von DAVID NEUHÄUSER
In der Jungsteinzeit breitete sich von Anatolien kommend die sogenannte Linearbandkeramische Kultur (LBK) über Europa aus. Ihre Vertreter waren die ersten Bauern des Kontinents, und ihre Siedlungen zeichneten sich durch vielfältige Innovationen aus: neben der Einführung von Ackerbau und Viehhaltung auch durch eine dichtere Siedlungsweise, weiterentwickelte Werkzeugherstellung und die charakteristische Keramik mit Bandmustern, die der LBK ihren Namen gab.
Das Leben der Bauern war über weite Zeiträume friedlich. Auch wenn es bereits recht große Siedlungen gab und sich die LBK über weite Teile Europas ausbreitete, existierten noch keine Kriegswaffen wie Schwerter oder Schilde, die auf eine Professionalisierung von Kampfhandlungen hindeuten würden. Noch gab es wohl keine starken Anreize, sich gegenseitig Land und Ressourcen streitig zu machen, und lange waren Forscher versucht, sich die Gesellschaft der Bandkeramiker als gewaltfreies Utopia vorzustellen.
1983 jedoch wurde im baden-württembergischen Talheim eine Grube mit menschlichen Skeletten gefunden – die sterblichen Überreste von 34 Männern, Frauen und Kindern, die 7.000 Jahre zuvor massakriert worden waren. Weitere Funde folgten: in Asparn/Schletz (Niederösterreich), Herxheim (Rheinland-Pfalz), Kilianstädten (Hessen), Halberstadt (Sachsen-Anhalt). Überall stießen die Forscher auf Massengräber, und alle waren im Verlauf weniger Jahrzehnte, vielleicht sogar binnen weniger Jahre entstanden – irgendwann zwischen 5100 und 5000 v. Chr., einem Zeitraum, in dem sich die Kultur der Bandkeramiker ihrem Ende zuneigte. Die Hypothese, ein Krieg oder eine Reihe von Kriegen hätte das Ende der LBK eingeleitet, kam auf.
Massengrab mit kopflosen Skeletten
Eine Studie zu den laufenden Ausgrabungsarbeiten in Vráble (Slowakei) macht nun deutlich, dass es sich lohnt, Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Fundorte genauer zu betrachten. Die Bandkeramiker-Siedlung von Vráble ist eine der größten, die bislang gefunden wurden – wenn nicht sogar die größte. Sie umfasste mindestens 312 Häuser, unterteilt in drei separate Bezirke. Der südwestliche war von einer 1,3 Kilometer langen Umfriedung umgeben, bestehend aus einem Doppelgraben und einem Wall mit einer Palisade.
Die Forscher hatten bereits viel Zeit damit verbracht, die Überreste der Häuser auszugraben, als sie sich schließlich dem Graben zuwandten. Doch hier erwartete sie eine Überraschung. Was sie fanden, waren Spuren massiver Gewalt: Männer, Frauen und Kinder – allesamt ohne Kopf. Bislang sind fast 100 Tote gefunden worden, und noch ist ein Ende nicht absehbar.
„Nach dem Säubern der Knochen im Labor hat sich gezeigt, dass an den meisten der oberen Wirbel, die noch da waren, Schnittspuren zu sehen sind, die von scharfen Gegenständen herrühren“, berichtet Hauptautor Martin Furholt von der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel und erklärt: „Den Leuten wurde nicht der Kopf abgehackt, sie wurden nicht bei lebendigem Leibe geköpft, sondern, wie es aussieht, wurden ihnen die Köpfe nach dem Tod mit kleinen Silexklingen (steinzeitlichen Schneidewerkzeugen) abgetrennt – ähnlich wie man das bei einem erlegten Tier machen würde.“
Wie die Menschen davor zu Tode kamen, ist nicht bekannt. An den kopflosen Skeletten sind nur wenige Verletzungen zu sehen; auch finden sich keine Pfeilspitzen, die über die Wunden von Toten in den Graben hätten gelangt sein können. Man kann deshalb bei den Toten von Vráble zumindest vermuten, dass sie mit Schlägen auf den Kopf umgebracht wurden, erklärt Christian Meyer vom OsteoArchaeological Research Centre (OsteoARC) in Goslar, der bereits die Skelette von Halberstadt untersucht hat. „Die allermeisten Gewaltopfer der Bandkeramik haben Schädelverletzungen“, berichtet er, „meistens wurde mit Steingeräten, die man als Waffen verwendete, auf den Kopf gezielt. Da in Vráble die Köpfe fehlen und die anthropologischen Untersuchungen erst begonnen haben, können wir allerdings noch nicht wirklich sagen, was mit ihnen passiert ist.“ Tatsächlich weisen jedoch zwei der wenigen vollständigen Skelette von Vráble schwere Kopfverletzungen auf. Trotzdem reicht das nicht aus, um auf einen genauen Tathergang schließen zu können.
