Das weltbekannte Mausoleum des Ersten Kaisers Qin Shihuang (221 bis 206 v. Chr.) mit seiner spektakulären, nach Tausenden zählenden Terrakotta-Armee liegt ebenso in dieser “Landschaft zwischen den Pässen” (Guanzhong) wie die tönerne Untergrund-Armee des Kaisers Jingdi (157 bis 141 v. Chr.). Die Soldateska des brutalen Reichseinigers Qin Shihuang steht lebensgroß bereit zum letzten Gefecht, die Gardisten des Jingdi sind nur 60 Zentimeter hoch, armlos und lächeln.
In gebührendem Abstand von den kaiserlichen Grabmonumenten ließen sich hohe Beamte, Militärs und Adlige mit Prunk und den nachlebenswichtigen Beigaben beerdigen. Die Ebene um Xi´an ist eine riesige Nekropole mit Hunderten von Renommier-Gräbern, aus denen die Archäologen immer wieder Schätze und neue Erkenntnisse heben. Die Manie der Machtdarstellung selbst bei untergeordneten Hierarchien nahm offenbar solche Formen an, daß regulierende Erlasse nötig wurden: Einem Beamten dritten Grades waren zur Zeit des Kaisers Xuanzong (712 bis 756 n. Chr.) 90 Grabbeigaben, sogenannte mingqi, genehmigt, ein Staatsdiener neunten Grades kam nur auf 40 tönerne Nachbildungen von Menschen, Hausrat, Tieren und Wagen. Mit den immensen Funden, die sie aus solchen Gräbern auch heute noch bergen, widerlegen die Archäologen allerdings, daß die restriktiven Anordnungen eingehalten wurden.
Ein Glück für die Altertumsforscher, denn die reichhaltige Erbschaft aus den Grüften erhellt sowohl das höfische und militärische als auch das private Leben des antiken China. Die Gräber geben der archäologischen Arbeit in China den speziellen Reiz: Bestätigen oder widersprechen sich schriftliche Quellen und archäologische Befunde?
Wie wichtig auch der nicht-kaiserlichen Oberschicht die standesgemäße Ausstattung für ihr Nachleben war, illustrieren die Ausstattung der Grabkammern und die bizarren Beigaben. Ressourcen spielten offenbar keine Rolle, und der Phantasie von Auftraggebern und Kunsthandwerkern waren kaum Grenzen gesetzt. Aus den Gräbern von Kronprinzen und Konkubinen bargen die Archäologen zum Beispiel: – springlebendige, großformatige Wandmalereien über Jagd, Kämpfe und höfisches Leben, – ein- bis dreifach glasierte Gefäße und Figuren von dahinstürmenden oder gesattelten Pferden mit Dienern und Kriegern, – ziselierte, 90 Zentimeter hohe Architekturmodelle von dreistöckigen Wachtürmen mit Bogenschützen und – komplette Keramiklandschaften mit Berg, See und Getier.
Den Höhepunkt chinesischen Selbstbewußtseins bildete die – oft verklärte – Tang-Zeit. Zweifellos hat diese Kaiser-Dynastie in ihrer fast 300jährigen Herrschaft (618 bis 907 n. Chr.) entscheidende Wegmarken in der chinesischen Geschichte und Kultur gesetzt. Die erneute Reichseinigung hatte zwar schon unter der Sui-Dynastie (581 bis 618 n. Chr.) begonnen. Doch erst die folgenden Tang-Regenten profitierten davon.
Eine der Jahrhundertaufgaben ist die Freilegung und Erforschung der Tang-zeitlichen Kaisermausoleen. Außer einer Notgrabung ist noch keines geöffnet worden. Auch die grandiosen Tonarmeen von Qin Shihuang und Jingdi liegen im Vorfeld der kaiserlichen Grabanlagen. Die Vorarbeiten für die Öffnung der Gräber leisten – neben einheimischen Wissenschaftlern – die Experten des RGZM mit Fachleuten für Geoinformatik und Vermessung der Fachhochschule Mainz.
Wie es darinnen aussieht, könnten nur die Rebellen und Grabräuber berichten, die den “Annalen” zufolge nach der Tang-Zeit die Mausoleen heimsuchten. Präzise Angaben über Zerstörungen gibt es allerdings nicht. Deshalb hofft Alexander Koch ziemlich zuversichtlich, “daß die Verwüstungen nicht allzu groß sind”. Die Öffnung des ersten Kaisergrabes wird so spannend wie einst die Mondlandung.





