Die Herkunft Woher stammen die Etrusker? Herodot, Vater der griechischen Geschichtsschreibung aus dem 5. Jahrhundert v.Chr., ließ die Etrusker aus Kleinasien nach Italien einwandern. Tatsächlich zeigt die etruskische Kultur seit dem Ende des 8. Jahrhunderts v.Chr. enge Kontakte zu östlichen Mittelmeer-Gesellschaften. Die Etrusker importieren Gebrauchsgegenstände und Luxuswaren von den Griechen und Phönikern. Sie übernehmen die aristokratische Gesellschaftsstruktur von den nord- griechischen Euböern, ihre politische Organisation entspricht derjenigen der ionischen Stadtstaaten. Die neuere Forschung sieht hierin jedoch nicht mehr den Beweis für eine Zuwanderung aus diesen Gebieten. Es reichen schon Händler und Handwerker, die Waren und Wissen ins Land brachten. Eine zweite Theorie beheimatet die Etrusker im Alpenraum. Die Etrusker verbrennen ihre Toten, damit heben sie sich am Ende des 2. Jahrtausends v.Chr. von ihren Nachbarn ab. Die begraben ihre Toten weiterhin unverbrannt. Die Urnenbestattung ist im Norden üblich, bei der so genannten Urnenfelderkultur. Aber auch diese These erklärt nur einen Teil der etruskischen Kultur. Einen dritten Weg sehen vor allem die italienischen Linguisten: Die Etrusker sollen Erben einer lokalen Bevölkerung sein. Die Forscher halten die etruskische Sprache für ein Relikt aus einer Zeit, in der die indogermanischen Sprachen der italischen Völker noch nicht auf der Halbinsel verbreitet waren. Heute umgehen die Archäologen eine Entscheidung mit der Feststellung, dass die „Volkwerdung” der Etrusker und die kulturelle Einheit auf italienischem Boden stattgefunden hat.
Die Sprache Im Gegensatz zu anderen alten Sprachen – wie dem Altgriechischen oder Lateinischen – war die Kenntnis vom Etruskischen völlig verloren gegangen. Mit der etruskischen Zivilisation ging der größte Teil ihrer Literatur unter. Und mit den letzten Sprechern verschwand auch die Sprache. Im 1. Jahrhundert v.Chr. waren zwar noch römische Übersetzungen von den etruskischen Büchern angefertigt worden. Doch auch die haben sich nicht erhalten. Mühsam mussten sich die Sprachwissenschaftler aus Inschriften auf Bleitäfelchen und Steindenkmälern die Sprache der Etrusker wieder erarbeiten. Geschrieben wurde in Etrurien seit Beginn des 7. Jahrhunderts v.Chr. offenbar recht viel. Denn neben den erhaltenen, harten Schriftbeispielen gab es den alltäglichen Schriftverkehr auf Papyrus, Leinen oder Wachstäfelchen, der verloren gegangen ist. Erhalten sind nur Inschriften auf Steinen, Gold- oder Bleitäfelchen, Bronze- und Keramikobjekten. Meist sind es kurze Sätze – auf einer Keramiktasse steht zum Beispiel: „Ich bin die Tasse von Cupe Altharna; nimm mich nicht.” Die Entzifferung der Schrift fiel den Wissenschaftlern leicht: Die Etrusker lernten das Schreiben bei den Griechen und übernahmen deren Alphabet. Die Texte zu verstehen, war ein viel größeres Problem. Geholfen haben den Linguisten zweisprachige Inschriften. Eine solche „Bilingue” gruben die Archäologen in Pyrgi nahe Rom aus. In der Hafenstadt stand ein Heiligtum, das von den Einheimischen, aber auch von phönikischen Händlern besucht wurde. Auf Goldblechen aus dem 5. Jahrhundert v.Chr. ist auf Etruskisch und Phönikisch festgehalten, dass ein etruskischer König den Tempel der Göttin Uni weiht. Bislang sind einige hundert Wörter des Etruskischen bekannt – sehr wenig für eine Sprache, die in Rom für ihre Literatur berühmt war. Sprachwissenschaftler haben die Grammatik und den Wortschatz analysiert und festgestellt, dass es zum Etruskischen keine Verwandtschaft gibt. Die Sprache stellt einen Fremdkörper im Italisch sprechenden Umland dar. Einzig im Gebiet der Räter, im norditalienischen Alpenraum, ist eine ähnlich fremdartige Sprache auf italienischem Boden dokumentiert. Weitere Spuren gibt es auf Limnos, einer Insel im Ägäischen Meer. Dort haben die Archäologen Inschriften aus dem 6. Jahrhundert v.Chr. gefunden, deren Sprache dem Etruskischen nahe steht. Die Religion Der „Leberleser”, der Haruspex, war eine der wichtigsten und angesehensten Persönlichkeiten der etruskischen Gesellschaft. Er beherrschte die Kunst, in Eingeweiden von Tieren zu lesen, Blitz und Donner und den Vogelflug zu interpretieren. Daraus las er ab, wie die Götter gestimmt waren und was bevorstand. Die Etrusker sahen es als die höchste Pflicht