bild der wissenschaft: Leider gibt es heute keine Kopien mehr vom Einstein-Lehrfilm. Woher haben Sie dennoch eine Vorstellung von seinen Inhalten, Frau Wazeck?
MILENA WAZECK: Im Jahr 1923 erschien ein englischsprachiger Kurzfilm, der aus Material des deutschen Films zusammengeschnitten war. Von den ursprünglich über zwei Stunden sind somit wenigstens 20 Minuten Filmmaterial erhalten geblieben. Begleitend dazu entstand damals ein Buch, dessen Illustrationen auf die Trickbilder des Films zurückgriffen. Heute würde man sagen, es war das Buch zum Film. Ich habe außerdem eine Vielzahl von zeitgenössischen Zeitungsartikeln über das Filmprojekt studiert, die ausführlich auf Inhalt und Aufbau des Films eingehen.
bdw: Welche Techniken kamen dabei denn zum Einsatz?
WAZECK: Die Kinotechniker und Trickzeichner haben Pionierarbeit geleistet. Ich habe dazu in den einschlägigen Kinozeitschriften recherchiert und einige vorwiegend der Technik gewidmete Berichte gefunden. Insbesondere wurde darauf hingewiesen, dass sehr viele außerordentlich präzise Einzelzeichnungen notwendig waren, um zum Beispiel die Darstellung der Schwingungen von Lichtwellen im Äther zu zeigen.
bdw: Um welche Effekte der Relativitätstheorie ging es?
WAZECK: In dem deutschen Originalfilm wurden die Längenkontraktion und die Zeitdilatation – beides Effekte der Speziellen Relativitätstheorie – anhand von Einsteins bekanntem Zugbeispiel dargestellt. Die amerikanische Kurzfassung veranschaulichte lediglich die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Dabei demonstrierte man die klassische Relativität anhand von Pistolenkugeln, die von unterschiedlich schnell bewegten Pistolen abgeschossen wurden. Die Relativitätstheorie kam dadurch ins Spiel, dass die Pistolen Lichtsignale aussandten, bei denen die klassische Addition von Geschwindigkeiten nicht mehr gilt.
bdw: Die Allgemeine Relativitätstheorie wurde völlig ignoriert?
WAZECK: Nicht ganz. Obwohl der Film der Speziellen Relativitätstheorie gewidmet war, durfte die Ablenkung des Lichts der Sterne am Sonnenrand nicht fehlen. Hierdurch ist Einstein schließlich bekannt geworden. Daneben ging es vor allem um die Darstellung von Effekten, die auch in der vorrelativistischen Physik vorkommen – etwa um die der Relativität der Bewegung. Der Zuschauer wurde mit realistischen Aufnahmen eines Flößers auf einem dahingleitenden Spreekahn bei seiner Alltagserfahrung abgeholt. Diese Bilder sollten zeigen, dass man eine geradlinig gleichförmige Bewegung nur in Bezug auf ein Bezugssystem – den Kahn oder das Ufer – feststellen kann.
bdw: Gab es Darstellungen, die aus heutiger Sicht falsch waren?
WAZECK: Ja, aber ich kann mich wieder nur zu dem englischsprachigen Film äußern, wobei wahrscheinlich durch den drastischen Zusammenschnitt und den neu angefertigten englischen Text die sorgfältig erstellte deutsche Langfassung verfälscht wurde. Nicht bloß aus heutiger, sondern auch aus damaliger Sicht ist der Kurzfilm als Lehrfilm zur Relativitätstheorie irreführend und teilweise falsch. So werden nichtrelativistische Effekte als relativistische ausgeben. Beispielsweise wird die unterschiedliche Lichtlaufzeit zu unterschiedlichen Orten als Relativität der Gleichzeitigkeit dargestellt. Aus heutiger Sicht falsch ist auch die Visualisierung der relativistischen Effekte. Ein Beispiel: Die Darstellung der Längenkontraktion wurde in dem deutschen Film als zusammengequetschter Zug dargestellt. Inzwischen haben Computersimulationen gezeigt, dass relativistische Effekte ganz anders aussehen, da neben der Längenkontraktion die endliche Lichtlaufzeit berücksichtigt werden muss. Heute besteht der Wert des Films vor allem darin, dass er ein außergewöhnliches Dokument zur Geschichte der Popularisierung der Relativitätstheorie darstellt.
bdw: Geht der Film auch auf die Person Einsteins ein?
