Yotoot Til ist nur 20, höchstens 25 Jahre alt geworden. Woran der Maya-Prinz mit dem klingenden Namen „Haus des Tapirs” zwischen 725 und 730 n.Chr. starb, vermag der Bonner Altamerikanist Nikolai Grube nicht zu sagen. Und es ist ihm zurzeit auch nicht so wichtig. Denn was der Tote hinterlassen hat, beschert den Archäologen, die zurzeit die Maya-Stadt Uxul im mexikanischen Bundesstaat Campeche ausgraben, fürs Erste genug Arbeit und Denkstoff.
Das Grab ist schon wegen der aufwendig bemalten und reliefierten Keramiken darin ein Glücksfall. Darüber hinaus geben die Funde den Forschern Hinweise auf die Beziehung Uxuls zu seinem mächtigen Nachbarn Calakmul. Dessen herrschende Kaan-Dynastie hatte das kleine Königtum 636 n.Chr. zum Vasallen gemacht und dort bis zum eigenen Untergang rund 70 Jahre später den Regentenstab geschwungen. „Es ist das erste Mal, dass wir einen Vasallenhof nach dem Verlust der Unabhängigkeit erforschen können”, erklärt der Wissenschaftler.
Die Kaan-Dynastie hatte ihre Machtzentrale erst kurz vor der Einverleibung Uxuls von Dzibaanche nach Calakmul verlegt. Die bedeutendste Königsdynastie des Maya-Tieflands stand in Konkurrenz zum mächtigen Rivalen Tikal, dem sie am Ende unterlag. Warum die Kaan-Dynastie das rund 130 Kilometer östlich von Calakmul gelegene Dzibaanche verließ, gehört zu den vielen Geheimnissen, die das Maya-Tiefland birgt.
Seit 2009 arbeitet ein internationales Wissenschaftler-Team unter Grubes Leitung in Uxul. 867 Gebäude sind bislang vermessen, an rund einem Dutzend davon wird gegraben. Grube spricht von „ Klein-Calakmul”, und das nicht nur wegen des Vasallenstatus. Vielmehr haben die Maya-Architekten in Uxul das Stadtbild von Calakmul fast eins zu eins kopiert – von der Anordnung der Pyramiden und der Gebäudeformen bis zur Lage des Ballspielplatzes und der Gestaltung des großen Königspalastes.
DAS LOCH IN DER SITZBANK
Der Palastkomplex, zu dem elf Gebäude und fünf Innenhöfe gehören, interessiert die Archäologen zurzeit am meisten. Das gesamte Areal misst mindestens 120 mal 130 Meter. Dort haben die Wissenschaftler das Grab Yotoot Tils gefunden – mit detektivischem Spürsinn. In einer steinernen Sitzbank hatten sie ein aufgefülltes Loch entdeckt – und Lunte gerochen. Etwa anderthalb Meter unter der Bank fanden sie prompt einen Keramikteller, jedoch ohne jeglichen Dekor. „Wir waren schon ganz frustriert und fragten uns, ob das alles war”, erinnert sich Nikolai Grube. Doch Kai Delvendahl, der Leiter der Palast-Ausgrabungen und Wissenschaftler an der Universität Bonn, wühlte sich weiter in die Tiefe. Seine Beharrlichkeit brachte den Durchbruch: Unter dem Teller entdeckte Delvendahl einige Steinplatten, und als er sie auseinander schob, öffnete sich darunter ein Hohlraum – das Grab.
Etwa einen Meter hoch, drei Meter lang und 65 Zentimeter breit „ist es zwar keine riesige Grabkammer, und die Knochen sind in einem bemerkenswert schlechten Zustand”, sagt Grube. Dennoch bedeutet der Fund für die Archäologen eine Sensation: Das Grab gehört zu den am besten erhaltenen Maya- Gräbern, die je entdeckt wurden. In zahllosen anderen Fällen sind Grabräuber den Archäologen zuvorgekommen – in Uxul indes ist noch alles an Ort und Stelle: etwa der auf der Innenseite kunstvoll bemalte und beschriftete Teller, der auf dem Kopf des Toten lag. Durch ein Loch in der Mitte des Tellers konnte nach der Vorstellung der Maya die Seele entweichen. Die Archäologen fanden außerdem vier aufwendig dekorierte Kakaogefäße sowie einige unbemalte Keramiken – „geradezu atemberaubend schöne Stücke”, schwärmt Grube.
VOR GRABRÄUBERN GERETTET
Doch die Schönheit allein ist es nicht, was Grube und seine Kollegen begeistert. Zum ersten Mal haben Wissenschaftler hier mehrere bemalte Keramiken in ihrem ursprünglichen Kontext gefunden. „Damit sind wir in der Lage, Aussagen über die Verwendung der Keramik zu machen”, freut sich der Grabungsleiter. Denn fast die gesamte polychrome Maya-Keramik, die heute in Museen zu sehen ist – 5000 bis 6000 Stücke, schätzt Grube –, lässt sich keinem Fundort zuordnen. Die Grabräuber hatten die Einzelstücke auf den internationalen Kunstmarkt gebracht, wo jedes in den 1960er- und 1970er-Jahren 10 000 bis 100 000 Dollar einbrachte.
Für die Wissenschaftler sind sie insofern verloren, als sich ihre Herkunft nicht mehr klären lässt. So können diese Keramiken auch nicht dabei helfen, Verbindungen zwischen den Maya-Städten nachzuweisen. Durch den neuen Fund hoffen die Archäologen, Schritt für Schritt mehr über die Brücken zwischen Uxul und Calakmul zu erfahren.