des Menschen an, den Willen der Götter herauszufinden und danach zu handeln. Sie betrieben das derart perfekt, dass die Römer die etruskischen Haruspices um Rat fragten. Die Kunst der Haruspices stammt aus Mesopotamien. Die Phöniker bringen dieses Wissen auf ihren Handelsfahrten nach Etrurien, wo die Riten zur „ etruskischen Disziplin” ausgebaut werden. Zunächst jedoch haben die Etrusker ähnliche Fruchtbarkeitskulte, Hochzeits- und Initiationsriten und Ahnenverehrung wie die italischen Nachbarn. Erst die phönikischen Sitten inspirieren die einheimische Religion. Prägend, sogar überprägend, wird die griechische Kultur – und das nicht nur in der Religion. Am Ende des 7. Jahrhunderts v.Chr. haben alle etruskischen Götter ein griechisches Gesicht. Aus der etruskischen-phönikischen Göttin Uni-Astarte zum Beispiel ist Hera geworden. Und die Helden der griechischen Mythen tummeln sich in den Bildwerken Etruriens. Die etruskische Religion erscheint ab da als provinzielle Variante der griechischen. Die Sittenlosigkeit „Skandalös” zeterten die Griechen über die Lebensart der Etrusker. Entsetzt waren sie von den ausschweifenden Festgelagen, an denen Männer und Frauen teilnahmen. Für Griechinnen der Gesellschaft wäre das nicht schicklich gewesen. Schreckliche Trinkerinnen seien die Etruskerinnen! Diodorus Siculus erzählt im 1. Jahrhundert v.Chr., dass die Etrusker zweimal am Tag üppig tafelten und auch ansonsten in sattem Luxus lebten: Ihre Lager wären mit bunt bestickter Bettwäsche bezogen, sie tränken aus silbernen Schalen und hätten immer eine große Anzahl Diener um sich herum. Und sogar die wären viel zu prachtvoll angezogen. Spätestens seit dem 8. Jahrhundert v.Chr. spaltete sich die etruskische Gesellschaft in Reich und Arm. Eine Elite war entstanden, die sich auch in ihren Gräbern so darstellen ließ: Reiche Krieger, die eine Paradeausrüstung vom Schwert bis zum Streitwagen mit ins Grab bekamen. Statussymbole der Oberschicht waren feines Bronzegeschirr und Importwaren aus dem Orient wie Fayencen, Straußeneier und Elfenbein. Die Aristokraten zeigten ihren Reichtum gerne. Die Frauen der Etrusker traten, im Gegensatz zu den Römerinnen, außerhalb des Hauses auf dem gesellschaftlichem Parkett auf. Etruskerinnen von Rang betätigten sich auch als Unternehmerinnen: Sie führten Werkstätten und garantierten mit ihrem Namensstempel für die Qualität der Ware. Als Mitglied einer reichen Familie nahmen sie an den Festen mit ihren Männern teil. Sie parfümierten und salbten sich und traten auch schon einmal unbekleidet auf. „Tryphé” war das, was nach Meinung der Griechen die Oberschicht Etruriens charakterisierte: Je nach Situation kann man den Begriff für Verweichlichung, Schwelgerei, Luxus, Wollust, Übermut oder Stolz verwenden. Der Untergang Die Vereinigten Staaten der Toskana – so etwa nannten die Etrusker ihr Land: „Rasenna”. Der Name „Etrusker” ist ihnen erst von den Römern gegeben worden, Die nannten sie „Tusci” oder „Tursci”. Sie selbst fühlten sich als Angehörige einer Stadt, eines autonomen Königreiches. Sie waren Tarquinier aus Tarquinia oder Veienter aus Veio. Die großen Städte waren in einem Zwölf-Städte-Bund nach ionischem Vorbild organisiert. Es gab nie eine einheitliche Nation oder einen gemeinsamen Staat. Die Vertreter der wichtigsten Städte trafen sich alljährlich in Volsinii (heute: Orvieto) am Bolsena-See. Neben religiösen Themen wurde dort auch Politisches besprochen. Als Veio gegen das expandierende Rom kämpfte, war das ein Tagesordnungspunkt in der Versammlung. Im Süden Etruriens gelegen, geriet Veio als erste Stadt in Konflikt mit Rom. 396 v.Chr. unterlag Veio den Römern als erste. Tarquinia verlor als zweite, die anderen etruskischen Städte ereilte dasselbe Schicksal. Am Ende des 1. Jahrhunderts v.Chr. war ganz Etrurien ins römische Reich eingegliedert. Die Etrusker erhielten mit den anderen Völkern südlich des Po das römische Bürgerrecht. Die Integration ins Reich förderten die Unterlegenen selbst. So, wie sie vorher kulturelle Errungenschaften der Griechen übernahmen, bis sie am Ende hellenisiert erschienen, so assimilierten sie sich an die römische Kultur. Gaius Maecenas beispielsweise, etruskischer Adeliger aus Arezzo und Namenspatron heutiger Mäzene, förderte im 1. Jahrhundert v.Chr. römische Dichter wie Vergil und Horaz.
Almut Bick





