Ob das auch wirklich stimmt, hat Tsay nun in einer Reihe von sieben Experimenten mit insgesamt fast 1.200 Teilnehmern überprüft. Sie wollte wissen, wie sehr sich sowohl musikalische Laien als auch Profi-Musiker von visuellen oder aber akustischen Informationen leiten lassen. Dafür erstellte die Forscherin zunächst kurze Videoausschnitte des Spiels der jeweils drei Finalisten von insgesamt zehn internationalen Klassikwettbewerben. Jeder der Ausschnitte war sechs Sekunden lang. Zusätzlich produzierte die Wissenschaftlerin eine stumme Variante dieser Videos und eine Variante, bei der nur die Tonspur zu hören war, ohne Bild. In den ersten Experiment-Durchgängen sollten nun zunächst musikalische Laien anhand von Video, Sound oder aber beidem einschätzen, welcher der jeweils drei Finalisten pro Wettbewerb den ersten Preis gewonnen hatte.
Mehr Treffer bei stummem Vorspiel
Das Ergebnis war eine echte Überraschung: Denn die meisten Treffer erzielten die Probanden ausgerechnet dann, wenn ihnen das vermeintlich wichtigste Kriterium der Musik, der Klang, nicht zur Verfügung stand. Hörten die Teilnehmer die reinen Tonaufnahmen oder die Videos mit Ton, dann lagen sie bei gerade einmal einem Viertel der Musiker richtig. Sahen sie aber nur das stumme Video, bestimmten sie in mehr als der Hälfte der Fälle korrekt den Gewinner des Wettbewerbs. Dieses Ergebnis zeigt nach Ansicht von Tsay zweierlei: Zum einen können Laien die auf langem, intensivem Hören beruhenden Entscheidung von Juroren durchaus gut einschätzen. Aber das – und das ist das Zweite – gelingt ihnen offenbar nur dann, wenn sie die Musik und das Spiel der Wettbewerber nicht hören, sondern nur sehen – und das nur in wenige Sekunden kurzen Ausschnitten.
Theoretisch wäre denkbar, dass dieses Ergebnis nur typisch für musikalische Laien ist, die die Feinheiten der Virtuosität und des Spiels ohnehin nicht beurteilen können. Wie aber sieht es mit echten Profis aus? Auch das hat Tsay getestet. In einer weiteren Testreihe bat sie insgesamt 144 professionelle Musiker zum Experiment. Auch sie bekamen die gleichen Video- und Tonausschnitte zu hören. “Profi-Musiker haben das Wissen und die Übung, um die Qualität einer Performance am Klang zu erkennen”, erklärt Tsay. “Sie sollten daher die jeweiligen Gewinner unter den Finalisten besser erkennen können als die Laien.” Aber weit gefehlt: Trotz ihrer Erfahrung lagen auch die Experten nur bei maximal einem Viertel ihrer Tipps richtig, wenn sie entweder die Tonaufnahmen hörten oder die Videos mit Ton. Konnte sie dagegen keinerlei Musik hören und sahen das Ganze nur als Stummfilm, stieg ihre Trefferquote auf rund die Hälfte. “Obwohl es eine breite Übereinstimmung darin gibt, dass die akustische Information das Ausschlaggebende bei der Musik ist, liefern diese Experimente starke Argumente dagegen”, konstatiert Tsay.





