Kaiser Wudi regierte 18 Jahre. Er saß damit länger auf dem Thron als alle anderen Potentaten der “Nördlichen Zhou-Dynastie”, die in rund 25 Jahren fünf Kaiser verschliß. Wudi starb, so die Chroniken, 578 n. Chr. Wo jedoch sein Leichnam für das ewige Weiterleben gebettet wurde, ist nirgends verzeichnet. Sollte er geschichtlich ausgetilgt werden?
“Wir wissen es nicht”, sagt Dr. Alexander Koch. Das Grab des chinesischen Kaisers hat man inzwischen – zufällig – gefunden, für den Archäologen vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGMZ), Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte in Mainz tauchen damit eher noch mehr Fragen auf: Das Mausoleum wurde zwar mehrfach geplündert, Schmuck und andere Edelmetallgegenstände fehlen weitgehend, doch archäologisch Wertvolles hatten die Räuber liegen lassen: Eisennägel deuten auf Möbelstücke hin, ein Dolch mit typisch chinesischem Griff, aber europäisch-asiatischen Scheidenbeschlägen belegt Beziehungen weit nach Westen. Hunderte kleine tönerne Figuren, Gürtel mit Zierbeschlägen, Reste von lackiertem Holz und verschiedene Eisenteile rätselhafter Funktion ergänzen das archäologische Grabinventar. “Alles kunsthandwerklich solide Arbeit”, urteilt Koch, “aber nicht Spitze.” Das benachbarte Grab eines im gleichen Jahr verstorbenen Aristokraten ist erheblich reicher ausgestattet. Hatte Kaiser Wudi noch ein anderes, “richtiges” Grab?
Die Fundstücke aus der Wudi-Bestattung lagern derzeit – mit ihrer näheren Umgebung en bloc eingegipst – in den von den Mainzern eingerichteten Restaurierungswerkstätten des Archäologischen Instituts der Provinz Shaanxi im zentralchinesischen Xi´an. Mit feinsten Geräten werden die – durch Röntgenaufnahmen lokalisierten – Hinterlassenschaften von Wudi aus den Gipsblöcken herauspräpariert, eine Arbeit, die mindestens zwei Jahre dauert, sie wird voraussichtlich in diesem Jahr abgeschlossen. Die intensive deutsch-chinesische Zusammenarbeit besteht seit rund acht Jahren, das Bundesforschungsministerium steuert erhebliche Gelder bei.
Die Mainzer Wissenschaftler werten es als großen Vertrauensbeweis, daß sie von den chinesischen Archäologen zu Hilfe gerufen wurden, als diese das Wudi-Grab entdeckten. Denn die Pole “Ausländer und Kaisergräber” verbindet man in China ungern. Die Kaisergräber zählen zu den höchsten nationalen Kulturdenkmalen und die Erfahrungen sind hauptsächlich negativ: Die frühen Entdecker und die späteren Kolonisatoren meist aus Europa haben sich – vor allem entlang der legendären Seidenstraßen – allzu schamlos aus dem chinesischen Kulturerbe bedient.
Koch verbringt seit 1993 mehrere Monate pro Jahr in Xi´an. Das Wudi-Grab und dessen wissenschaftliche Bearbeitung sind nur ein Aspekt seiner Kulturstudien im Fernen Osten. Xi´an bietet sich als Standort an: Die lößbedeckte, flußreiche Ebene um die Stadt war überaus fruchtbar und ist seit der Steinzeit besiedelt.
Da die heutige Metropole der Provinz Shaanxi rund einem Dutzend chinesischer Kaiser-Dynastien als Residenzstadt diente, war sie auch ein prägendes Zentrum chinesischer Kulturentwicklung. Nördlich der Stadt, damals Chang´an genannt, jenseits des Wei-Flusses sorgten die absolutistischen Herrscher und ihr Hofstaat für ihr Nachleben – mit bombastischen Grabanlagen, die den ägyptischen Pyramiden in nichts nachstehen. Gleich einer 150 Kilometer langen Perlenschnur reihen sich allein 18 Monumentalgräber der Tang-Dynastie entlang des Bergmassivs im Norden, für 14 von ihnen sind die Berge von Menschenhand ausgebaggert worden. Für andere wurden künstliche Berge aufgetürmt.
