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Die Botschaften der ewigen Toten
Archäologen und Naturwissenschaftler arbeiten als Mumienforscher eng zusammen. Dabei ermöglichen moderne Analyseverfahren ganz neue Einblicke. Manchmal stützen sie die Erkenntnisse der Archäologie, manchmal räumen sie auch mit Vorurteilen auf.
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von RAINER KURLEMANN
Die Menschen sind verstorben, doch die Zeit hat sie nicht verschwinden lassen. In Mumien hat der übliche Verwesungsprozess eines Leichnams nicht stattgefunden, sie sind gewissermaßen ewig bleibende Tote. „Der Anblick eines Körpers, dem man ansieht, dass er schon lange tot ist, aber der doch noch Züge eines Lebenden hat, übt auf uns Menschen eine besondere Faszination aus“, sagt Wilfried Rosendahl. Der Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim kennt die Wirkung von Mumien. Als Wissenschaftler geht Rosendahl aber noch einen Schritt weiter. „Mumien sind wertvolle und außergewöhnliche Archive des Lebens“, sagt er. Die Toten tragen Botschaften ihrer Zeit, Puzzlesteine für das Verständnis von vergangenen Bevölkerungen.
Röntgenstrahlen und Computertomograph
Angesichts des Zaubers der Mumien ist es nicht verwunderlich, dass viele neue Techniken der Naturwissenschaften schnell von der Mumienforschung verwendet wurden. Schon wenige Monate nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1895 durchleuchtete ein Frankfurter Forscherteam eine ägyptische Kindermumie aus einem örtlichen Museum. Das unscharfe Bild der Kniegelenke des Kindes bot erstmals Einblick in eine vollständig bandagierte Mumie.
117 Jahre später untersuchte Wilfried Rosendahl gemeinsam mit anderen Forschern diese Kindermumie erneut. Diesmal schob er den Körper in einen neuen Computertomographen (CT) in der Radiologie der Medizinische Fakultät Mannheim. Der hochauflösende CT verwendet die neue Dual-Source-Technologie mit zwei Röntgenquellen, die im rechten Winkel zueinander stehen. Das 2005 entwickelte Verfahren zeigt wesentlich mehr Details des untersuchten Körpers und ermöglicht bessere dreidimensionale Ansichten. Bei der Auswertung der Daten saßen nicht nur Anthropologen vor dem Bildschirm, sondern auch Radiologen. Die gemeinsame Diagnose ergab, dass der Junge eine angeborene Trichterbrust besaß und seine Leber möglicherweise durch Parasitenbefall stark vergrößert war. Zudem zeigte das Skelett mehrere Wachstumsstörungen, vermutlich durch Entbehrungen in der frühen Kindheit. Er wurde nur vier bis fünf Jahre alt.
Im Dezember veröffentlichte das Forscherteam neue Daten zu 21 weiteren Kindermumien aus europäischen Museen. „Der Computertomograph ist inzwischen das A und O der Mumienforschung“, sagt Rosendahl. Die Technik erlaubt zerstörungsfreie Untersuchungen und liefert extrem detailgetreue Abbildungen. Die nächste Generation der Maschinen für medizinische Diagnostik wird die Messgenauigkeit dank der neuen Photoncounting-Technologie sogar noch weiter verbessern. Dann können Forschungsfragen beantwortet werden, die bisher als nicht beantwortbar galten.
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Derzeit wird in einem Krankenhaus in Lyon die Mumie eines hochrangigen ägyptischen Beamten untersucht. Während der Konservierung des Körpers wurde dem Mann vor etwa 3.000 Jahren nicht nur eine Kette mit Amuletten, sondern auch ein typischer Glücksbringer mitgegeben: ein Herzskarabäus. Diese Beigaben wurden schon 2007 bei einem CT-Scan unter den festen Mumienbinden entdeckt. Herzskarabäen tragen häufig Inschriften. Mit der neuen Untersuchung wollen die Forscher nun diese Hieroglyphen aufspüren und vielleicht sogar ihre Bedeutung und den persönlichen Bezug verstehen.
Nicht auf Ägypten beschränkt
Aber der CT ist nur ein Weg, um mehr über die Menschen und die Zeit zu erfahren, in der die Verstorbenen gelebt haben. Zudem ist die Arbeit der Mumienforscher auch nicht nur auf Fundstücke aus dem alten Ägypten beschränkt, mumifizierte Körper gibt es auf allen Kontinenten und aus verschiedenen Zeitaltern. Jedes Jahr werden neue gefunden. Manchmal sind sie die einzigen Zeugen einer Zeit, aus der es nur wenige schriftliche Überlieferungen oder andere Funde gibt. Einige Mumien sind von Menschenhand konserviert worden, andere durch natürliche Prozesse für die Nachwelt erhalten geblieben. „Wie viele mumifizierte Personen es gibt, hat noch niemand gezählt“, sagt Rosendahl.
