“Es schrillen die Alarmglocken viel früher und es wird zeitiger eingegriffen als in Deutschland”, meint die Wissenschaftlerin. Die Jugendlichen werden strenger im Auge behalten. “Wenn einer mit grünen Haaren in die Schule käme, würde das schon als abweichendes Verhalten gewertet und Reaktionen hervorrufen.” In der Freizeit kontrollieren “Straßenpatrouillen” die Jugendlichen. “Hängen sie irgendwo rum, sind laut oder die Mädchen auffällig geschminkt, werden sie angesprochen”, erzählt die Forscherin.
Straßenpatrouillen – das sind Freiwillige, zumeist Pensionäre, die sozial tätig sein möchten. Es gibt Gespräche mit den Jugendlichen, ihren Eltern und Lehrern, aber keine Anzeige bei der Polizei. Hinzu kommt das Schulsystem mit Ganztagsschulen von morgens bis abends. “96 Prozent aller Schüler in Japan gehen 12 Jahre lang unter annähernd gleichen Bedingungen in die Schule”, sagt Foljanty-Jost. Hinzu komme eine geringere Polarisierung durch Einkommen.
Die Schere zwischen Arm und Reich sei nicht so ausgeprägt wie in Deutschland. Auch die Wohngebiete seien sozial durchmischt und es gebe eine verschwindend geringe Scheidungsquote. Kommt es an Schulen doch einmal zu Gewaltausbrüchen, werden regelrechte Aufklärungskampagnen gestartet, mit Plakaten, Aufsätzen und Gesprächsrunden, sagte Foljanty-Jost. Der “Täter” wird jedoch möglichst nicht bestraft oder ausgegrenzt. Für Vergebung müsse er jedoch öffentlich Reue zeigen. “Diese Kultur der Scham ist ein Kulturmuster in Japan, das sich durch die Jahrhunderte zieht.”
“Die Gewalthäufigkeit an den Schulen liegt in Japan um das zehnfache unter dem Niveau in Deutschland,” erläutert die Leiterin des dreijährigen Forschungsprojektes. Weltweit habe Japan im Vergleich zu den westlichen Industrieländern die geringste Jugendkriminalität und die geringste Rückfallquote. “In unserem westlichen Verständnis kann man das dichte Kontrollnetz als problematisch sehen.” Das System wäre auf Deutschland so nicht übertragbar, sollte aber Anlass zu Nachdenken sein und könnte etwa der Debatte um Sinn oder Unsinn von Ganztagsschulen Impulse geben, meint die Professorin.





