Im Rücken die Wüste, vor sich das Rote Meer, weit und breit keine andere Siedlung, weder Weide noch Acker – warum lebten vor 5500 Jahren Menschen in der Ödnis vom südlichsten Zipfel des heutigen Jordaniens? Archäologen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin präsentieren jetzt eine überraschende Antwort: Kupfer aus der Wüste für Brot aus Ägypten. Dr. Klaus Schmidt fand bei seiner diesjährigen Grabung auf dem Siedlungshügel Tall Hujayrat al-Ghuzlan nördlich der modernen Hafenstadt Aqaba die Zeugnisse einer regen Schmuck- und Kupferproduktion. Beides war nicht für den Eigengebrauch bestimmt, beides kennt Schmidt aus der so genannten Maadi-Kultur, die Unterägypten vor den Pharaonen prägte. Das Puzzlespiel beginnt: Die alten Ägypter hatten keine eigenen Kupfervorkommen, waren aber begierig auf das modische Material, dem man so viel mehr Formen abgewinnen konnte als Stein. Aus Maadi – heute überdeckt vom modernen Kairo – sind Kupferbarren bekannt, aber keinerlei Hinweise auf die Verhüttung des Erzes, also Schmelzen und Gießen, und die notwendigen Handwerkzeuge – Tiegel und Gussformen. Die grub Schmidt nun zahlreich aus seinem Siedlungshügel in der Wüste. Und: Die Gussformen entsprechen exakt den in Maadi gefundenen Barren. Auch die Kupferbeile und -nadeln an beiden Orten sind gleich. „Die Annahme von Handelsverbindungen ist fast zwingend”, resümiert der Prähistoriker zurückhaltend. „Sehr merkwürdig”, findet Schmidt die Funde beziehungsweise Nicht-Funde zur Ernährung der Menschen von Tall Hujayrat al-Ghuzlan: Die hatten viel Schaf, Ziege und Rind auf dem Speiseplan, aber keinen Fisch, keine Muscheln, Vögel und kaum Wild. „Wie aber wurde die Siedlung versorgt?”, fragt sich der Archäologe, denn der ständige Wassermangel erlaubte keinerlei ernährungssichernde Landwirtschaft. Sein Fazit: Es war „ keine dörfliche Siedlung, sondern vielmehr ein auf die Herstellung von Kupfergeräten spezialisierter, hierarchisch organisierter Ort”. Der wichtigste Standortfaktor dieses Ortes hieß: „Kupferexport nach und Nahrungsimport aus Ägypten”. Der Seeweg betrug maximal zwei Tage – da verdirbt kein Brot.
Hans Groth





