Die Bestattung von Toten und die damit verknüpften Rituale und Traditionen sind ein wichtiger Teil unserer menschlichen Kultur. Funde in Höhlen vor allem im Nahen Osten legen nahe, dass die Neandertaler schon vor rund 120.000 Jahren ihre Toten begruben. Auch die ersten Vertreter des Homo sapiens in Eurasien bestatteten ihre Verstorbenen. Doch ausgerechnet in Afrika, dem Heimatkontinent unserer Spezies, sind frühe Bestattungen extrem rar und oft nicht eindeutig nachweisbar. Obwohl der Homo sapiens dort vor mehr als 300.000 Jahren entstand und die ersten modernen Verhaltensweisen und Fertigkeiten entwickelte, ist daher nicht klar, wann er begann, seine Toten zu bestatten. Mögliche Zeugnisse dafür sind die rund 74.000 Jahre alten Überreste eines Kindes in einer südafrikanischen Höhle sowie 69.000 Jahre alte Kinderknochen in einer Feuersteingrube in Ägypten. Ansonsten gibt es nur eine Handvoll von Funden, die auf eine mögliche Entbeinung von Toten oder andere nachträgliche Behandlungen hindeuten.
78.000 Jahre alte Knochen eines toten Kindes
Jetzt hat ein Forschungsteam um María Martinón-Torres vom Nationalen Forschungszentrum für menschliche Evolution (CENIEH) im spanischen Burgos in Ostafrika das bislang früheste eindeutige Beispiel für eine Bestattung in Afrika entdeckt. Fundort ist die Höhle Panga ya Saidi nahe der kenianischen Küste. In ihr haben Forscher bereits zahlreiche Spuren einer Besiedlung durch den Homo sapiens gefunden. “Als wir Panga ya Saidi zum ersten Mal besuchten, wussten wir sofort, dass diese Stätte etwas ganz Besonderes ist”, sagt Co-Autorin Nicole Boivin vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. „Wiederholte Ausgrabungen haben mittlerweile dazu beigetragen, sie als Schlüsselstätte für die ostafrikanische Küste zu etablieren, mit einer außergewöhnlichen, einen Zeitraum von 78.000 Jahren umfassenden archäologischen Aufzeichnung von frühen menschlichen kulturellen, technologischen und symbolischen Aktivitäten.”
Im Jahr 2013 stießen Wissenschaftler bei Ausgrabungen in der Höhle auf erste Hinweise menschlicher Knochen, 2017 legten sie dann etwa drei Meter unter dem heutigen Höhlenboden eine kleine Grube frei, in denen weitere eng zusammengedrängte, stark zersetzte Knochen lagen. “Zu diesem Zeitpunkt waren wir nicht sicher, was wir gefunden hatten. Und die Knochen waren einfach zu empfindlich, um sie vor Ort zu untersuchen”, erklärt Co-Autor Emmanuel Ndiema von den Nationalmuseen von Kenia. Deshalb gipste das Team den gesamten Fund ein und transportierten ihn zur näheren Analyse ins Labor. “Wir begannen, Teile des Schädels und des Gesichts freizulegen, einschließlich des Unterkiefers mit einigen nicht durchgebrochenen Zähnen und der Verbindung zum Oberkiefer”, berichtet Martinón-Torres. Aus den anatomischen Merkmalen der Knochen schließen sie und ihr Team, dass es sich um die Überreste eines zweieinhalb- bis dreijährigen menschlichen Kindes handelt. Der Fund erhielt deshalb den Spitznamen “Mtoto” – Suaheli für Kind. Die Wissenschaftler datieren die Überreste auf ein Alter von 78.000 Jahren.





