Den Anfang machte ein riesiger Fuß mit Schuhgröße 130. Als noch ein Schienbein und ein Riesenkopf ans Licht kamen, war das Staunen groß. Die belgischen und türkischen Archäologen hatten bei ihrer Grabung in Sagalassos – einer antiken Stadt 100 Kilometer nördlich der heutigen Urlauberhochburg Antalya – nicht mit einer derart kolossalen Marmorstatue gerechnet. Solche großen Statuen sind echte Raritäten, die fast nur aus Überlieferungen bekannt sind, wie die über den „Koloss von Rhodos”, eines der sieben Weltwunder der Antike.
Der Marmorfuß steckt in einer sorgfältig gearbeiteten steinernen Sandale. Das rechte Schienbein misst vom Knie bis zum Knöchel 1,50 Meter. Schnell war den Ausgräbern klar: Der 70 Zentimeter große Kopf zeigt den jungen Kaiser Hadrian in der Tradition griechischer Philosophen mit lockigem Haar und Vollbart. Der marmorweiße Körper mit Feldherrenpanzer war ursprünglich fast fünf Meter hoch gewesen. Wenige Meter entfernt machten die Ausgräber kurze Zeit später eine weitere Entdeckung: ein kolossales Fußpaar. Die Gestaltung der Zehen und Sandalenriemen ließen auf eine Frauenstatue schließen. Bald war den Archäologen klar: Die Füße gehören zu Hadrians Ehefrau Vibia Sabina.
ALLES VIEL ZU PRACHTVOLL
Die Entdeckung der riesigen Figuren ist ein Höhepunkt der ohnehin eindrucksvollen Hinterlassenschaften in Sagalassos. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat der belgische Archäologe Marc Waelkens von der Katholischen Universität Leuven mit einem belgisch-türkischen Team auf einem Gelände von 1800 Quadratkilometern 250 Fundstellen ausgemacht. Im Mittelpunkt liegt, unter 5 Meter hohem Schutt und Sand begraben, eine prunkvolle Stadt mit zahlreichen öffentlichen Gebäuden: Ein Theater für 9000 Zuschauer, ein überdachtes Odeion für Aufführungen und Wettkämpfe mit 2000 Sitzen, eine große Bibliothek, ein riesiger Badekomplex, mehrere Tempel und Grabbauten, zwei reich geschmückte Plätze und Villen, die mit kostbaren Mosaikfußböden ausgestattet waren. All das ist viel zu zahlreich, viel zu groß und viel zu prachtvoll für eine Stadt, in der nach Schätzung von Waelkens maximal 5000 Ein-wohner lebten. Offenbar war Sagalassos ein Veranstaltungsort für kaiserliche Spiele und Feiern, die Tausende Besucher aus der gesamten kleinasiatischen Region Pisidien anlockten – mehr als die Stadt Einwohner hatte. Dieses „Missverhältnis” gab den Forschern lange Rätsel auf. Zwar herrschte ein günstiges Klima, die Verkehrsanbindung war gut und die Wirtschaft stark. Doch das alles reicht nicht aus, um die außergewöhnliche Macht und Pracht der Stadt am Südhang des Taurusgebirges zu erklären.
ANTIKER BAUBOOM
Die ersten Siedlungen in dieser Region reichen bis ins achte Jahrtausend v.Chr. zurück. Wasserreichtum, weite Wald- und Weideflächen, fruchtbare Böden und reiche Tonerdevorkommen schufen ideale Lebensbedingungen. Die fand auch Alexander der Große vor, der die Stadt 333 v.Chr. auf seinem Persienzug eroberte. Er brachte die Einwohner dazu, die hellenistische Kultur zu übernehmen. Auch in der Folgezeit stand die Stadt unter einem guten Stern. Als die Region 25 v.Chr. unter Augustus dauerhaft ins Römische Reich eingegliedert wurde, begann eine fast 200 Jahre dauernde Zeit des Friedens und der wirtschaftlichen Blüte.