Bedeutungsvolle Platzierung
Weitere Informationen zum Geschehen liefert allerdings ein Blick auf die Platzierung der Toten: Die meisten von ihnen befinden sich in einem Massengrab; nach ihrer Enthauptung wurden sie in jenen Graben geworfen, der einen der drei Siedlungsteile umgab. Nur wenige wurden mit größerer Sorgfalt behandelt und paarweise an den vier bislang ausgegrabenen Toren positioniert – und zwar stets westlich der Tore, also jenseits der Umfriedung. An zweien der Tore wurden außerdem Flusskiesel bei den Toten niedergelegt. Es gab also auch eine magische Dimension, und die Grenze der Siedlung scheint nicht nur eine praktische, sondern auch eine symbolische Bedeutung gehabt zu haben – ein Umstand, der nicht nur in Vráble gilt.
„Was mich umtreibt, ist eine Gemeinsamkeit dieser Fundstellen“, sagt Furholt über jene Orte, wo zerschnittene Leichen gefunden wurden, „nämlich dass sich diese ganze Geschichte in den Gräben abspielt, die die Siedlung umschließen. Wenn solche magischen Handlungen in einer sichtbaren, physischen Markierung des Siedlungsareals stattfinden, wird offenbar versucht, Einfluss zu nehmen auf die Frage: Was ist unsere Siedlung/unsere Gemeinschaft? Da spielen also Individuen eine Rolle, deren Körper auseinandergenommen werden, und da spielt die Fläche eine Rolle, wo die Gesellschaft wohnt. All das hat irgendetwas mit Konflikten zu tun, die die Gesellschaft betreffen.“
Der Nachbar als Feind
Dafür sprechen in Vráble nicht nur die Toten, sondern auch die Befestigungsanlagen selbst. Die insgesamt sechs Tore, durch die man auf die andere Seite des Walles gelangte, lagen alle an der Westseite der Siedlung und führten somit von den beiden anderen Siedlungsteilen fort und nicht auf sie zu. Die Forscher nehmen deshalb an, dass die Abgrenzung in Vráble nicht möglichen äußeren Feinden galt, sondern den unmittelbaren Nachbarn.
Kriegswaffen tauchten erst in der Bronzezeit auf. Waffen, die in der Steinzeit zum Einsatz kamen – Keulen, Klingen, Speere und Pfeile – dienten primär anderen Zwecken: der Jagd, dem Fischfang, der Holzfällerei oder der Verarbeitung von Nahrung und Nutzgegenständen. Welchen Stellenwert Krieg in neolithischen Gesellschaften hatte, ist deshalb nicht leicht zu sagen. Rick Schulting, Archäologe an der University of Oxford, erklärt: „Wenn man getötete Individuen oder kleine Gruppen von Getöteten findet, spricht man oft von Mord. So einfach ist das aber nicht immer: Es macht einen anthropologischen, politischen und sozialen Unterschied, ob die Getöteten aus der Gruppe stammten, in welchem Fall wir Mord in Betracht ziehen können, oder ob sie nicht zur Gruppe gehörten, in welchem Fall man bei Gesellschaften aus relativ kleinen Gruppen von Krieg sprechen kann. Über dieses Thema wird weiterhin angeregt diskutiert.“
Tatsächlich gibt es nach wie vor unterschiedliche Meinungen unter Forschern der Vor- und Frühgeschichte bezüglich der Frage, ob frühe Gesellschaften friedlich oder kriegerisch ausgerichtet waren. Während die Befunde in Talheim ganz eindeutig für ein Massaker sprechen, sind die spektakulären Funde von Herxheim oder Vráble weniger eindeutig, da sich nicht nachweisen lässt, welche Bedeutung die Zerstückelung oder die Entfernung der Köpfe für die Zeitgenossen hatte.
Für die Interpretation des Geschehens stellt sich die Frage nach der menschlichen Natur: Ist der Mensch über die Jahrtausende hinweg im Wesentlichen gleich geblieben und greift damals wie heute unter ähnlichen Vorzeichen zu extremer Gewalt? Oder haben uns kulturelle Veränderungen den Zugang zum Denken und Fühlen unserer frühen Vorfahren gänzlich entzogen, wodurch wir heute die Ursachen der damaligen Gewalt nicht mehr nachvollziehen können?
