Die neuen Funde untermauern diese Vermutung nun erstmals mit Belegen. Entdeckt haben Harmand und ihre Kollegen die urzeitlichen Steinwerkzeuge durch Zufall: Auf dem Rückweg zum Camp am kenianischen Turkanasee folgten sie dem falschen Pfad und erkletterten einen Hügel, um nach dem richtigen Rückweg zu suchen. Dort stießen sie auf Gesteinsaufschluss in den mehrere verdächtig bearbeitet aussehende Steine eingebettet waren. In anschließenden systematischen Ausgrabungen fanden die Forscher insgesamt 149 Steinartefakte, deren Form auf eine gezielte Bearbeitung hindeutete. Darunter waren neben Abschlagsspuren an Felsbrocken auch Klingen und ambossähnliche größere Steine, wie sie berichten. Einige Steinwerkzeuge wurden offenbar mehrfach und auf verschiedene Art genutzt. “Die Nutzung einzelner Objekte für verschiedenen Aufgaben reflektiert einen Grad der technologischen Vielfalt, der sich von den meist nur für einen Zweck hergestellten Werkzeugen der nichtmenschlichen Primaten unterscheidet”, betonen die Wissenschaftler.
Zu alt für den Homo habilis
Die Datierung ergab, dass diese primitiven Steinwerkzeuge bereits 3,3 Millionen Jahre alt sind – und damit rund 700.000 Jahre älter als alle bekannten Werkzeuge von Vor- oder Frühmenschen. Das aber bedeutet, dass diese Werkzeuge wahrscheinlich nicht vom Homo habilis oder einem anderen Vertreter der Gattung Homo hergestellt worden sein können. “Die Homininen-Spezies, die zu dieser Zeit in der Gegend von West Turkana lebte, war der Kenyanthropus platytops”, berichten Harmand und ihre Kollegen. Die 3,3 Millionen Jahre alten Fossilien dieses Vormenschen wurden 199 weniger als einen Kilometer vom Fundort der Werkzeuge entfernt gefunden. An welcher Stelle er im Stammbaum des Menschen steht, ist bisher unklar, er war aber wahrscheinlich eher ein Nebenzweig als einer unserer direkten Vorfahren. Theoretisch käme aber auch ein bisher unbekannter Vertreter der Gattung Homo als Werkzeugmacher in Frage oder aber der Australopithecus afarensis, der damals ebenfalls in der Nähe des Turkanasees lebte.
Nach Ansicht der Forscher ist es damit wahrscheinlich, dass die Fähigkeit zur Werkzeugherstellung bereits vor den ersten Vertretern der Gattung Homo begann. “Diese Steinwerkzeuge markieren einen neuen Anfang der bisher bekannten archäologischen Funde”, konstatieren die Wissenschaftler. Sie schlagen vor, diesen Typ der vormenschlichen Steinwerkzeuge nach ihrer Fundschicht “Lomekwian” zu taufen. Die Fertigkeiten der Werkzeugmacher vom Turkanasee seien zwar deutlich weniger weit entwickelt als die an den Olduwan-Werkzeugen sichtbaren. “Die Funde deuten aber darauf hin, dass ihre Schöpfer bereits über eine sehr gute Auge-Hand-Koordination verfügten und daher die entsprechenden Gehirnregionen bereits vor mehr als 3,3 Millionen Jahren reorganisiert und erweitert waren.” Wer diese Schöpfer waren, müssen nun weitere Forschungen klären.





