Doch war dies die einzige Möglichkeit, die Fehler der Britischen Regierung in den späten 80er und frühen 90er Jahren nicht zu wiederholen. Denn damals, so der Bericht, hatte die Regierung sich ohne Vorbehalte für die Belanglosigkeit von BSE für den Menschen ausgesprochen, obwohl die Beweislage das gar nicht gestattete. Risiken, die womöglich vom Fleisch von BSE-infizierten Rindern ausgingen, wurden verharmlost, weil die Regierung eine panische Reaktion auf BSE verhindern und so die Fleischindustrie schützen wollte. Insgesamt fiel die Kritik jedoch milder aus, als es die britischen Medien erwartet hatten. Über den ehemaligen Landwirtschaftsminister John Gummer, der seiner vierjährigen Tochter Cordelia 1990 vor laufenden Kameras einen Beefburger fütterte, hieß es beispielsweise: “Im Rückblick sieht es so aus, dass er in einer Zwickmühle steckte und eine falsche Entscheidung traf, aber dafür sollte er nicht kritisiert werden.”
Dabei hatten Wissenschaftler im selben Jahr eine BSE-ähnliche Krankheit bei einer Katze entdeckt. Wissenschaftler befürchteten daraufhin, dass BSE von Rindern auf andere Spezies übertragbar sei. Dennoch betonte Gummer, dass Rindfleisch sicher sei und demonstrierte das an seiner Tochter. Darüber, dass Wissenschaftler das Risiko für den Menschen aufgrund der erkrankten Katze damals schon als ernst einstuften, wurde die Öffentlichkeit nicht angemessen informiert, so der Bericht.
Die damalige Regierung unternahm jedoch auch positive Schritte beispielsweise verbannte sie 1989 bestimmte Rinderabfälle wie Gehirn und Rückenmark aus der menschlichen Nahrungsversorgung. Allerdings setzte die Regierung dieses Verbot nicht energisch genug durch und spielte seine Bedeutung in der Öffentlichkeit herunter, wie der Bericht betont. Minister und Staatsbeamte versagten auch, indem sie keinen Ausweichplan entwickelten für den Fall, dass BSE tatsächlich auf den Menschen übertragbar ist, obwohl schon lange Hinweise darauf existierten. Politiker zeigen Reue Angesichts der Ergebnisse der BSE-Inquiry zeigte der ehemalige Gesundheitsminister Stephen Dorrell Reue für seine Erklärungen zur Sicherheit britischen Rindfleischs. Er sagte in BBC Radio 4, dass er einen Fehler gemacht habe, als er behauptete “das kein erdenkliches Risiko bestehe.” Auch der Sprecher für Landwirtschaftsfragen der Konservativen Partei, entschuldigte sich: “Es tut mir sehr leid, dass Menschen an der neuen Variante der Kreuzfeldt-Jakob-Krankheit starben, und ich werde den Bericht natürlich sehr ernst nehmen, um zu sehen, was man daraus lernen kann.” Die Crux des Berichts liegt in der Erkenntnis, dass es nicht konstruktiv ist, heute aus der überlegenen Position derjenigen zu urteilen, die es im Nachhinein besser wissen. Es macht keinen Sinn, die ehemaligen Entscheidungsträger dafür zu kritisieren, dass sie die potentielle Bedrohung durch BSE nicht erkannten. Vielmehr stellt sich die Frage, warum das Risiko so gering eingeschätzt wurde und wie derartige Fehlurteile im Zusammenspiel von Politik und Wissenschaft am besten zu vermeiden sind.
Zwar betont der Bericht, dass Minister die Warnzeichen hätten ernst nehmen und nach dem Vorsichtsprinzip handeln sollen: “Die Minister hatten Recht, wenn sie sagten, dass es keine Beweise gab, dass der Rinderwahn ein Risiko darstellt. Aber sie lagen falsch in ihrem Schluß, dass das Gegenteil bedeute.” Da BSE und die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit die menschliche Form des Rinderwahns noch heute weitgehend unverstanden sind, stellt sich allerdings die Frage, wie dieser gutgemeinte Rat konkret umzusetzen gewesen wäre.