Das weltbekannte Mausoleum des Ersten Kaisers Qin Shihuang (221 bis 206 v. Chr.) mit seiner spektakulären, nach Tausenden zählenden Terrakotta-Armee liegt ebenso in dieser “Landschaft zwischen den Pässen” (Guanzhong) wie die tönerne Untergrund-Armee des Kaisers Jingdi (157 bis 141 v. Chr.). Die Soldateska des brutalen Reichseinigers Qin Shihuang steht lebensgroß bereit zum letzten Gefecht, die Gardisten des Jingdi sind nur 60 Zentimeter hoch, armlos und lächeln.
In gebührendem Abstand von den kaiserlichen Grabmonumenten ließen sich hohe Beamte, Militärs und Adlige mit Prunk und den nachlebenswichtigen Beigaben beerdigen. Die Ebene um Xi´an ist eine riesige Nekropole mit Hunderten von Renommier-Gräbern, aus denen die Archäologen immer wieder Schätze und neue Erkenntnisse heben.
Die Manie der Machtdarstellung selbst bei untergeordneten Hierarchien nahm offenbar solche Formen an, daß regulierende Erlasse nötig wurden: Einem Beamten dritten Grades waren zur Zeit des Kaisers Xuanzong (712 bis 756 n. Chr.) 90 Grabbeigaben, sogenannte mingqi, genehmigt, ein Staatsdiener neunten Grades kam nur auf 40 tönerne Nachbildungen von Menschen, Hausrat, Tieren und Wagen. Mit den immensen Funden, die sie aus solchen Gräbern auch heute noch bergen, widerlegen die Archäologen allerdings, daß die restriktiven Anordnungen eingehalten wurden.
Ein Glück für die Altertumsforscher, denn die reichhaltige Erbschaft aus den Grüften erhellt sowohl das höfische und militärische als auch das private Leben des antiken China. Die Gräber geben der archäologischen Arbeit in China den speziellen Reiz: Bestätigen oder widersprechen sich schriftliche Quellen und archäologische Befunde?
Wie wichtig auch der nicht-kaiserlichen Oberschicht die standesgemäße Ausstattung für ihr Nachleben war, illustrieren die Ausstattung der Grabkammern und die bizarren Beigaben. Ressourcen spielten offenbar keine Rolle, und der Phantasie von Auftraggebern und Kunsthandwerkern waren kaum Grenzen gesetzt. Aus den Gräbern von Kronprinzen und Konkubinen bargen die Archäologen zum Beispiel:
springlebendige, großformatige Wandmalereien über Jagd, Kämpfe und höfisches Leben, ein- bis dreifach glasierte Gefäße und Figuren von dahinstürmenden oder gesattelten Pferden mit Dienern und Kriegern, ziselierte, 90 Zentimeter hohe Architekturmodelle von dreistöckigen Wachtürmen mit Bogenschützen und komplette Keramiklandschaften mit Berg, See und Getier.
Den Höhepunkt chinesischen Selbstbewußtseins bildete die – oft verklärte – Tang-Zeit. Zweifellos hat diese Kaiser-Dynastie in ihrer fast 300jährigen Herrschaft (618 bis 907 n. Chr.) entscheidende Wegmarken in der chinesischen Geschichte und Kultur gesetzt. Die erneute Reichseinigung hatte zwar schon unter der Sui-Dynastie (581 bis 618 n. Chr.) begonnen. Doch erst die folgenden Tang-Regenten profitierten davon.
Der Beginn war gewalttätig: Gegen den letzten Sui-Herrscher rebellierte nicht nur das – durch Fronarbeit und Steuerlast ausgepowerte – Volk, sondern auch die ebenfalls zur Kasse gebetene Aristokratie.
Ein Provinzfürst, Li Yuan, übernahm die Macht, wurde jedoch bald von seinem zweiten Sohn, Li Shimin, in Rente geschickt. Der beseitigte vorsichtshalber und eigenhändig seinen älteren Bruder, den rechtmäßigen Thronfolger, sowie weitere Familienmitglieder.
