Hartmut Kühne wundert sich: Er liefert den Beweis für eine Geschichtsklitterung im alten Orient – und die wissenschaftliche Welt nimmt es nicht zur Kenntnis. Der Archäologe der Freien Universität Berlin belegt mit seinen Grabungen das Fortleben der alten Eliten nach dem Zusammenbruch des assyrischen Weltreiches. Doch seine Kollegen reden weiter vom vollständigen und sofortigen Verschwinden der Assyrer nach der finalen Niederlage gegen die Babylonier.
Was war geschehen? Das spätassyrische Imperium brach 612 v.Chr. zusammen. Die bombastischen Tempel wurden geschändet, die Götterstatuen zertrümmert, die protzigen Residenzen der Könige geschleift, die Städte dem Erdboden gleichgemacht. Die Bevölkerung ging versklavt ins Exil. „Ich verwandelte das feindliche Land in Schuttberge und Ruinen”, konstatiert der Sieger befriedigt. Nichts ging mehr. Vor 2613 Jahren übernahm der Erbfeind Babylon nahtlos den größten Teil des assyrischen Weltreiches vom Persischen Golf hinauf nach Anatolien, westlich bis in die mittelmeerische Levante und im Süden bis hart an die Grenze zu Ägypten. Die Assyrer, so die Lehrmeinung bis heute, verschwanden 612 v.Chr. spurlos von der Bühne der Weltgeschichte. Falsch! sagt Hartmut Kühne. Der imperialistische Staat der Assyrer spielte nach dem Fall seiner Hauptstadt Ninive weltpolitisch keine Rolle mehr, aber die Babylonier konnten ihr neues Reich nur zusammenhalten, weil sie die Verwaltung des as- syrischen Reiches, inklusive Personal, übernahmen. Die Beamten taten weiter ihren Dienst, die neuen Herren konnten sich voll auf sie verlassen. Hartmut Kühne: „Die Babylonier hatten nichts Eiligeres zu tun, als die assyrische Beamtenschicht für sich zu verpflichten.”
Seine Sicherheit, die Spuren der Assyrer nach dem Desaster gefunden zu haben, beruht auf zwei Textfunden in seiner umfangreichen Grabung am Tell Schech Hamad am Habur, einem Nebenfluß des Euphrat im heutigen Syrien. 1992 fand der Berliner Archäologe in dieser assyrischen Verwaltungsresidenz Dur-katlimmu vier aufsehenerregende Keilschrift-Tontafeln, 1998 gar ein ganzes Keilschrift-Archiv mit 550 Dokumenten. Die langjährigen Ausgrabungen und die tönernen Aktenfunde von 1998 geben Hartmut Kühne einen guten Einblick in die assyrische Stadt am Habur: Die Unterstadt diente nicht einer zivilen Bevölkerung als Heimstatt, sondern war das Wohngebiet der Verwaltungselite in pompösen Häusern. Die Siedlung war Militärgarnison mit einer ständigen Besatzung, vor allem der Streitwagentruppe, und Sitz einer regionalen Verwaltung, der unter anderem die Pflege der Bewässerungsanlagen anvertraut war. Zugleich residierte hier Schulmu Scharri, ein Vertrauter des assyrischen Königs Assurbanipal. Ihm und dem Streitwagenherrn Rahimi-il waren, als außerordentliche Privilegien, private Geschäfte erlaubt. Die Keilschrift-Urkunden weisen Land- und Sklavenhandel der beiden aus. Dr. Karen Radner, Keilschrift-Entzifferin in München und „ Leserin” der Ton-Nachrichten, konstatiert zudem eine starke Präsenz der assyrischen Geistlichkeit und der Auslands-Spionage in der Stadt. So untermauern die Texte den archäologischen Befund in den Ruinen: Die Provinzmetropole am Habur hatte erhebliches Gewicht im assyrischen Herrschaftsgefüge.
Der Staat zerbrach 612 v.Chr. unter dem Druck innerer Schwäche und dem Ansturm äußerer Feinde. Ein Rettungsversuch mit Hilfe der Ägypter schlug fehl, Assyrien ging unter, der König von Babylon errichtete sein neubabylonisches Reich. Das kann auch Kühne in Dur-katlimmu nachweisen: Die neuen Herren bauten ihre Häuser in die Ruinen der alten Residenzen. In einem dieser Neubauten, im sogenannten Roten Haus, klaubte Ausgräber Kühne bereits 1992 die vier sensationellen Tontafeln vom Boden. Deren Nachrichten beschleunigten Kühnes Puls-schlag erheblich: Ein namentlich ge-nannter assyrischer Schreiber verfaßt hier auf einem assyrischen Formular in assyrischer Sprache und assyrischer Schrift eine Urkunde über einen Landkauf – in Assyrien ein Staatsakt. Nur das Datum paßt in Form und Zeit nicht dazu: „5. Jahr des Nebukadnezar, König von Babylon”. Die notarielle Beglaubigung ist damit im Jahr 600 v.Chr. gestempelt worden. Eine zweite Urkunde in derselben Form datiert ins Jahr 603, das zweite Regierungsjahr des biblischen Babylonienkönigs Nebukadnezar II. (Regierungszeit 604 bis 562 v.Chr.). Zehn und zwölf Jahre nach dem Zusammenbruch des assyrischen Reiches führten also assyrische Beamte hoheitliche Aufgaben aus – im Namen des neuen, babylonischen Souverän. Karen Radner: „Die Oberschicht in Dur-katlimmu war weiterhin in der Stadt aktiv und hatte offensichtlich nichts von ihrer gesellschaftlichen Stellung eingebüßt.” Neu eingetroffene babylonische Verwaltungsbeamte „ lassen sich gar nicht nachweisen.”