Gab es eine sich langsam entwickelnde Feindschaft zwischen den Bewohnern diesseits und jenseits des Walles? Und wenn ja, waren religiöse, soziale, wirtschaftliche oder gänzlich andere Faktoren der Grund dafür? Sollte der Wall die eine Gruppe ein- oder die andere aussperren? Wir wissen es nicht. Hatte der Wall eine Schutzfunktion, so konnte er innergemeinschaftliche Gewalt wohl nicht lange verhindern.
Furholt hält es für wahrscheinlich, dass es Nachbarn waren, die in Vráble Nachbarn umbrachten, dass sich die Bevölkerungen der drei Siedlungsteile also gegeneinander wandten – besonders deshalb, weil die Siedlung wenig später ganz aufgegeben wurde. Der Einschnitt, den der Gewaltausbruch bedeutete, mochte zu tief gewesen sein.
Gemeinsam haben die Fundorte von Talheim bis Vráble, dass sich die Gewaltausbrüche vor etwas mehr als 7.000 Jahren ereigneten und innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne, was nahelegt, dass sie miteinander zusammenhingen. Und überall wurden die Toten nicht auf die für die Bandkeramiker typische Art und Weise – auf der Seite liegend mit angezogenen Beinen – im Boden bestattet.
Zumindest für den heutigen Betrachter, der zugegebenermaßen die Geisteswelt der Steinzeit nicht durchdringen kann, sieht die Beisetzung in den Massengräbern nicht danach aus, als hätten die Bestatter den Toten großen Respekt entgegengebracht. Ohne erkennbare Ordnung landeten diese in Gräben, in Vráble kopflos, in Kilianstädten mit gebrochenen Beinen (was auf Folter schließen lässt) und in Herxheim gänzlich zerstückelt, möglicherweise in Verbindung mit rituellem Kannibalismus. „In vielen Kulturen kann man beobachten, dass auch bei Bestattungen ein Unterschied zwischen Mitgliedern der Gemeinschaft und allen anderen gemacht wurde“, so Meyer. „Deswegen wurden die einen – die eigenen Leute – sorgfältig begraben und die anderen mit deutlich weniger Aufwand unter die Erde gebracht, wenn überhaupt.“
Innere und äußere Feinde
Kein Fundort ist dabei wie der andere. In Asparn/Schletz wurden unter den Toten fast keine jungen Frauen gefunden, was zu der Vermutung geführt hat, die Angreifer hätten sie geraubt. In Halberstadt wurde eine Gruppe von hauptsächlich jungen ortsfremden Männern getötet. Vielleicht gelang es hier, von außen kommende Feinde gefangen zu nehmen und hinzurichten, bevor sie sich selbst ans Töten machen konnten. Ob die über 1.000 zerstückelten Toten von Herxheim, die Knochenanalysen zufolge nicht aus der Gegend stammten, als Gefangene dort hingebracht und hingerichtet wurden oder ob sie bereits als Tote zur rituellen Bestattung dorthin transportiert wurden, ist umstritten, denn auch hier gilt: Was hinter all dem steckte, ist letztlich ein großes Geheimnis.
In Vráble stehen aufwendige Laboruntersuchungen des Knochenmaterials noch aus. Erschwert wird die Arbeit dadurch, dass für aDNA-Analysen normalerweise Zähne und Felsenbein (an der Basis des Schläfenbeins) herangezogen werden – Material, das kopflose Leichen nicht liefern können. Vielleicht wurden die Köpfe separat in Gruben deponiert, wo man sie bei weiteren Grabungen noch finden könnte, wahrscheinlich ist das aber nicht. Sie könnten verarbeitet worden sein, indem man sie beispielsweise, wie in Herxheim, skalpierte oder die Schädelkalotten herausschnitt. Vielleicht wurden sie auf Speere gesteckt und aufgestellt. Ob sie in der Siedlung verblieben oder in alle Winde zerstreut wurden: Gefunden wurden sie bislang nicht, und wahrscheinlich sind sie verloren.
Zeit der Veränderungen
Nachdem sich der Graben von Vráble mit kopflosen Leichen gefüllt hatte, änderte sich für die Bewohner sehr viel, berichtet Furholt: „Die Siedlung wurde aufgegeben. Andere sehr viel kleinere Siedlungen bildeten sich, zwei davon in unmittelbarer Nähe. Die Bewohner waren die gleichen Leute, aber es gab starke kulturelle und soziale Veränderungen.“ Was auch immer vor 7.000 Jahren geschah, es sorgte dafür, dass die Menschen ihr Leben änderten. Sie wurden nicht von Invasoren verdrängt – derartige Spuren fehlen –, sondern sie nahmen neue Gewohnheiten an. Warum das so war, wissen wir nicht. Diese Veränderungen betrafen nicht nur Vráble und Umgebung, sondern das gesamte Siedlungsgebiet der Linienbandkeramischen Kultur. Die zumindest in den archäologischen Befunden hervortretende Gleichförmigkeit der Siedlungen hatte auf dem ehemaligen Gebiet der LBK ein Ende. An einigen Orten endete die Besiedlung zeitweise auch vollständig. Innerhalb von drei Generationen war die Kultur der Linienbandkeramiker überall verschwunden – auch dort, wo es keine Gewaltausbrüche gegeben hatte. An ihre Stelle traten verschiedene regionale Kulturen. Was die Menschen zu den Veränderungen trieb, wird wohl ein Rätsel bleiben.
