Wie haben die alten Ägypter das bloß geschafft, die riesigen Steine so hoch hinauf zu bringen? Eine häufig gestellte Frage von Touristen vor den Pyramiden von Gizeh. Besonders die größte von ihnen, die des Pharaos Cheops, lässt nicht nur Besucher staunen, sondern reizt auch die Fachleute, eine Lösung dieses Rätsels zu finden. Es gibt viele Vorschläge, wie ein so gigantisches Projekt realisiert werden konnte. Sie reichen von gewaltigen Rampen aus Steinen, Schutt und Nilschlamm, auf denen alle Blöcke hochgezogen wurden, bis zu raffinierten Hebegestellen, Rollen-Fahrzeugen und Flaschenzügen. Eine der jüngsten Ideen stammt von dem französischen Architekten Jean-Pierre Houdin: Für das erste Drittel der Bauhöhe sollen die Blöcke – wie bei fast allen anderen Vorschlägen auch – über eine äußere Rampe hochgezogen worden sein. Danach ging es – und das ist neu – ins Innere: durch Tunnel parallel zur Außenwand. Außerdem hat Houdin für die berühmte „Große Galerie”, den Zugangsweg zur Grabkammer, eine praktische Erklärung: Sie diente, wie auch weitere steile Röhren im tiefen Inneren, als Laufschacht für Gegengewichte, mit denen die Steinblöcke leichter hochgezogen werden konnten. Die Verbindung zwischen Stein und Gegengewicht waren Seile, die über Rollen entsprechend umgelenkt wurden. „Alle Tunnel sind heute noch da”, ist Houdin überzeugt. „Man muss nur nachschauen.” Doch das würde erhebliche zerstörerische Eingriffe erfordern, und dagegen sträuben sich natürlich die Ägyptologen. Bei ihnen stieß Houdins Vorschlag durchaus auf Interesse, auch wenn sie ihn nicht für der Weisheit letzten Schluss halten. Doch Joachim F. Quack, Leiter des Ägyptologischen Instituts an der Universität Heidelberg, bleibt skeptisch: „Mit welchen technischen Methoden die Pyramiden errichtet wurden, dazu gibt es leider keinerlei Textquellen. Hinweise würden sich vielleicht im Inneren der Pyramide finden: Man müsste dort gründlich nach Spuren von Holzschienen oder Schächten suchen, wie sie Houdin vermutet.”
Und er ergänzt: „Auch der kleine Fahrzeug-Roboter, der vor wenigen Jahren Furore in den Medien machte, rollte nur durch bekannte kleine Schächte. Er hat nichts dazu beigetragen, eine Entscheidung über die Bautechnik zu treffen.” Der Fahrzeug-Roboter hatte im September 2002 für die „Nacht der Pyramiden” allein in Deutschland 770 000 Zuschauer stundenlang vor die Fernseher gelockt, als er sich langsam durch den Schacht schob. Doch die angekündigte Sensation, das Pyramidenrätsel endlich zu lösen, blieb aus: Ein massiver Stein setzte der nächtlichen Roboterfahrt ein Ende.
Hart – Aber Keine Sklavenarbeit
Auch Schafik Allam, Professor am Ägyptologischen Institut der Universität Tübingen, beurteilt die Bau-Ideen zurückhaltend: „Wie die Ägypter die technischen Probleme meisterten, haben sie leider nirgends notiert. Vorschläge dazu kommen übrigens weniger von den Ägyptologen, die meist keine Techniker oder Architekten sind, sondern eher von Spezialisten aus dem Bauwesen.” Mit dem Thema hat sich auch Erhart Gräfe vom Institut für Ägyptologie und Koptologie der Universität Münster befasst. Er geht von einem stufenförmigen inneren Aufbau aus, der tief unter der endgültigen äußeren Verkleidung mit den geglätteten Tura-Kalksteinen verborgen ist. Gräfe ist überzeugt: Die Stufen boten genug Platz, um auf ihnen leicht ansteigende Treppen zu bauen, über die die schweren Blöcke hochgehebelt werden konnten. Der Vorteil dieser Stufen-Methode gegenüber den Rampen: Man muss vor dem Aufbringen der endgültigen äußeren Schicht nichts wegräumen. Stufen und Treppen sind ja schon Teil des Pyramidenkerns. Sie können bleiben, wo sie sind.
Der Ägyptologe José Lull von der Universidad Politècnica im spanischen Valencia vertritt dagegen die Rampen-These: „Wir können ziemlich sicher sein, dass die Ägypter Baurampen an der Pyramide benutzt haben – eine spiralförmige Rampe oder eine Reihe von kleineren, senkrecht auf den Baukörper zulaufenden Rampen. Man hat Reste solcher Rampen zum Beispiel bei der Pyramide in Sinki gefunden. Außerdem haben die alten Ägypter Hebel benutzt. Sie kannten jedoch, soweit wir wissen, nicht den Flaschenzug.” Dass die Ägypter schwere Lasten per Schlitten transportierten, belegt ein Wandbild aus dem Grab des Djehutihetep in El-Berscha: 172 Männer ziehen darauf eine große Statue – vermutlich über 50 Tonnen schwer – mit Seilen. Die Statue ruht auf einem Schlitten, und ein Mann gießt Wasser vor die Kufen, um die Gleitfähigkeit auf dem Nilschlamm zu erhöhen.
Schafik Allam findet etwas anderes viel spannender als die Bautechnik: „Wie hat man die vielen Arbeiter, 20 000 oder mehr, an einem so gewaltigen Bauwerk geführt, untergebracht, ernährt und medizinisch betreut? Die Organisation, die Verwaltung und Logistik für ein so gigantisches Vorhaben – das sind die Probleme, die ich wichtig finde.” Die Arbeiter waren keine Sklaven, davon ist Allam überzeugt. Sie dienten ihrem Herrn nicht als ihrem Eigentümer, wie es etwa in Rom üblich war. Den Pharao, dessen Grabmal sie schufen, verehrten sie vielmehr als gottähnliches Wesen. „Für sein Weiterleben nach dem Tode zu sorgen, war eine Art gottesdienstliches Tun”, erklärt der Tübinger Wissenschaftler. „Es war für sie eine ehrenvolle Aufgabe, beim König zu arbeiten. Es gab kein Murren und erst recht keine Aufstände.” Das weiß Schafik Allam aus Texten über den Alltag der Ägypter.
Möglich, dass einer von den vielen Vorschlägen zum Pyramidenbau zutrifft. Wir wissen es nicht. Die bisherigen Methoden reichen nicht aus, um etwa die Spuren früherer Schächte aufzuzeichnen. Vielleicht erfahren wir eines Tages mehr durch ein neues zerstörungsfreies Verfahren, mit dem man tiefer ins Gestein blicken kann. Bis dahin können wir nur weiter staunen. ■
von Wolfram Knapp





