Die aktuelle Covid-19-Pandemie ruft sicherlich bei vielen Menschen Gedanken an die einstigen Pest-Heimsuchungen der Menschheit hervor. Doch trotz der schwierigen Lage ist dabei eines ganz klar festzustellen: Das Ausmaß des Grauens, das die Pest einst verursachte, wird das Coronavirus nicht erreichen. Denn das tödliche Potenzial der Pest war ungleich höher. Zwischen 1346 und 1353 raffte der Schwarze Tod Schätzungen zufolge mehr als ein Drittel der Bevölkerung Europas dahin. In den folgenden Jahrhunderten ging der Sensenmann dann immer wieder erneut um und forderte Millionen von Todesopfern.
Jüngste Fortschritte in der Paläogenomik haben bestätigt, dass die historischen Pestpandemien durch das Bakterium Yersinia pestis verursacht wurden. Es gelang Forschern, den Erreger aus den Überresten von Londoner Opfern des Schwarzen Todes aus dem Jahr 1348 zu isolieren. Aus der Rekonstruktion des Genoms des historischen Stammes ging hervor, dass die heute noch in manchen Regionen existierenden Versionen von Y. pestis ihm noch immer sehr ähneln. Diese Erreger sorgen immer mal wieder für lokale Ausbrüche. Durch Antibiotika lässt sich die Ausbreitung der Pest heute allerdings gut in Schach halten. Unklar war bisher allerdings, welche Dynamik die Erkrankung bei den vergangenen Seuchenzügen in Europa entwickelte.
Ausbreitungsraten im Spiegel von Testamenten
Dieser Frage sind nun die Forscher um David Earn von der McMaster University in Hamilton am Beispiel der Stadt London nachgegangen. Ihr Fokus lag auf den schlimmsten Pestausbrüchen in der Geschichte der Stadt. Der erste wütete 1348 und dann folgten im 17. Jahrhundert Wellen, die mit der sogenannten Großen Pest von London 1665 ihren Höhepunkt erreichten. Earn und sein Team aus Statistikern, Biologen und Evolutionsgenetikern schätzten die Sterblichkeitsraten, indem sie historische, demographische und epidemiologische Daten aus drei Quellen analysierten: persönliche Testamente, Kirchenbücher und die Londoner Sterbeurkunden.
Wie sie berichten, wurden die Testamente zur zentralen Informationsquelle, denn zur Zeit des mittelalterlichen Pestausbruchs gab es noch keine Sterbeurkunden. So werteten die Forscher zunächst die Daten für das 17. Jahrhundert aus, als sowohl Testamente als auch die Sterblichkeit aufgezeichnet wurden. “Die Menschen schrieben damals in der Regel Testamente, wenn sie im Sterben lagen“, erklärt Earn. Es spiegelte sich in den Informationen aus den Testamenten und den Sterbeurkunden die gleiche Ausbreitungsrate der Pest wider, berichten die Forscher. Deshalb gingen sie anschließend davon aus, dass im Fall der mittelalterlichen Pest auch die Testamente als alleinige Informationsquelle der Bestimmung der Ausbreitungsrate dienen können.