Noch heute sind (zu) viele Fragen offen Allgemein wird heute angenommen, dass Fleisch von BSE-infizierten Rindern ein hohes Risiko für Menschen birgt und die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit hervorruft. Eine Studie der Creutzfeldt-Jakob Disease Surveillance Unit in Edinburg konnte das jedoch nicht belegen. Denn die Forscher verglichen lediglich 51 Menschen, die an der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben sind, mit 27 Patienten, die nicht an dieser Krankheit litten. So ist die Studie schon statistisch nicht aussagekräftig. Auch räumt das Britische Gesundheitsministerium ein, dass es nur indirekte Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Rindfleischkonsum und der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gibt. Auch die oft zitierte Erklärung, dass die BSE-Epidemie durch die Verfütterung von Knochenmehl von Schafen ausgelöst wurde, die an einer ähnlichen Hirnkrankheit namens “scrapie” (Traberkrankheit) litten, stellt der Bericht in Frage. Schließlich haben Menschen seit Jahrhunderten Schafe gegessen, die “scrapie” hatten, ohne sich mit der Traberkrankheit zu infizieren. Tiermediziner vermuten statt dessen, dass BSE schon immer in Herden schlummerte und sich durch die Intensivierung der Landwirtschaft und Kannibalisierung in den Rinderwahn verwandelte. Sogenannte verrückte “downercows” gab es schon immer. Sie wurden geschlachtet und an Artgenossen verfüttert. Der Bericht dagegen legt nahe, dass “der Ursprung von BSE wahrscheinlich in den frühen 70er Jahren liegt. Möglicherweise entstand die Krankheit in Folge einer Gen-Mutation in einer Kuh oder einem anderen Tier. Die Herkunft der Krankheit wird wahrscheinlich nie mit Sicherheit ermittelt werden.” BSE-Skandal senkte das Vertrauen in Wissenschaftler, nicht in Politiker Ironischerweise wurde das öffentliche Vertrauen in Politiker durch die BSE-Krise nicht wesentlich geschmälert. Denn die Öffentlichkeit misstraut Politikern seit jeher. Anders verhält es sich jedoch mit Wissenschaftlern. Galten sie in den 80er Jahren noch als aufrichtig und genossen den Respekt der Öffentlichkeit, so haben die Briten durch die BSE-Krise ihre Achtung vor Wissenschaftlern verloren. Meinungsumfragen zufolge, rangieren Wissenschaftler im öffentlichen Ansehen in Folge der BSE-Krise mittlerweile sogar unter Politikern.
Der Hintergrund: 1989 hatte die britische Regierung ein exklusives Wissenschaftlergremium damit beauftragt, das Risiko der BSE-Epidemie für den Menschen zu “ermitteln.” Die Wissenschaftler schätzten das Risiko als “verschwindend klein” ein. Doch in Regierungserklärungen mutierte diese Bewertung zu einer uneingeschränkten Entwarnung. Dieses wissenschaftliche Urteil beruhte allerdings auf einer folgenreichen Annahme: Die Wissenschaftler setzten voraus, dass BSE auf die Traberkrankheit zurückzuführen war und sich auch genauso verhielt. Da die Traberkrankheit nicht auf Menschen übertragen wird, hielten die Forscher es für unwahrscheinlich, dass BSE auf Menschen übergehen. Was zu tun sei, falls sich diese Annahme als falsch herausstellte, legten die Wissenschaftler nicht dar, kritisiert die BSE-Inquiry und macht konkrete Vorschläge für künftige wissenschaftliche Untersuchungsberichte. Endlich Entschädigung für Opfer Noch immer ist nicht sicher, dass Fleisch von BSE-infizierten Rindern wirklich die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit erzeugt eine Möglichkeit, die die Britische Regierung 1996 erstmals einräumte. Jetzt hat die Regierung einer Entschädigung von Angehörigen und Opfern der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zugestimmt. Eine Million Pfund werden dafür zur Verfügung stehen. Mit dieser Geste zeigt die Regierung, dass sie einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Rinderwahn und der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit für wahrscheinlich hält.
Doch selbst wenn die britische Politik mittlerweile die Bedrohung des Rinderwahns für Menschen eingesteht, so sollten Wissenschaftler und die Öffentlichkeit gegenüber neuen Hypothesen über die Ursprünge und Zusammenhänge von BSE und der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit offen bleiben denn es gibt weiterhin unbeantwortete Fragen. Neben Rindern könnten nach Befürchtungen von Experten auch Schafe die BSE-Erreger auf den Menschen übertragen. Es ist beispielsweise bekannt, dass Schafe BSE-verseuchtes Futter bekommen haben, und in vielen Ländern wird BSE-infiziertes Rindfleisch möglicherweise noch immer dem Futter anderer Tiere beigemischt. Erwiesenermasen können Schafe auch über das Futter mit BSE-infiziert werden. BSE bei Schafen ähnelt aber der altbekannten Traberkrankheit (Scrapie). So könnten BSE-Fälle bei Schafen mit der harmlosen Traberkrankheit verwechselt werden.
“Was mich besonders beunruhigt ist, dass BSE von Schafen, bei denen jedoch nur Scrapie vermutet wurde, Menschen mit BSE-Erregern infizieren könnte”, sagt Albert Osterhaus, Mitglied des EU-Beratergremiums zur Untersuchung BSE-ähnlicher Krankheiten. Das ist “wahrscheinlich die wichtigste offene Frage der BSE-Epidemie”, meint Liam Donaldson, der Leiter der britischen Gesundheitsbehörde. Da Scrapie-Erkrankungen in großen Teilen Europas vorkommen, ist es durchaus möglich, dass sich darunter auch infektiöse BSE-Fälle verbergen. Trotzdem betonen Regierungen in ganz Europa genau wie die britische in den frühen 90er Jahren dass die landeseigene Fleischversorgung sicher ist.