Im alten Ägypten hatte fast jeder Ort eine Balsamierungswerkstatt – oft Familienbetriebe, die ihr Wissen über Generationen weitergaben und die unversehrten Körper der Toten, in Bandagen eingewickelt, für die Reise in die Ewigkeit vorbereiteten. Doch auch in Teilen Südamerikas und Asiens hatte man Bestattungstechniken, mit denen Leichname konserviert wurden. Sie wurden mit Hitze getrocknet und mit antimikrobiell wirkenden Ölen oder erdigen Materialien und Stoffen geschützt.
Das Prinzip der künstlichen Mumifizierung ähnelt dem natürlichen Vorgang, der unter bestimmten Bedingungen ebenfalls zur Mumifizierung führt. Wichtig in beiden Fällen: Dem Leichnam muss möglichst schnell das Wasser entzogen werden, damit die von den körpereigenen Bakterien ausgelösten Verwesungsprozesse langsamer ablaufen oder ganz gestoppt werden. In sehr trockenen Gebieten wie Wüsten werden Körper durch Austrocknung mumifiziert. In eisigen Regionen kommt es zur Gefriertrocknung durch Kälte wie bei der Gletschermumie Ötzi. Auch Salzgestein hat eine wasserentziehende Wirkung, wie Funde im Iran und der berühmte „Mann im Salz“ beweisen, der in einem Salzbergwerk in Österreich entdeckt wurde.
In manchen Kellergewölben und der Krypta von Kirchen kommt es zur Mumifizierung, weil ein steter Luftzug den Leichnam schneller austrocknet, als er verwesen kann. Mancherorts wurden die Toten auch mit zusätzlichen Hilfsmitteln wie Holzspänen, Tüchern, natürlichen Imprägniermitteln und Gerbstoffen von innen getrocknet, wie der Pathologe Andreas Nerlich von der LMU München im Mai 2025 bei einem im 18. Jahrhundert verstorbenen österreichischen Kaplan mittels CT-Untersuchung aufklären konnte. Einen Sonderfall bilden die mehr als 1.000 Moorleichen, bei denen der niedrige pH-Wert des Bodens und die Sauerstoffarmut die Verwesungsbakterien behindern.
Neue naturwissenschaftliche Analysen
Weil sich die Techniken der Bestattung mit der Zeit veränderten und sie auch von Region zu Region unterschiedlich sind, ist die Suche nach der Art der Mumifizierung oft ein Bestandteil der Forschungsprojekte. Im Detail sind heute sehr spezielle Untersuchungen der mumifizierten Körper möglich. „Der Vorteil von Mumien liegt darin, dass auch Weichteile des Körpers erhalten geblieben sind. Aus Weichteilen lassen sich ganz andere Informationen gewinnen als aus Knochen“, erklärt Rosendahl. Und seit wenigen Jahren stehen den Forschern spezialisierte Untersuchungsmethoden mit ganz neuen Ansätzen zur Verfügung. Proteinuntersuchungen an altem Zahnstein und Isotopenanalytik des Gewebes geben etwa Aufschluss über das Ernährungsverhalten. Eine DNA-Probe erlaubt Rückschlüsse auf die Herkunft des Menschen, seine genetische Verwandtschaft und die Wanderungsbewegungen seiner Gruppe.
Archäologe Philipp Stockhammer von der LMU München bezeichnet diesen technischen Fortschritt deshalb als nächste große Revolution in der Archäologie. Sie werde ähnlich große Auswirkungen haben wie die Entdeckung der Radiocarbonmethode, mit der ab den 1950er-Jahren die Altersbestimmung historischer Funde möglich wurde. „Diese naturwissenschaftlichen Analysen zwingen uns, unser bisheriges Denken und unsere Bewertungen zu hinterfragen“, sagt Stockhammer. Das Wissen um die europäische Geschichte sei in den letzten 15 Jahren teils umgeworfen oder radikal ergänzt worden.