Die Vorstellung, dass ein Krieg (oder eine Reihe von Kriegen) der LBK den Todesstoß versetzte, ist wahrscheinlich nicht differenziert genug – dafür sind die Fundorte letztlich zu unterschiedlich. Die Ursachensuche muss beim jetzigen Kenntnisstand in Spekulationen enden. Kriegerische Auseinandersetzungen mögen zerstörerisch gewirkt haben. Gerade in größeren Siedlungen könnte es aber auch zu schweren inneren Konflikten gekommen sein, weil soziale Probleme größerer Gruppen für die LBK-Bauern noch relativ neu waren; vielleicht waren dort auch ökonomische Probleme eher zu spüren als in kleineren Siedlungen. Religiöse und magische Vorstellungen mögen ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Und auch eine Kombination all dieser Gründe ist denkbar.
Gewalt als Reaktion auf Krisen
Welche Krisen es auch immer waren, mit denen die Menschen damals konfrontiert wurden, sie zogen wohl unterschiedliche Gewaltreaktionen nach sich: Kriege, Massaker, Opferungen – vielleicht mit der Absicht der Täter, größeres Unheil abzuwenden. Auch im Kontext eines Krieges war der Umgang mit den Körpern von Gefangenen und Toten vermutlich von magischen Vorstellungen bestimmt. „Eine Idee kann ausgereicht haben, um einen Präzedenzfall zu schaffen“, so Meyer. „Der Ansatz, sich mit Gewalt aus der Krise zu befreien, könnte sich so ausgebreitet und durchgesetzt haben.“ Denn dass es einen Zusammenhang zwischen den meisten der Fundorte gibt, ist wegen des kurzen zeitlichen Rahmens mehr als wahrscheinlich.
Dabei sind die gefundenen Massengräber sicherlich nur die Spitze des Eisberges. „All diese Befunde sind Zufallsentdeckungen“, erklärt Meyer. „Man kann nicht planen, ein neolithisches Massengrab zu finden. Das bedeutet, dass man nicht weiß, wie viele es geben könnte. Man hat nur einen zufälligen Ausschnitt.“
Bis zum nächsten Fund gehen die Arbeiten in Vráble weiter. Skelette werden zutage gefördert, Knochen im Labor untersucht. Die fehlenden Köpfe sind dabei ein Problem – vor allem, wenn man herausfinden möchte, ob die enthaupteten Toten mit den regulär bestatteten Toten verwandt waren oder nicht. Furholt bleibt aber optimistisch: „Es kann sein, dass das nie klappen wird, weil die Erhaltung nicht gut genug ist, es kann aber auch sein, dass man mit großem technischem Einsatz etwas herausfinden wird. Wir hoffen sehr stark darauf.“ Weiterführende Grabungen sollen zudem einen besseren Einblick in das Erscheinungsbild der Getöteten zum Zeitpunkt ihres Todes liefern: „Wir versuchen herauszubekommen, ob sie bekleidet waren, und wenn ja, womit. Es gibt da Biomarker, die man untersuchen kann, ganz kleine Reste, die sich unter dem Mikroskop identifizieren lassen: Federn, Felle und Pflanzenfasern können Spuren hinterlassen.“
Die massakrierten Angehörigen der verschwundenen Frauen von Asparn/Schletz, die skalpierten und zerschnittenen Leichen von Herxheim und die kopflosen Skelette von Vráble geben einen extremen Einblick in eine Welt, über die wir nur sehr wenig wissen. Götter, Geister, Geschichten, Anführer und Priester der LBK-Bauern sind uns unbekannt. Vielerorts, gerade jenseits der großen Siedlungen, verlief das Leben der Bandkeramiker über Jahrhunderte weitgehend friedlich. Dennoch werden in den nächsten Jahren vermutlich Baggerschaufeln und Traktoren die nächsten Relikte ihres von Gewaltausbrüchen begleiteten Endes aufspüren. ■
David Neuhäuser ist promovierter Historiker. Er schreibt unter anderem für das Magazin DAMALS und ist Mitgründer, Co-Autor und Co-Moderator des Podcasts „Damals und heute“.




