzung zweier Handelswege – könne man also annehmen, dass im Tollensetal Händler und ihr Gefolge überfallen wurden.
Kam es dort zum Kampf zwischen Wegelagerern auf der einen und den Mitgliedern einer Karawane auf der anderen Seite – einer Karawane, die wegen ihrer wertvollen Ware von einer bewaffneten Eskorte begleitet wurde?
Oder doch ein kriegerischer Feldzug?
Einige Wissenschaftler zweifeln jedoch an der Überfall-Theorie. Das Schlachtfeld ist dafür extrem groß und die Zahl der Toten sehr hoch. Waren es nicht doch zwei Heere, die hier aufeinandertrafen?
In Mitteleuropa nahm ab etwa 1300 v. Chr. die Urnenfelderkultur ihren Anfang, benannt nach der charakteristischen Urnenbestattung, die nun die Körperbestattung ablöste. Die kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen gingen vermutlich auch mit einer Häufung bewaffneter Auseinandersetzungen einher.
„Wir sehen das Auftreten verschiedener neuer Waffenformen“, so Leif Inselmann, Doktorand an der Freien Universität Berlin. „Zum Beispiel treten neue Schwert- und Lanzentypen auf und auch erstmalig metallene Rüstungsbestandteile wie Brustpanzer, Schilde und Helme. Das könnte darauf hindeuten, dass wir da eine zunehmende Professionalisierung des Kriegswesens sehen. Außerdem werden zu dieser Zeit verstärkt befestigte Siedlungen errichtet. Das heißt, zum einen gibt es offensichtlich Herrschaftsstrukturen, die die Ressourcen für solche umfangreichen Bauvorhaben aufbringen können, zum anderen haben wir unruhige Zeiten, die so etwas tatsächlich auch nötig machen.“
„Auch Inselmann glaubt, dass die Fremden mit kriegerischen Absichten in die Region kamen. Unter anderem macht er dies an einer 2024 erschienenen Studie fest, bei der er, gemeinsam mit seinen Kollegen, bronzezeitliche Pfeilspitzenfunde aus ganz Mitteleuropa kartiert hat. Das Ergebnis: Pfeilspitzen aus Bronze finden sich zur Zeit der Schlacht eher in südlicheren Regionen und tauchen im heutigen Mecklenburg-Vorpommern nur vereinzelt auf. Weiter nördlich finden sich in erster Linie Pfeilspitzen aus Feuerstein. Im Tollensetal starben Menschen nun allerdings sowohl durch Bronze- als auch durch Feuersteinpfeilspitzen. Vor allem aber sind dort mehrere Formen von Bronzepfeilspitzen bezeugt, die ansonsten im norddeutschen Raum überhaupt nicht vorkommen, sondern Parallelen eindeutig weiter südlich finden. Inselmann zufolge ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier zwei Heere aus unterschiedlichen Regionen aufeinandertrafen.
Die von einem oder mehreren Fürsten zusammengerufenen Männer, die gemeinsam zur Tollense zogen, müssten keineswegs ausgebildete und erprobte Krieger gewesen sein, um als solche zum Einsatz gekommen zu sein. „Das werden nicht unbedingt Berufssoldaten gewesen sein“, so Inselmann. „Allerdings sehen wir durchaus bei mehreren Skelettresten verheilte Verletzungen aus früheren Kämpfen.“
Jantzen dagegen kann mit den Schlussfolgerungen, die aus der Pfeilspitzenkartierung hervorgegangen sind, nicht viel anfangen. „Dass die einzelnen Typen in bestimmten Regionen besonders häufig vorkommen, ist vor allem ein Abbild dessen, was in der jeweiligen Region in den Boden gelangt ist. In manchen Gegenden war es zum Beispiel üblich, Pfeilspitzen mit in Gräber zu geben – dann hat man in dieser Region die Pfeilspitzen im Boden. Das sagt uns aber relativ wenig darüber, wo diese Pfeilspitzen tatsächlich in Umlauf gewesen sind.“
Auch anderes, was Archäologen inzwischen herausgefunden haben, lässt keine eindeutigen Interpretationen zu. Manche Verletzungsspuren der Getöteten deuten etwa darauf hin, dass die Angriffe von oben kamen, und es wurden auch Pferdeknochen gefunden. Das heißt, es waren berittene Kämpfer im Einsatz. Andererseits stammen manche der Knochen von Pferden, die zum Reiten noch zu jung waren. Sie wiederum hätten Lastenträger oder auch selbst eine Handelsware sein können.