So fanden die Archäologen Hinweise, dass der globale Handel mit Gewürzen, Früchten und Ölen einige Jahrhunderte oder sogar einige Jahrtausende früher begonnen hat als bisher gedacht. Diese Erkenntnis verdankten sie dem Umstand, dass die Gebisse der Mumien Essensrückstände preisgaben. Stockhammers Team analysierte den Zahnstein von 16 Individuen, die vor mehr als 3.500 Jahren in der Levante, in den Ländern des östlichen Mittelmeers, lebten. Und da bei der Zahnsteinbildung immer auch winzige Mengen von Essensresten eingeschlossen werden, gaben die Proteine darin Auskunft darüber, welche Lebensmittel verspeist worden waren.
„Uns ist der bislang früheste direkte Nachweis von Kurkuma, Banane und Soja außerhalb Süd- und Ostasiens gelungen“, berichtet der Forscher. „Es ist spektakulär, zu welch frühem Zeitpunkt in der Geschichte Nahrung bereits über weite Distanzen ausgetauscht wurde“, sagt er. Andere Forscher fanden im Zahnstein Reste von Milchproteinen, aus denen sie schlussfolgern, dass Menschen bereits vor mindestens 6.000 Jahren Milch zu Joghurt oder Käse verarbeitet haben. Die Zahnsteinforschung ergänzt dabei Funde von Lebensmittelspuren in alten Gefäßen, die sich mit Nahrungsrückstands- oder Proteinanalysen noch tausende Jahre später identifizieren lassen.
Ebenso deutlich lässt sich der Speiseplan eines Menschen in seinem Gewebe wiederfinden. Das liegt daran, dass Pflanzen für ihr Wachstum verschiedene Stoffwechselprozesse nutzen. Dadurch reichern sich die natürlichen Isotope des Stickstoffs, Kohlenstoffs und Sauerstoffs in unterschiedlichen Mengen an. Jedes Lebensmittel entwickelt seinen charakteristischen Isotopenabdruck. Menschen, die beispielsweise überwiegend Mais verzehren, speichern in ihrem Körper andere chemische Signale als Fischkonsumenten oder Fleischesser. Gewebeproben einer Mumie können deshalb einen Einblick in das typische Ernährungsverhalten und damit in den Alltag zu Lebzeiten geben.
Rückschlüsse auf Schicksale
Mumien sind mehr als nur leblose Objekte. Sie bewahren Erlebnisse. Aus den Haaren eines mumifizierten 15 Jahre alten Mädchen, das im Nordwesten Argentiniens in einer Art steinernem Schrein am Gipfel eines Vulkans gefunden wurde, konnten Wiener Forscher mit ähnlichen Methoden die letzten beiden Lebensjahre der Toten skizzieren. Das Mädchen wurde vor etwa 500 Jahren in der Inka-Zeit gemeinsam mit zwei anderen Kindern vermutlich für ein Opferritual ausgewählt. In dem Haarabschnitt, der dem letzten Jahr ihres Lebens entspricht, fanden die Forscher Rückstände, die auf einen erhöhten Konsum von Koka-Blättern schließen lassen. Wenige Monate vor ihrem Tod bezeugen die Haare den Konsum erheblicher Mengen Alkohol, vermutlich aus dem fermentierten Maisgetränk „Chicha“. Die Wiener Forscher gehen davon aus, dass das Kind mit den Rauschmitteln für das Opferritual vorbereitet wurde. Im CT entdeckten sie keine Spuren von Gewalteinwirkung. Das Mädchen ist vermutlich in ihrem Schrein, der mit Federschmuck und Keramikschalen als Opfergaben ausgestattet war, erfroren.
So hilft die Naturwissenschaft dabei, die wahren Geschichten der Verstorbenen zu erzählen. Damit widerlegen die Forscher manchmal Anekdoten, die das Schicksal der Toten mit gutem oder schlechtem Verhalten erklären wollten. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte „Mädchen von Windeby“, eine Moorleiche, die 1952 in Schleswig-Holstein gefunden wurde. Die Mumie trug ein Band um die Augen, die linke Kopfhälfte war kahlgeschoren und die Hand zu einer scheinbar erotischen Geste geformt. Lange Zeit waren das genug Indizien, um die Tote als Ehebrecherin zu deklarieren, die zur Strafe ins Moor getrieben worden war. Eine andere Moorleiche, die nicht weit entfernt gefunden wurde, soll der Geliebte gewesen sein. Bis Ende der 1970er-Jahre hielt sich diese Anekdote, verbesserte Forschung bestätigte jedoch die später aufgekommenen Zweifel: 2002 ergab eine Datierung, dass die Todeszeiträume der beiden mehr als 140 Jahre auseinanderliegen. Das Mädchen von Windeby wurde schließlich per DNA-Analyse und CT als von Hunger gezeichneter, zierlicher Junge identifiziert, der an den Folgen einer Zahnentzündung gestorben war.
