Doch Grab II ist nicht das einzige makedonische Königsgrab in Vergina. Direkt daneben fanden Archäologen 1978 noch zwei weitere Grabkammern, die kaum weniger prachtvoll angelegt waren, aber vor ihrer Entdeckung geplündert worden waren. “Man ist sich einig, dass Grab III, das eine dem Grab II sehr ähnliche Fassade hat, Alexander IV. gehörte – dem Sohn von Alexander dem Großen”, erklären Antonis Bartsiokas von der Demokrit Universität Thrakiens in Komotini und seine Kollegen. Grab I fällt dagegen durch besonders prachtvolle Wandmalereien auf, eine davon zeigt den aus der griechischen Sage bekannten Raub der Persephone. Halb von einem Steinhaufen begraben fand man darin Skelettfragmente von einem Mann im mittleren Alter, einer jungen Frau und einem neugeborenen Kind. Um wen es sich dabei handelte, blieb zunächst unbekannt – auch weil kaum jemand diese Knochen einer näheren Analyse unterzogen hatte, wie die Forscher berichten. Sie haben dies nun nachgeholt und die Überreste unter anderem per Computertomografie genau untersucht – mit überraschenden Ergebnissen.
Verräterische Verletzung am Knie
Wie die Analyse ergab, handelt es sich bei dem männlichen Toten um einen etwa 45-Jährigen, der zu Lebzeiten etwa 1,80 Meter groß gewesen sein muss. “Unter den antiken Makedoniern wäre er damit einer der Größten gewesen”, so die Forscher. Sowohl die Größe als auch das Alter passen perfekt zu den historischen Überlieferungen über Philipp II. Als noch aufschlussreicher erwies sich jedoch, was sie am linken Knie des Toten entdeckten: eine Knochenwucherung, wie sie entweder nach einer Infektion, durch eine Knochenkrankheit oder aber durch eine Verletzung entstehen kann. In der Mitte dieser Wucherung ist ein Loch, das nach Angaben der Wissenschaftler zu groß ist, um durch eine Krankheit verursacht worden zu sein. “Diese Verletzung wurde daher wahrscheinlich durch eine schwere Wunde am Knie verursacht, beispielsweise durch einen Speer”, so Bartsiokas und seine Kollegen. Der Tote muss demnach vor seinem Tod ein steifes, am Knie nach außen abgeknicktes Bein gehabt haben.
Das aber passt perfekt zu dem, was man von Philipp II. weiß. “Es gibt mehrere historische Quellen, die von einer fast tödlichen Wunde am Bein berichten, die Philipp lahm machte”, berichten die Forscher. Demnach wurde der König im Jahr 336 vor Christus – drei Jahre vor seiner Ermordung – bei der Heimkehr von einer Schlacht in ein Gefecht mit Thrakern verwickelt und dabei durch einen Speer schwer am Bein verletzt. “Die von uns gefundene Ankylose am Knie und das Loch darin passen perfekt zu den historischen Berichten”, konstatieren Bartsiokas und seine Kollegen. Im Gegensatz dazu gibt es bei dem Toten aus Grab II keinerlei Anzeichen für eine solche Verletzung, sein Bein ist unversehrt. Nach Ansicht der Archäologen ist daher klar, dass der wahre König Philip II. nicht in Grab II liegt, wie bisher angenommen, sondern in Grab I. “Philipps historisch überlieferte Behinderung ist ein eindeutiger Beleg”, so die Forscher.