Rom hatte rasch das außerordentliche wirtschaftliche und strategische Potenzial der Stadt erkannt. Mit dem Bau der Via Sebaste um 6 v.Chr. bekam Sagalassos eine direkte Verbindung zum Mittelmeer. Unter der Regentschaft von Augustus setzte ein regelrechter Bauboom ein. Die beiden öffentlichen Plätze, die Obere und die Untere Agora, wurden erweitert und mit Ehrenbögen und Statuen geschmückt. Ehrenmonumente (Heroa) entstanden, ein Tempel für Apollon Klarios wurde gebaut, der früher errichtete dorische Zeustempel wurde vergrößert. Als Vespasian zwischen 69 und 79 n.Chr. die Geschicke des Römischen Reichs lenkte, machte er in Sagalassos einen politischen Schachzug: Er verlieh einer einheimischen Familie das römische Bürgerrecht. Die führte daraufhin den Kaiserkult ein, dessen Ausübung in den Provinzen ein Zeichen politischer Loyalität war und die Anerkennung der politischen Macht des Kaisers bedeutete. Vollzogen wurde der Kult im Tempel des Apollon Klarios.
Mit dem 2. Jahrhundert kam die Zeit der Adoptivkaiser. Die Thronfolge wurde jetzt in Rom nicht mehr familiär geregelt, sondern durch „Adoption” des am besten geeigneten Mannes gesichert. Trajan war der Erste, der auf diesem Weg an die Macht kam. Durch ihn erreichte das Römische Reich seine größte territoriale Ausdehnung. Die Provinzen des hellenistischen Ostens, also auch die Region um Sagalassos, gewannen jetzt als Wirtschaftszentren zunehmend an Bedeutung.
Mit Kaiser Hadrian (117 bis 138 n.Chr.) fand Sagalassos seinen größten Förderer. Er übernahm das Erfolgsrezept von Vespasian und erteilte zahlreichen Bewohnern das römische Bürgerrecht. Da diese Oberschicht nun die Stadt finanzkräftig unterstützen musste, war eine funktionierende Stadtverwaltung gesichert. Nutznießer des Abkommens waren beide Parteien: Die Bürger konnten durch ihre Teilhabe am öffentlichen Leben ihren Einfluss stärken, und der Kaiser verschaffte sich ein politisch und wirtschaftlich gesichertes Hinterland. Sagalassos verdankte Hadrian zunehmenden Wohlstand und größere Bedeutung gegenüber den anderen Städten Kleinasiens. Hatte Sagalassos bislang zur Provinz Asien mit der Metropole Ephesos gehört, gliederte Hadrian sie nun in die Provinz Lykien-Pamphylien ein. Dadurch standen ihr die wichtigen Mittelmeerhäfen Perge, Side und Aspendos für einen weit reichenden Handel offen. Sagalassos durfte sich nun „Erste Stadt Pisidiens, Freund und Bundesgenosse der Römer” nennen. Außerdem verlieh Hadrian ihr den Ehrentitel „neokoros”, was soviel bedeutete wie „Wächter über den Kaiserkult”. Im Süden der Stadt wurde eine neue Tempelanlage errichtet: das Bauwerk mit dem reichsten Architekturschmuck der ganzen Stadt.
KONKURRENZ ZU EPHESOS
Die Bürger dankten dem Kaiser diese Förderung. Im Nordosten der Stadt ließ Neon, dessen Vater unter Vespasian den Kaiserkult in der Stadt etabliert hatte, nach dem Vorbild und in Konkurrenz zur berühmten Celsus-Bibliothek in Ephesos eine große Bibliothek erbauen. „Als eine weitere Form des Danks an Hadrian errichtete man über die ganze Stadt verteilt private und öffentliche Denkmäler”, erklärt Marc Waelkens. Neben Platzanlagen und Heiligtümern gehörten Thermen zu den repräsentativen Gebäudekomplexen einer römischen Stadt. Hier spielte sich ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens ab – in Rom wie in den Provinzen. Im Zentrum von Sagalassos wurde unter Hadrian mit dem Bau eines riesigen Bades begonnen. Eine Inschrift belegt seine Fertigstellung im Frühjahr 165 n.Chr. Hier gräbt Marc Waelkens seit 1995. Einen 1250 Quadratmeter großen Saal interpretiert er aufgrund von Form, Ausstattung und Lage im Gesamtkomplex als „ Frigidarium”, als Kaltwasserbad. Hier war es, wo er mit seinem Team 2007 die ersten Statuenfragmente in weißem, manchmal leicht gelblich schimmerndem Marmor fand: In der Südwestecke die Teile der Hadrian-Statue, in der Südostecke die Sabina-Füße. Mitte August 2008 stieß Waelkens im Steinschutt vor der Ostwand dann auf den Kopf einer weiteren Frauenstatue. Die großen mandelförmigen Augen, vollen Lippen und die Haartracht gaben dem Experten die entscheidenden Hinweise: Es handelt sich um Faustina die Ältere, die Gattin von Kaiser Antonius Pius.