Auch Frauen kamen damals im Tollensetal zu Tode. Die geborgenen Skelette ließen sich zwar mehrheitlich Männern im Alter zwischen 20 und 40 Jahren zuordnen, aber man fand auch zwei Skelette von Frauen. Doch auch das hilft nicht bei der Entscheidung zwischen Krieg und Überfall. Frauen hätten sowohl ein Heer als auch einen Handelszug begleiten können.
Zu viel liegt noch im Dunkeln
Eine der größten Schwierigkeiten bei der Bewertung dieser Theorien ist das fehlende Wissen über die politischen und sozialen Konstellationen in Mitteleuropa zur Zeit der Schlacht oder des Überfalls. Wäre es möglich gewesen, dass Bündnisse von Fürsten oder sogar einzelne Könige Feldzüge organisierten, die Kämpfer etwa aus Böhmen oder aus den deutschen Mittelgebirgen bis fast an die Ostsee führten? Kann man sich eine Invasion vorstellen, in deren Verlauf eine Schlacht im Tollensetal nur eine Schlacht von vielen war?
„Das Problem ist: Wir wissen kaum etwas über die sozialen Strukturen in dieser Zeit“, so Inselmann. „Wir wissen nicht, ob wir es da mit kleinen, lokalen Häuptlingen zu tun haben, von denen sich mehrere hätten zusammenschließen müssen, um eine so große Zahl an Truppen aufstellen zu können, ob wir vielleicht schon von größeren Machtstrukturen, gar von Königreichen sprechen können, oder ob es eher instabile Machtgefüge gab, wie etwa während der sogenannten Völkerwanderungszeit – eine Art Warlords, die mit Truppen von mehreren Tausend Mann durch die Gegend ziehen.“
Womöglich sind auch beide Denkrichtungen richtig, und ein strategisch aufgestelltes Heer hat hier eine große Handelskarawane erwartet, um für seinen Befehlshaber wichtige Rohstoffe zu sichern und wertvolle Beute zu machen, die seine Macht stärkt.
Unruhige Zeiten
Einen Anhaltspunkt dazu gibt vielleicht wieder der Metallhandel: Um die Zeit der Tollense-Schlacht wurden die Bronzegegenstände im Norden kleiner und leichter, was auf ein Problem mit dem Nachschub des Rohstoffs deuten könnte. Hatten die Händler Schwierigkeiten?
Im Jahr 1274 v. Chr. fand zwischen Ägyptern und Hethitern die Schlacht bei Kadesch statt. Den schriftlichen Quellen über diese Schlacht nach zu urteilen, war die bronzezeitliche Welt dort damals noch in Ordnung. Doch der östliche Mittelmeerraum stand vor großen Umwälzungen, die in kurzer Folge viele der mächtigen Reiche zum Einsturz brachten. Als Ursachen werden Naturkatastrophen wie Erdbeben angenommen, lange Trockenperioden könnten zu Fluchtbewegungen geführt haben, es werden Aufstände vermutet, und die geheimnisvollen „Seevölker“ verbreiteten Angst und Schrecken. Ob der Konflikt im Tollensetal noch vor diesen Ereignissen lag, oder schon die ersten Auswirkungen bis dorthin spürbar waren, lässt sich heute nicht sagen. Den Archäologen bleibt nur, auf weitere aufschlussreiche Funde zu hoffen. Doch alles, was wiederverwertet oder verkauft werden konnte, wurde wohl von den Überlebenden des Gemetzels mitgenommen. Nur, was ins hohe Gras oder ins Wasser fiel, blieb zurück. Seit einigen Jahren dürfen ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Metalldetektoren benutzen und stoßen immer wieder auf neues Material. Vielleicht kommt darüber noch Entscheidendes zutage.
So idyllisch die Landschaft auch ist, in der diese fortschreitende Suche stattfindet, sie kann hier nicht dargestellt werden; selbst eine genaue Beschreibung der Fundstelle macht das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege lieber nicht öffentlich. Zu groß ist das Risiko, dass sich private Schatzsucher in das Tollensetal begeben könnten, um zu graben. Abgesperrt ist hier nichts. Viele, die den Fluss entlang paddeln, machen sich keinen Begriff davon, was sich vor weit über drei Jahrtausenden an den Ufern abgespielt hat und welche Relikte der Fluss im Laufe der Zeit bereits mit sich in Richtung Norden getragen hat.
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