Er wurde von den Geschichtsschreibern dennoch als weiser Herrscher verewigt. Tatsächlich schuf er Stabilität und eine funktionierende Verwaltung, was den inneren Frieden, und damit Prosperität und ethnischen Konsens, förderte. Seine Nachfolger dehnten das Herrschafts- und Einflußgebiet kurzzeitig zu seiner nie wieder erreichten Größe aus – von Vietnam über Korea, weit nach Rußland bis zum Aralsee, Kasachstan und Afghanistan. Neben Diplomaten aus Korea und Japan kamen Gesandtschaften aus Mittelasien und dem persischen Sassanidenreich über die Seidenstraße, an den kaiserlichen Hof nach Chang´an.
Die Öffnung für Fremdländisches, religiöse Toleranz, Kunstsinn und ein ganz unchinesisch überbordendes Lebensgefühl machten das Tang-Reich zu einem Versuchslabor für fremde Formen, Techniken, Materialien, Gebräuche und neue Ideen. Lebensart, Musik und Literatur nahmen die Anregungen auf und formten daraus mit der eigenen Tradition aufregend Neues. Chang´an war eine multikulturelle Zwei-Millionenstadt. Alle Welt huldigte dem Reich der Mitte – “Chinas Goldenes Zeitalter” lebt, zumindest als Mythos, bis heute fort.
Unter den religiösen Ideen, die über die Seidenstraßen ins Land kamen, waren neben dem Judentum das nestorianische Christentum, der Zoroastrismus, der Manichäismus und der Buddhismus.
Der Förderung durch die Tang-Kaiser verdankt der Buddhismus seine Verbreitung im Reich der Mitte. Mit seiner Erlösungslehre und praktischen Lebensanweisungen kam er zudem dem unterprivilegierten Volk entgegen. Riesige Tempelanlagen und unzählige Buddha-Statuen künden noch heute vom kultischen, kulturellen und wirtschaftlichen Einfluß der Lehre aus Indien.
Rund 150 Jahre blühte das Reich in Glanz und Gloria, unangefochten als politisches wie kulturelles Zentrum der halben damaligen Welt. Rom war längst untergegangen. Es folgte 755 n. Chr. ein Einbruch in die Erfolgsgeschichte der Dynastie nach dem immer wiederkehrenden Muster: Alternder Kaiser verfällt schöner Konkubine, die ihren “Vertrauten” zur Rebellion anstiftet. Der Aufstand wurde erst nach zwei Jahren mit Hilfe “barbarischer” Streitkräfte wie Uiguren, Türken und Tibetern niedergeschlagen, der Niedergang der glorreichen Tang-Dynastie war eingeläutet.
Was blieb, sind die oft unzuverlässigen “Annalen” – und die noch immer unüberschaubaren archäologischen Hinterlassenschaften des Mythos vom “Goldenen Zeitalter”. Der über 1000jährige Schleier wird erst jetzt an einigen Stellen durchsichtig. Und schon müssen die Archäologen sich sputen, damit sie das darunterliegende Geheimnis fassen, bevor es für immer verschwindet – eingeebnet durch die Landwirtschaft, planiert durch Infrastrukturmaßnahmen wie Flughafen- und Straßenbau, verwittert durch den sauren Regen, verstreut und verkauft durch Schatzräuber.
Die Volksrepublik China bemüht sich nachdrücklich um Erfassung und Erhalt des überreichen kulturellen Erbes. Die politische Öffnung der letzten Jahre ermöglichte die Zusammenarbeit mit ausländischen Experten. Gut ausgebildete einheimische Mitarbeiter fehlen trotz aller Bemühungen und Ausbildung an allen Ecken und Enden, Geld ebenso. Sponsoring ausländischer Industriefirmen verbietet das chinesische Selbstbewußtsein.
Die Erwartungen von Fachwelt und Provinzregenten, die auf touristische Erschließung hoffen, sind gewaltig. In einem größeren Rahmen betrachtet, bietet zudem die Auflösung der Sowjetunion bislang undenkbare Chancen zur Erforschung euro-asiatischer Zusammenhänge.
Denn jetzt kann man Dinge zusammenführen, die dem punktuell arbeitenden Forscher verborgen bleiben mußten. China und seine westlichen Nachbarn werden das Eldorado der Archäologen für die nächsten 100 Jahre.