WAZECK: Der englischsprachige Film geht überwiegend auf die Relativitätstheorie ein, die Person Albert Einstein kommt nur en passant vor – dann allerdings in einer Weise, die ihm sicher nicht gefallen hätte. Er wird als ein Genie bezeichnet, das davon ausgeht, seine Theorie verstünden nur zwölf weise Männer. So etwas hat Einstein nie gesagt! Außerdem werden ihm Entdeckungen zugeschrieben, die bereits lange Zeit zuvor elementare Bestandteile der Physik waren.
bdw: Hat Einstein sich zu dem Film geäußert?
WAZECK: Er hat sich von dem deutschen Film ausdrücklich distanziert und den Filmemachern untersagt, den Film „ Einstein-Film” zu nennen, wie es ursprünglich geplant war. Der Film wurde dann offiziell „Die Grundlagen der Einsteinschen Relativitätstheorie” genannt. Man muss dazu wissen, dass Einstein während der Drehzeit des Films Zielscheibe nationalistischer und antisemitischer Polemik war. Er versuchte deshalb, sich so weit wie möglich aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit zurückzuziehen und verlangte mit Nachdruck einen neutralen Namen für den Film.
bdw: Hanns-Walter Kornblum hat den Film realisiert. Stieß er dabei in der Filmindustrie auf offene Ohren?
WAZECK: Nein. Zunächst einmal war der Bereich Lehr- und Kulturfilm nur ein sehr kleiner Teilbereich der Filmbranche. Zudem dominierten hier praktisch orientierte Filme, etwa über Landwirtschaft oder Sport. Eine abstrakte Theorie der Physik zu visualisieren musste auf Vorbehalte stoßen. Es war zu erwarten, dass der Film durch die aufwendigen Trickzeichnungen sehr arbeitsintensiv und teuer werden musste. Dass das Vorhaben auch technisch sehr ambitioniert war, zeigt sich daran, dass die Filmemacher die Möglichkeiten der Trickfilmzeichnung für den Film weiterentwickeln mussten.
bdw: Diente der Film der bloßen Unterhaltung, oder vermittelte er dem Publikum wirklich ein Verständnis für Einsteins Theorie?
WAZECK: Der deutsche Lehrfilm war ein anspruchsvoller und didaktisch konzipierter Lehrfilm, der nur wenige primär unterhaltende Sequenzen – etwa eine Zeitreise – enthielt. Kornblum wollte mit dem Film wirklich die Spezielle Relativitätstheorie verständlich machen. Er schilderte daher zunächst ausführlich die Probleme der Physik der Jahrhundertwende, bevor die Relativitätstheorie als deren Lösung eingeführt wurde. Nur in einem Drittel des Films geht es deshalb um sie.
bdw: Weiß man, wie viele Menschen den Film gesehen haben?
WAZECK: Genaue Zahlen über Besucher gibt es nicht. Sicher ist, dass ihn nicht nur das recht kleine Zielpublikum der typischen Lehrfilme sah, die ja normalerweise innerhalb von Bildungseinrichtungen wie Schulen oder Universitäten gezeigt wurden. Der Film zur Relativitätstheorie war gedreht worden, um die breite Öffentlichkeit über die Einstein’sche Theorie aufzuklären. Die war zwar in aller Munde, aber nur wenige verstanden sie wirklich. Der Film wurde daher nicht nur in vielen Volkshochschulen oder Sternwarten, sondern auch in normalen Kinosälen gezeigt, wozu eine Extra-Lizenz notwendig war, und wurde von ganz normalen Kino-Besuchern gesehen.
bdw: Wie war die Wirkung in der Öffentlichkeit?
