Bei den von den Forschern untersuchten Knochen handelt es sich um einen weitestgehend intakten Oberkiefer, der 1995 in der Olduvai-Schlucht im Norden von Tansania entdeckt wurde. Auffällige Kratzspuren an den Frontzähnen des 1,8 Millionen Jahre alten Fossils brachten Frayer und seine Kollegen auf die entscheidende Fährte. Sie waren nicht nur ein augenscheinlicher Beweis dafür, dass der Frühmensch zu Lebzeiten mit seinem Kauwerkzeug recht rüde umgegangen war. Der Winkel und die Richtung der Spuren hielten noch weitere Informationen bereit. Denn die meisten dieser Linien verliefen von links oben nach rechts unten.
Zeichen für Sprachbegabung?
Nachdem sie die Kratzspuren mit dem Mikroskop untersucht hatten, kamen die Forscher zu dem Schluss: Die Spuren müssen entstanden sein, als der Homo habilis mithilfe eines Steinwerkzeugs versuchte, Nahrung zu zerschneiden, die er zwischen den Zähnen festhielt. Während er mit der einen Hand säbelte, zog er mit der anderen vermutlich zusätzlich an dem Essen. “Das Werkzeug hat dabei immer wieder den Kiefer berührt und permanente Spuren an den Zähnen hinterlassen”, sagt Frayer. Der Verlauf dieser Male von links nach rechts belegt den Forschern zufolge deutlich, dass die rechte Hand zum Schneiden benutzt wurde – und der Frühmensch demnach Rechtshänder war. Das Team liefert damit den ersten Beleg für einen Prä-Neandertaler mit ausgeprägter Händigkeit.
Händigkeit ist ein Zeichen für die sogenannte Lateralisation des Gehirns – die Arbeitsteilung von linker und rechter Gehirnhälfte. Dabei übernimmt beispielsweise der motorische Cortex einer Hirnhälfte die Steuerung der jeweils gegenüberliegenden Körperhälfte, andere Funktionen kommen nur in einer Hirnhälfte vor. So liegt das Sprachzentrum des heutigen Menschen meistens in der linken Gehirnhälfte. Die Rechtshändigkeit des Homo habilis könnte demnach auch ein Beleg dafür sein, dass diese Art schon die Fähigkeit zur Sprache hatte. “Händigkeit und Sprache werden zwar von verschiedenen genetischen Systemen kontrolliert, dennoch gibt es da eine Verbindung”, sagt Frayer. “Denn beide Funktionen sind in der linken Hälfte des Gehirns angelegt.” In Zukunft wollen die Forscher nach weiteren verräterischen Kratzspuren auf den Zähnen früher Homo-Fossilien suchen, um die These der Rechtshändigkeit und möglichen Sprachbegabung unserer frühesten Vorfahren weiter zu untermauern.