Daneben lagen ein rechter Arm sowie die Zehen und Ballen zweier weiblicher Füße. Gegenüber, auf der Westseite des Saals, ruhten außerdem die Vorderteile zweier Füße eines Mannes mit Sandalen. Ihre Form ließ Waelkens schließen: Der Herr war nicht wie Hadrian mit einem Feldherrenpanzer bekleidet, sondern mit einer römischen Toga. Nachdem bereits die kaiserliche Gemahlin zum Vorschein gekommen war, konnte Waelkens den Fund leicht interpretieren: Es war Kaiser Antoninus Pius, der sich eher als Friedenskaiser denn als Soldat sah und sich auch so darstellen ließ. Das machte die Ausgräber mutig. Sie hofften, auch auf Relikte von dessen Nachfolger Mark Aurel zu stoßen. Im August 2008 ging ihr Traum in Erfüllung: In der Nordwestecke des Frigidariums fanden sie im Steinschutt ein Paar kolossaler Beine. Die Füße stecken in Armeestiefeln, mit Löwenfell überzogen und mit Ranken geschmückt. Daneben lag – 1,55 Meter lang – ein rechter Arm mit einer Hand, die eine Erdkugel hält. Wahrscheinlich wurde diese einst von einer vergoldeten Bronzestatuette der Göttin Victoria gekrönt.
Ein IRRITIERTER AUSGRÄBER
Schließlich kam ein 90 Zentimeter großer Marmorkopf zum Vorschein. „Es ist das schönste Abbild des jungen Mark Aurel, das je gefunden wurde, und es ist von außerordentlicher künstlerischer Qualität”, schwärmt Marc Waelkens. Nun zeigte sich die Gesamtkomposition: An der Westseite des Saals standen in großen Nischen die drei nacheinander regierenden Kaiser, ihnen gegenüber an der Ostseite ihre Ehefrauen. In der noch nicht erforschten Nordostecke hoffen die Archäologen auf die Statue von Faustina der Jüngeren, der Gattin Mark Aurels. Bislang vergebens: Auch bei der letzten Grabungskampagne 2009 zeigte sie sich nicht.
Was Waelkens irritierte: Wieso hatten die Bewohner von Sagalassos eine derart imposante Kaisergalerie im Frigidarium aufgestellt? Das war zwar ein wichtiger öffentlicher Raum, aber eben kein Kaisersaal. Und Waelkens war aufgefallen, dass in den Nischen die Podeste fehlten, auf denen solche Kolosse in der Regel stehen. Offenbar hatte man die Figuren ursprünglich woanders aufgestellt und sie erst später hierher gebracht. Doch warum? Und wo war ihr ursprünglicher Platz?
Ein Blick über die Stadtgrenze half weiter: In anderen Städten Kleinasiens, etwa in Pergamon, Sardis und Ephesos, gab es seit dem Ende des ersten Jahrhunderts sogenannte Thermengymnasien – einen Gebäudetyp, bei dem eine römische Badeanlage und ein griechisches Gymnasium miteinander verschmolzen sind. Im Zentrum dieser Gebäudeanlage lag stets der „Kaisersaal” mit einer Nische, in der eine Kolossalstatue des verehrten Kaisers stand. „Die Kaisersäle waren zumindest zum Zeitpunkt ihrer Errichtung Orte des Kaiserkults und der Selbstdarstellung der Stifter”, meint Martin Steskal, der österreichische Ausgräber eines Thermengymnasiums in Ephesos. Aber dort hat man bislang keine Reste einer Kaiserstatue gefunden. In Sagalassos stieß Waelkens im Zentrum der Thermenanlage auf einen Saal, der zur Herrscherverehrung gedient haben könnte. In dem kam 2000 eine sechs Meter lange Einweihungsinschrift des Gebäudes ans Licht. Es liegt also nahe, in diesem Raum den „Kaisersaal” zu sehen. Waelkens konstatiert: Hier haben die Kolossalstatuen ursprünglich gestanden. Angesichts der gewaltigen Gesamtanlage und der enormen Schuttmassen wird den Ausgräbern allerdings Geduld abverlangt. Die Fortschritte sind gering. Parallel zu den Ausgrabungen arbeiten die Wissenschaftler seit Jahren daran, aus Sagalassos einen archäologischen Park zu machen. Wichtige und gut erhaltene Gebäude werden nach und nach rekonstruiert. Auch die Statuen sollen in die wiederauferstandene Pracht integriert werden.