Eine der Jahrhundertaufgaben ist die Freilegung und Erforschung der Tang-zeitlichen Kaisermausoleen. Außer einer Notgrabung ist noch keines geöffnet worden. Auch die grandiosen Tonarmeen von Qin Shihuang und Jingdi liegen im Vorfeld der kaiserlichen Grabanlagen. Die Vorarbeiten für die Öffnung der Gräber leisten – neben einheimischen Wissenschaftlern – die Experten des RGZM mit Fachleuten für Geoinformatik und Vermessung der Fachhochschule Mainz. “Dokumentation des Bestehenden und im Gelände noch Sichtbaren” heißt die Pflichtübung.
Auch dabei gerät Monumentales ins reale oder geistige Blickfeld: Der letzte Weg eines Tang-Kaisers beginnt an einem häufig 600 Meter langen, anfangs 200 Meter breiten “Seelenweg”, flankiert von Ehrentürmen, denen neun Meter hohe Ehrensäulen folgen. Danach reihen sich beidseits der Straße paarweise: Fabelwesen, Skulpturen lebensgroßer gesattelter Pferde und bis fünf Meter große steinerne Militärs mit Schwert und Beamte mit Memo-Tafel.
Die Lößhügel-Landschaft bei Xi´an ist seit je geprägt durch tiefe Schluchten und künstliche Terrassen für die optimale Nutzung der Böden. Unten ein steinerner Tang-Beamter als Grabhüter.
Den immer im Süden liegenden Haupteingang zum inneren Grabareal, das einen bis zu 1000 Meter hohen Berg einschließt und bei manchen Gräbern zehn Quadratkilometer umfaßt, überwachen zwei 15 Meter hohe dreitorige Türme aus gestampftem Lehm. Inschriftenstelen, soweit noch vorhanden, künden von den Taten des Verstorbenen, Skulpturen, vor allem übergroße Löwen, dräuen als grimme Wächter vor den insgesamt vier Toren. Ein heute oft kaum mehr sichtbarer Weg führt dahinter auf halbe Berghöhe, wo die Eingangsrampe zur eigentlichen Gruft beginnt.
Wie es darinnen aussieht, könnten nur die Rebellen und Grabräuber berichten, die den “Annalen” zufolge nach der Tang-Zeit die Mausoleen heimsuchten. Präzise Angaben über Zerstörungen gibt es allerdings nicht. Deshalb hofft Alexander Koch ziemlich zuversichtlich, “daß die Verwüstungen nicht allzu groß sind”.
Die Öffnung des ersten Kaisergrabes wird so spannend wie einst die Mondlandung. Das einschüchternde Protz- und Prunkgehabe Tang-zeitlicher Kaisergräber sollte die Erhabenheit, Macht und Stärke des verstorbenen Herrschers manifestieren. Allerdings, so Kulturforscher Koch: “Anspruch und Wirklichkeit entsprachen einander nicht immer.” Den Anspruch kann Koch aus den archäologischen Hinterlassenschaften ablesen.
Die Wirklichkeit schildern die offiziösen “Annalen”, die im alten China reichsweit und regional geführt und ständig fortgeschrieben (und gefälscht) wurden. Die Chroniken berichten zum Beispiel von sehr turbulenten und teilweise recht kurzen Regierungszeiten der Kaiser, die im Qiaoling, Jingling, Guangling und Tailing bestattet sind. Diese vier anspruchsvollen Grabanlagen im Norden der Xi´an-Ebene haben die Mainzer vermessen und dokumentiert.
Kaiser Ruizong, bestattet im Qiaoling, regierte nach den Annalen nur wenige Jahre, sein Mausoleum rückt ihn jedoch in die Reihe der ganz Großen und sichert ihm Nachruhm – ganz im Gegensatz zu Kaiser Wudi, der 18 Jahre regierte und dessen Grab nirgends verzeichnet ist.
bdw-Leserreise…
Für das nächste Frühjahr bereiten wir eine Reise für unsere Leser nach China vor. Die Dinge, “die man gesehen haben muß”, werden dabei ebenso auf dem Programm stehen wie Land und Leute. Die Schwerpunkte haben wir jedoch auf archäologisch-kulturgeschichtliche Themen gesetzt – von den Kaisergräbern bis zu den buddhistischen Grotten, von Peking bis an die innerasiatische Westgrenze. Die Begleitung durch deutsche, in China arbeitende Wissenschaftler sichert uns Einblick auch in aktuelle Grabungen. Näheres erfahren Sie in einem der kommenden Hefte.
Michael Zick