Zu den neuen naturwissenschaftlichen Verfahren gehört auch die vergleichende DNA-Analyse. Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig stellte im April 2025 eine Studie vor, die das Erbgut von Menschen untersuchte, die vor 7.000 Jahren in Südlibyen gelebt haben. Das Gebirge Tadrart Acacus an der Grenze zu Algerien war damals noch eine fruchtbare Region; es war die Zeit der grünen Sahara. Archäologen haben dort mehrere Grabstätten gefunden. Bei zwei mumifizierten Individuen hatte die DNA die extremen Witterungsbedingungen überstanden; normalerweise können die Forscher Knochenfunde aus der Region nicht für Genanalysen nutzen. Die Leipziger Forscher sequenzierten das Genom und verglichen es mit dem von Menschen, die zu ähnlicher Zeit in Marokko und südlich der Sahara lebten.
Das überraschende Ergebnis der Mumienforscher: Die Menschen in der Nordsahara hatten wohl nur wenig Austausch mit der Bevölkerung weiter im Süden. Zuvor hatten die Wissenschaftler vermutet, dass die grüne Sahara ein Korridor für Wanderungsbewegungen gewesen sei. Doch solche Wanderungen zeigen sich immer auch in einer Vermischung von DNA, die in diesem Fall fehlt. Dagegen ist das Erbgut der Europäer beispielsweise durch mindestens drei große Wanderungsbewegungen geprägt und ein Beweis dafür, dass die heutige Bevölkerung auf dem Kontinent durch fortwährende Migration entstanden ist.
Doch nicht immer kann die DNA aus dem Altertum die Erwartungen der Forscher erfüllen. „In den ägyptischen Mumien ist die DNA oft noch gut erhalten“, sagt Stockhammer zwar. Die Forscher können sie jedoch keiner konkreten Person zuordnen. „Die DNA ist hochgradig antik kontaminiert, vermutlich weil in den Balsamierungswerkstätten am Anfang der Konservierung immer die gleichen Salzlösungen benutzt wurden und dadurch das Erbgut von sehr vielen Verstorbenen vermischt wurde“, erklärt Stockhammer.
Auch ein CT gab anfangs nicht alle Antworten auf den ersten Blick preis. Die Forscher mussten erst lernen, wie unterschiedliche Materialien, etwa Mumientücher, Stoffe, Keramiken, Edelsteine oder Metalle auf den Bildern dargestellt und unterschieden werden können. Denn die Auswertungssoftware ist ursprünglich nur für Untersuchungen am Menschen gedacht. Doch das Wissen wächst, und den Forschern öffnet sich der Blick für die Beigaben in den Mumien. Rosendahls Team hat einen Datensatz aus dem CT, der den Inhalt der geschlossenen Hände einer Frauenmumie beschreibt, für einen 3D-Drucker lesbar gemacht. Die Maschine hat dann gedruckt, was der vor etwa 600 Jahren in Peru verstorbenen Frau in die Hände gelegt worden war: Es waren zwei Milchzähne von Kindern. Die Geschichte dazu kann bisher nicht erzählt werden. Aber den Forschern gelingt es immer häufiger auf diesem Weg und mithilfe eines 3D-Druckers, Amulette oder andere Beigaben aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare zu holen.
Die Beispiele zeigen, wie die neuen Möglichkeiten in den vergangenen Jahren die Fantasie der Forscher angeregt haben. Und die Anwendung der neuen Technologien hat gerade erst begonnen. Archäologe Stockhammer hält es sogar für möglich, dass das Wissen über die Techniken der Balsamierung den heute lebenden Menschen helfen könnte. Er hat einen Teil der Rezepturen für Mixturen entschlüsselt, die in einer altägyptischen Balsamierungswerkstatt in Sakkara, am westlichen Nilufer, verwendet wurden. Darunter finden sich duftende Öle von Zypressen, Wacholderbäumen und Zedern, tierische Fette und Harze von Pistaziengewächsen aus der Levante, aber auch Baumharze, die aus Süd- und Ostasien nach Ägypten gekommen sind. Zur Balsamierung wurden die wertvollen Zutaten dann vermutlich speziell für den Erhalt der Haut gemischt. In einem kleinen Forschungsprojekt testet er nun deren Wirkung auf die menschliche Haut. „In diesem Projekt wollen wir die Chemie der Balsamierung besser verstehen“, sagt er. Aber vielleicht findet sich im Wissen der alten Ägypter ja auch ein Ansatz, wie die Lebenden ihre Haut besser schützen können. ■
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