WAZECK: Der Film provozierte ungewöhnlich viele Reaktionen in der Presse. Sie reichten von sachlichen Berichten, satirischen Auseinandersetzungen und enthusiastischen Reaktionen über enttäuschte Stellungnahmen bis hin zu politisch motivierten Polemiken. Während einerseits die Tagespresse beschwor, die Relativitätstheorie sei „endlich zum Allgemeingut der strebenden Menschheit geworden”, titelten andere: „Der Film des physikalischen Nihilismus” und fuhren fort: „Alle Einsteinler mitsamt ihrem Verständnis heuchelnden bolschezionistischen Klüngel können die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass Zeit, Raum und Materie unendlich bestehen und dass man von einem gegebenen Mittelpunkt aus sehr wohl ein absolutes Weltbild konstruieren kann.” Fest steht: Der physikalische Laie fühlte sich von dem Film überfordert. Mehrere satirische Zeitungsüberschriften wie „Die verfilmte Relativität. Eindrücke eines ehemals klaren Laienverstandes” thematisieren das.
bdw: Ist bekannt, ob es im Zusammenhang mit Vorführungen des Films zu Protesten oder Diskussionen kam?
WAZECK: Kontroverse Diskussionen sind durch Artikel in der Tagespresse und in Filmzeitschriften sowie pädagogischen Zeitschriften dokumentiert. Wie sehr sich der normale Bürger von der „tollkühnen Relativierung der Wirklichkeit” durch die Relativitätstheorie verunsichert fühlte, zeigte sich auch darin, dass Werbeplakate für den Film abgerissen wurden und dass Gegner versuchten, Aufführungen – insbesondere vor Schülern – zu verhindern.
bdw: Gibt es Hinweise darauf, dass die Filmkopien während der Nazizeit absichtlich vernichtet wurden?
WAZECK: Nein, Kopien waren damals ziemlich teuer und wurden von Filmverleihfirmen vertrieben. Wahrscheinlich existierten nur wenige Kopien, die im Krieg verloren gingen.
bdw: Woher haben Sie die Zeitungsartikel?
WAZECK: Fast 70 Artikel zu dem Einstein-Lehrfilm sind im Nachlass des Physikers Ernst Gehrcke erhalten geblieben, der ein erklärter Gegner der Relativitätstheorie war. Er versuchte, anhand einer Vielzahl von Zeitungsartikeln die Relativitätstheorie als durch die Massenmedien ausgelöste „ Massensuggestion” zu enthüllen. Gehrckes Sammlung umfasst etwa 3000 Artikel, weitere 2000 Beiträge sind während des Krieges verloren gegangen. Die Sammlung befindet sich in unserem Institut, ist digitalisiert und im Internet frei zugänglich.
Das Gespräch führte Thomas Bührke ■ „Gegenwärtig debattiert jeder Kutscher und jeder Kellner, ob die Relativitätstheorie richtig sei”, wunderte sich Einstein, nachdem Astronomen 1919 einen vorhergesagten Effekt der Allgemeinen Relativitätstheorie bestätigt hatten – die Lichtablenkung im Schwerefeld der Sonne. Einstein wurde über Nacht weltberühmt. In dieser Zeit entstand der aufwendigste Lehrfilm seiner Zeit. Er ist heute verschollen. Doch MILENA WAZEK vom Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte hat Details über dieses Dokument der Zeitgeschichte herausgefunden. Die 27-jährige Politikwissenschaftlerin forscht über die Ursachen der kontroversen Rezeption der Relativitätstheorie in den zwanziger Jahren. Sie schreibt zur Zeit ihre Doktorarbeit über die Gegner der Relativitätstheorie.
Ohne Titel
· • 1922 startete in Deutschland ein Einstein-Lehrfilm. Es war die bis dahin aufwendigste Dokumentarproduktion. • Kinotechniker und Trickzeichner leisteten dabei Pionierarbeit. • Das Werk provozierte ungewöhnlich viele Presseberichte und führte zu politisch motivierten Polemiken.