Schon die Existenz von Keramik in dem Grab weist darauf hin, dass hier eine hochgestellte Person bestattet wurde. Denn einfache Menschen erhielten keine Grabbeigaben. Hatte die Qualität der Stücke die Archäologen zunächst sogar auf ein Königsgrab hoffen lassen, gab das Fehlen von Jademasken und -schmuck – den königlichen Attributen – nun einen anderen Fingerzeig. Inzwischen gehen die Forscher davon aus, dass es sich zwar um ein Mitglied der Königsfamilie gehandelt hat, aber um einen Prinzen, der nicht in direkter Thronfolge stand. Das legt auch die Inschrift auf einem der Becher nahe.
Explizit ist der Besitzer als „Ch’ok” („Prinz”) ausgewiesen. Der Verstorbene muss ein Sohn des Statthalterkönigs gewesen sein. „Das ist das Trinkgefäß des Prinzen”, übersetzt Grube die Zueignung. Der Becher ist stuckverziert und mit zwei Relieffeldern versehen. Eines davon zeigt einen Prinzen, die Hände in einer Geste, die Gespräch ausdrückt. Er spricht mit einer Schlange. Auf dem Relief eines anderen Kakaobechers unterhält sich ein König mit einem Hund. „Das Gespräch mit Tieren hatte sicher eine Bewandtnis. Aber wir wissen nicht, welche”, bedauert Grube.
Der Teller weist ebenfalls auf den Bestatteten hin. Er trägt die Weihinschrift: „Dies ist die Schrift auf dem Teller für Kakao des Yotoot Til.” Der Teller ist im „Codex-Stil” gehalten, benannt nach dem Stil der wenigen erhaltenen Maya-Bücher. Darin dominieren die Farben Schwarz und Rot auf cremefarbenem Untergrund. Durch den Vergleich mit Scherben, die vor rund zehn Jahren im Palast von Calakmul und später auch in Nord- Guatemala gefunden wurden, können die Experten sagen, „dass diese Art imperialer Keramik mit dem Adel von Calakmul oder der dort herrschenden Kaan-Dynastie assoziiert werden kann”.
Zwar sind Fund- und Produktionsort von Keramik nicht immer identisch. Aber in diesem Fall geht Grube davon aus, dass die Grabbeigaben tatsächlich in Uxul hergestellt wurden. „Damit haben wir einen weiteren Beleg für Beziehungen zwischen Calakmul und Uxul.” Die Funde sprechen dafür, dass diese Beziehungen enger waren als zwischen Calakmul und seinen anderen Vasallen, wo derartige Keramik bis jetzt nicht entdeckt wurde. „Die Herrscherfamilie von Uxul könnte ein Zweig der Kaan-Familie gewesen sein”, wagt sich Grube auf ungesichertes Terrain vor. „ Allerdings fehlen noch dynastische Inschriften, die darüber verlässlich Aufschluss geben”, räumt er ein.
Wie die Beziehungen zwischen Uxul und Calakmul aussahen, ist die zentrale Frage, die den Bonner Archäologen und sein Team umtreibt. Hinweise geben neben den Keramiken auch sechs Hieroglyphentafeln, die in die Palasttreppe eingelassen waren: Vier davon zeigen die Könige von Calakmul beim Ballspiel. Über das Uxul vor der Okkupation können die Archäologen wenig sagen.
DIE GESCHICHTE SCHREIBT DER SIEGER
Auf den Stelen und Tafeln, die als schriftliche Quelle dienen, finden sich zwar die genannten Fingerzeige auf die Verbindungen zu Calakmul, aber keinerlei Anhaltspunkte, die auf das ursprüngliche Herrscherhaus schließen lassen. Die Geschichtsschreibung beginnt sozusagen erst mit den in Stein gemeißelten Namen von Statthaltern und königlichen Besuchern aus Calakmul. Sicher wissen die Archäologen bislang lediglich, dass sich die ersten Maya in der Zeit der späten Präklassik – zwischen 300 v.Chr. und 200 n.Chr. – auf den von Sümpfen umgebenen Hügeln niedergelassen haben.
Aus dem kleinen Dorf wurde bald eine stattliche Siedlung. Eines der wichtigsten Bauwerke dieser frühen Siedlung war ein kleines Gebäude, das sich genau an der Stelle befand, an der später die Statthalter ihren – deutlich größeren – Königssitz errichteten. „Es hat den Anschein, als sei dieses frühe Gebäude – vielleicht der Vorgängerpalast – in seiner ganzen Höhe erhalten”, meint Grube. Der Fund würde damit zu der Gewohnheit der Maya passen, Bestehendes nach der Eroberung nicht zu zerstören, sondern buchstäblich darauf aufzubauen – um dadurch den eigenen Machtanspruch zu legitimieren.
Auch deshalb geht Nikolai Grube davon aus, dass die ursprüngliche Herrscherfamilie nicht ausgelöscht wurde, zumindest nicht vollständig. Stattdessen könnten die neuen Herrscher versucht haben, ihre Vorgänger als Statthalter zu gewinnen. Ob nun aber der auf den Tafeln genannte Statthalterkönig mit dem klingenden Namen „Muyal Chaak” („Wolke des Regengottes”) zum ursprünglichen Königshaus gehörte oder vielmehr aus Calakmul stammte, bleibt ein Geheimnis. ■
von Martina Zick