Diese Texte sind der „Nachweis für eine physische Weiterexistenz der Assyrer nach dem Zusammenbruch ihres Reiches”, sekundiert Kühne. Zugleich sind es die jüngsten assyrischen Texte, die bislang gefunden wurden. Um so mehr verblüfft es den Ausgräber, daß die wissenschaftliche Welt seine Funde offenbar nicht zur Kenntnis nehmen will – entdeckt hat er die umstürzlerischen Dokumente 1992. Publiziert, also der wissen-schaftlichen Neugier preisgegeben, sind sie seit 1993. Neben der archäologischen Sensation der Funde von 1992 liefert die Zusammenschau mit den Keilschrift-Nachrichten von 1998 den Beweis: „Die meisten der in den Nebukadnezar-Texten genannten Personen waren bereits während der (vorangegangenen) neuassyrischen Zeit aktiv und gehörten Familien an, die sich über mehrere Generationen in Dur-katlimmu nachweisen lassen.” So liest es Karen Radner aus den Keilschrift-Akten, die rund 30 Jahre auseinanderliegen: In den älteren wird der Vater genannt, in den jüngsten sein Sohn. Offen ist bislang nur, ob sie die gleiche Funktion in der Verwaltung hatten.
Die Beamtenschaft war neben Militär und Priesterschaft die dritte Stütze des assyrischen Staatswesens, das strikt auf den König als irdischen Stellvertreter des Staatsgottes Assur ausgerichtet war. Auf den zahllosen Reliefs erscheinen die Beamten auch im Beisein des Königs nie in unterwürfiger, sondern stets in stolzer Körperhaltung. Die Schreiber als Funktionselite hatten eigene Siegel. Die assyrischen Staats-Annalen wurden nicht nach dem jeweils herrschenden König benannt, sondern reichseinheitlich Jahr für Jahr nach einem anderen verdienten Beamten, einem sogenannten Eponymen. Die Verwaltungseliten hatten also in Assyrien einen hohen Rang. Dennoch, so klagt Kühne, „ wissen wir da sehr schlecht Bescheid. Wir kennen einige Beamtentitel, etwa den Wesir. Aber wir wissen nicht, welche Beamten zur assyrischen Regierungsspitze gehörten. Vermutlich waren es neun Beamte, aber sicher ist das noch nicht.” Ein zusätzliches Problem beschert den Kulturdeutern die Tatsache, daß es in Assyrien offenbar zwei Verwaltungsstränge gab: Die Provinzverwaltung und eine zentrale, direkt dem König zugeordnete Administration. Die Provinzgouverneure waren mit stattlichen Machtbefugnissen ausgestattet.
Die „Königs-Beamten” als Vertraute des Herrschers hatten wohl hauptsächlich Revisorfunktion, waren aber auch – wie der Archivfund von 1998 zeigt – direkt in der Provinz stationiert. Sie genossen große Privilegien, etwa Grundbesitz und das Recht zu Immobilien- und Menschenhandel auf eigene Rechnung.
Auch die hohen Militärränge und die obere Priesterkaste werden von derlei Herrscher-Lehen profitiert haben. „Das ganze assyrische Wirtschaftssystem”, so Kühne, „funktionierte auf der Vergabe von Privilegien. Das hat die assyrische Gesellschaft am Ende krank gemacht.” Bei nüchterner Betrachtung ergibt sich ein vertrautes Muster: Die Privilegien nahmen überhand, der König konnte die Ansprüche der Eliten nicht mehr befriedigen. Neue Ressourcen waren auch durch weitere Eroberungskriege nicht zu beschaffen, oder die Kontrolle über sie war verlorengegangen.
Im Inneren war das Reich durch immense Abgaben ausgepreßt, das Volk maulte, die Privilegierten konspirierten gegen den König (bild der wissenschaft 10/2000, „Das Spitzelsystem der Assyrer”). Ein Aggressor von außen stieß auf einen geschwächten Rivalen und konnte nach dem militärischen Sieg das gesamte Reich übernehmen – die privilegierten Verwaltungseliten halfen dabei, sie taten ihre Pflicht. Kühnes Arbeit in der syrischen Wüste müßte die Initialzündung sein, um ein dauerhaftes Klischee zu überprüfen und – höchstwahrscheinlich auch andern-orts – zu revidieren. Aber liebgewordene Klischees, wie das vom restlosen Verschwinden der Assyrer, halten sich lange. Dogmen in der Archäologie, so lästert ein Insider, haben eine Lebenszeit von gut zwei Menschengenerationen – nachdem bewiesen ist, daß sie Leer- statt Lehrsätze sind.
Kompakt Das assyrische Weltreich brach 612 v.Chr. restlos zusammen. Die siegreichen Babylonier übernahmen nahtlos das Reichsgebiet. Deutsche Archäologen haben bewiesen: Die assyrische Elite diente auch dem neuen Herren. Doch die wissenschaftliche Welt nimmt es nicht zur Kenntnis.
Bdw community Lesen Barthel Hrouda MESOPOTAMIEN Die antiken Kulturen zwischen Euphrat und Tigris C.H. Beck Wissen, München 1997 DM 14,80
Paolo Matthiae GESCHICHTE DER KUNST IM ALTEN ORIENT Theiss, Stuttgart 1999 DM 148,–
H. Kühne, A. Mahmoud, W. Röllig (Hrsg.) BERICHTE DER AUSGRABUNG TELL SCHECH HAMAD/DUR-KATLIMMU Bislang 4 Bände im Reimer Verlag, Berlin
Kontakt DFG-Projekt „Ausgrabung Tell Schech Hamad” Hüttenweg 7, 14195 Berlin Tel. 030|83852057 Leitung: Prof. Dr. Hartmut Kühne E-Mail: kuehneha@zedat.fu-berlin.de
Michael Zick