ERDBEBEN UND ARABER
Die Bedeutung von Sagalassos war spätestens im 5. Jahrhundert verloren gegangen. Die beiden anderen Orte des Kaiserkults, der Tempel des Apollon Klarios und der Tempel des Antoninus Pius, wurden abgetragen, und dienten als Steinbruch für Kirchenbauten. Zu der Zeit mussten auch die Statuen der mächtigen Kaiserfamilien in die Nischen des Frigidariums umziehen. Der alte Kaiserkult war nur noch Teil der Erinnerung an eine große Vergangenheit der Stadt. Das Frigidarium wurde nach der Kaiserzeit zur Galerie einer großartigen, heidnischen Vergangenheit.
Als die Ausgräber Jahrhunderte später mit ihrer Arbeit begannen, fanden sie die meisten Statuenteile im Steinschutt des Saals. Sie lagen auf einer dicken Mörtelschicht, die beim Einsturz des Deckengewölbes – vermutlich als Folge eines Erdbebens – um 590 herabgefallen war. Die flachen Füße blieben im Schutt stecken. Kleinere Marmorstücke und wertvolle Metallteile klaubte man nach dem Erdbeben zusammen und verwendete sie weiter. Die großen schweren Marmorfragmente blieben liegen. Mitte des 7. Jahrhunderts schlug das Schicksal dann doppelt und endgültig zu: Sagalassos wurde Opfer eines weiteren gewaltigen Erdbebens und der Einfälle der Araber. ■
Ronald Sprafke, Journalist und Archäologe in Potsdam, berichtete in bdw bereits mehrfach über aktuelle Grabungen in aller Welt.
von Ronald Sprafke
Kompakt
· Seit 1990 gräbt ein belgisch-türkisches Archäologenteam Monumentalarchitektur in Sagalassos aus.
· Kürzlich kamen riesige Marmorstatuen ans Licht. Sie belegen die gegenseitige Wertschätzung von Bevölkerung und römischen Kaisern.
· Die Statuen waren bei ihrer Entdeckung nicht an ihrem ursprünglichen Platz.
MARC WAELKENS
Auf neuen Wegen zurück in die alte Welt – das ist das Arbeitsmotto von Marc Waelkens, Professor für Archäologie des östlichen Mittelmeerraums an der Katholischen Universität Leuven in Belgien. Seit 1969 ist er an Grabungen in Griechenland, Syrien und der Türkei beteiligt. 1990 übernahm Waelkens die Leitung in Sagalassos. An der interdisziplinären Grabung sind neben Archäologen auch Architekten, Epigraphiker, Geologen, Archäozoologen und Paläobotaniker beteiligt. Ziel ist es, neben der Siedlungs- und Architekturgeschichte auch die Entwicklung von Vegetation, Tierwelt und Klima, die landwirtschaftliche Nutzung und die Gewinnung von Rohstoffen in der Region zu verstehen. 2008 wurde Waelkens (Jahrgang 1948) für seine wissenschaftlichen Verdienste vom belgischen König mit dem Rittertitel in den Adelsstand erhoben.
Ohne Titel
Römischer Protz in ANATOLIEN
Sagalassos im Landesinneren brauchte den Vergleich mit Pergamon und Ephesos an der Küste nicht zu scheuen.
Internet
Das archäologische Projekt im Internet (hauptsächlich in englische Sprache): www.sagalassos.be





